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Schwerpunkt: Bewegungskritik

In der Lesben- und Schwulenbewegung gibt es – wie in jeder vergleichbaren politischen Bewegung – Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Standpunkte und Konflikte. Und die beginnen ja schon bei der Frage, wie man mit ihnen umgehen soll. Manche Menschen sind ja sehr harmoniebedürftig und konfliktscheu und wollen überhaupt keine Auseinandersetzungen. Ich hingegen streite sehr gerne und lasse auch keinen Streit aus, wenn es irgendwie geht. Wiewohl ich ziemlich stur sein kann, halte ich mich aber im großen und ganzen für konziliant und pragmatisch.

Mich ärgert es allerdings, wenn Leute, weil sie keine Stellung beziehen wollen bzw. selber keine Meinung haben, das Vorhandensein unterschiedlicher ideologischer Positionen leugnen oder die Konflikte einfach als persönliche Animositäten abtun, als eine Art Hahnenkämpfe der handelnden Personen.

Mich hat es nie gestört, wenn man in der Bewegung nicht einer Meinung war oder ist. Im Gegenteil. Ich finde auch, wir dürfen alle einander kritisieren. Ich halte inhaltliche und ideologische Debatten sogar für sehr essentiell. Mögen die besseren Argumente überzeugen! Und so habe ich mir nie ein Blatt vor den Mund genommen. Manchmal war ich zweifellos zu rüde und grob, was mir in der Tat auch leidgetan hat. Zu den Personen, bei denen ich mich diesbezüglich entschuldigen muss, zählen sicherlich HEINZ MIKO und Judith Hutterer.

Auf jeden Fall fand ich es immer opportun, auch meine Kolumne dafür zu nutzen, meine mitunter vom Mainstream abweichenden Standpunkte zu vertreten und „Bewegungskritik“ zu äußern. Für diese kritische Haltung wurde ich regelmäßig von einem Teil der Bewegung angefeindet, was mich allerdings nicht weiter störte – da gilt für mich der Wahlspruch „Viel Feind’, viel Ehr’“.

Das Bizarrste, was ich in dieser Hinsicht in den 40 Jahren Bewegungsgeschichte erlebt habe, war eine konzertierte Aktion mehrerer Schwulen- und Lesbengruppen im Jahre 2002 gegen die HOSI Wien und mich persönlich. Es war am Höhepunkt des Widerstandskampfes gegen die erste blau-schwarze Regierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, in dem sich die HOSI Wien ja sehr exponiert hatte. Die HOSI Salzburg ließ sich offenbar von der Salzburger ÖVP ins Bockshorn jagen, weil diese ihr die Subventionsrute ins Fenster stellte. Dass sich dann aber sogar die sozialdemokratische LSBT-Organisation SoHo der Aktion anschloss und uns in den Rücken fiel, obwohl die HOSI Wien ja eigentlich die Oppositionsarbeit der SPÖ besorgte, ist eines der vielen Rätsel, die uns die Sozialdemokratie schon seit einigen Jahrzehnten aufgibt. Ich konnte mir jedenfalls einen bösen Kommentar in der Ausgabe 3/2002 („Durchgeknallt“) nicht verkneifen.

Ähnlich arg war nur das HOSI-Wien-Bashing sechs Jahre später durch MARCO SCHREUDER, damals grüner Gemeinderat in Wien, der vermeintlich subtil, aber in Wahrheit ziemlich plump zur „Rettung“ des Vereins aufrief, um den er sich große Sorgen machte. Das konnte sich eine stolze HOSI Wien natürlich nicht gefallen lassen – ich holte meinen Stellwagen aus der Garage: „Wer rettet die Grünen?“ (LN 6/2008).

Dieser grüne Angriff hatte auch Folgen im Jahr 2009, in dem die eingetragene Partnerschaft (EP) im Nationalrat unter Dach und Fach gebracht wurde. Es wurde immer klarer, dass die Grünen aus unerfindlichen bzw. merkwürdigen Gründen den HOSI-Wien-Kurs, sich vorerst lieber mit dem EP-Spatz in der Hand zu begnügen, als der ohnehin unerreichbaren Ehe-Taube auf dem Dach nachzujagen, torpedieren würden. Das von den Grünen (gemeinsam mit dem Rechtskomitee Lambda) vehement bekämpfte Gesetz über die eingetragene Partnerschaft (EPG) wurde dennoch am 10. Dezember 2009 vom Nationalrat beschlossen. Nur zwei grüne Abgeordnete stimmten dafür (das sollte man eigentlich nie vergessen!). In meinem Kommentar nach der Abstimmung in der Ausgabe 6/2009 („Grüne Bauernfängerei“) gehe ich mit den Grünen hart ins Gericht – Marcos Angriff aus dem Jahr davor motivierte mich natürlich nicht zu gnädiger Zurückhaltung. Jedenfalls hat die HOSI Wien von der Geschichte auf allen Linien recht bekommen: 2019 wurde die Ehe bekanntlich aufgrund eines VfGH-Urteils für alle geöffnet – das wäre nicht möglich gewesen, hätte es nicht die EP vorher gegeben.

Meine Beißhemmung gegenüber den Grünen hat sich durch Marcos Verhalten auch mittelfristig verringert, und so bekommen sie auch in den Ausgaben 3/2010 („Österreich ein einziges Nazi-KZ?“) und 4/2010 („Little Vienna“) ihr Fett ab.

Die Anbiederung eines Teils der Bewegung an die ÖVP hat mich ebenfalls immer gestört (vgl. etwa meinen Kommentar in den LN 3/1995: „Vom Umgang mit Unterdrückern“), wobei mir schon klar ist, dass man sich auf Landesebene in Wien da natürlich leichter getan hat als in den pechschwarzen Bundesländern, aber auf Bundesebene war es ja für die HOSI Wien auch nicht anders, wovon ein Großteil dieser Website beredtes Zeugnis ablegt. In der Ausgabe 1/2004 sah ich mich jedenfalls veranlasst, den KollegInnen von der HUG auszurichten: „Dafür haben wir nicht gekämpft!“

In meinem Kommentar „ÖVP vertrat NS-Gedankengut“ (4/2006) wundere ich mich wiederum über die Kritik in zwei Homo-Publikationen, die HOSI Wien habe das Tancsits-Verfahren absichtlich provoziert, was indes leicht zu widerlegen ist. Aber da waren Wiederholungstäter am Werk, die auch schon über mein Bischofsouting die Nase gerümpft hatten, worüber ich mich in der Ausgabe 4/1995 mokierte („Der Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten“).

Vergleichsweise harmlos war hingegen eine im Jänner 2006 präsentierte Studie, in der Schwule „schwule Klischees“ reproduzierten, was ich in der Ausgabe 2/2006 nicht unkommentiert ließ.

Der generelle Ausschluss Schwuler vom Blutspenden durch das Rote Kreuz war jahrelang Thema in der öffentlichen Debatte, die auf Bewegungsseite meiner Ansicht nach ziemlich irrational geführt wurde. Hier hatte und habe ich eine vom Mainstream abweichende Meinung, die ich in der Ausgabe 4/2007 („Böses Blut“) ausführte.

Dass Life-Ball-Organisator Gery Keszler wegen des Sagers „Berufsschwuchtel“ zum Kadi lief, fand ich ebenfalls aus verschiedenen Gründen problematisch (Ausgabe 2/2008: „Berufsschwuchteln, Kinderschänder und das Recht auf Meinungsfreiheit“). „Berufsschwuchtel“ ist wie „Linke Emanze“ – dafür muss man sich nicht schämen! Das lässt man sich auf ein T-Shirt drucken und zieht es mit Stolz an! Noch problematischer war dann indes die billige Solidarität von Leuten wie Julian Khol, der viel glaubwürdiger gewesen wäre, hätte er seinen Vater für Aussagen wie, die Homo-Ehe sei ein „Anschlag auf Ehe und Familie“, öffentlich zurechtgewiesen (Ausgabe 3/2008: „Lauter, Berufsschwuchteln!“).

Als es 2007 und 2008 durch die Beratungen in der von Justiz- und Gesundheitsministerium eingesetzten Arbeitsgruppe „Gleichgeschlechtliche Partnerschaften“ ernst wurde mit der eingetragenen Partnerschaft, trat ein Teil der Bewegung ziemlich amateurhaft auf und zelebrierte mit großer Verve jeden noch so kleinen Unterschied in den jeweiligen Positionen. Dies geißelte ich in der Ausgabe 6/2007 („Fetisch Gleichstellung“). Nach Einführung der EP ging es in den 2010er Jahren in dieser Tonart weiter – und damit gab es immer neue Munition für mich, gegen diese Fetischisierung der Ehe anzuschreiben: „Die Wahrheit ist auch uns zumutbar!“ (2/2013), „Sozialpornografie“ (2/2014) oder „Wohlstandsverwahrlosung“ (3/2014). Im Dezember 2017 war dann dank VfGH der Spuk vorbei, und damit auch das Fremdschämen dafür, wie manche in der Bewegung jedes noch so kleine Erste-Welt-Luxusproblem in heiligem Opferpathos zur allergrößten Menschenrechtsverletzung ever hochstilisiert haben: „Eskapismus“ (2/2017).

Dass in diesem Zusammenhang der populistische und demagogische Zeitgeist auch in den politischen Homo-Diskurs Einzug gehalten hat, beklagte ich schon früher, etwa in der Ausgabe 3/2011 („Schwul/lesbischer Populismus“). Nun muss ich ja gestehen, dass ich ganz am Anfang in meiner Agitation ebenfalls nicht zimperlich war und mit peinlichen Vergleichen und Analogien gearbeitet habe – was mir gerade im Zuge der Arbeiten für diese Website wieder unangenehm aufgefallen ist –, aber zu meiner Verteidigung bzw. Entlastung möchte ich schon vorbringen, dass sich die Zeiten eben geändert haben und die Anlässe für meinen Verbalradikalismus schon von anderer Qualität waren – aber natürlich: Heute würde ich „Schwulen-Genozid“ (LN 2/1988) und andere Ausdrücke nicht mehr verwenden.