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Schwul/lesbischer Populismus

Erschienen am 14. Juli 2011

Irgendwie werde ich immer desillusionierter. Nein, ich will jetzt nicht die guten alten Zeiten verklären. Dennoch finde ich es auffällig, wie die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Lebensweisen, das Ankommen von Lesben und Schwulen im Mainstream auf der einen Seite – wahrscheinlich zwangsläufig – auf der anderen Seite zu einer Anpassung und regelrechten Verspießerung geführt haben. Aber vermutlich hat es letzteres immer gegeben – bloß waren die angepassten und kleinbürgerlichen Lesben und Schwulen eben weniger sichtbar als heute, weil Lesben und Schwule insgesamt weniger sichtbar waren.

Und vermutlich lässt sich dieser Befund auch damit erklären, dass Schwule wie ich, die schon über dreißig Jahre homopolitisch bewegt sind, nicht nur innerhalb der Gesellschaft in einer Parallelwelt, sondern auch bis zu einem gewissen Grad in einer Parallelwelt zu den „gewöhnlichen Homosexuellen“ gelebt haben bzw. leben. Und jetzt, da letztere erfreulicherweise immer offener leben und sich immer lauter und vernehmbarer am öffentlichen Diskurs beteiligen, fällt einem diese Parallelwelt eben stärker auf.

Ich will ja nicht soweit gehen und gar das vermeintlich revolutionäre Potential beschwören, das dem Homosexuellsein grundsätzlich zumindest latent innewohnen würde (ich halte das ohnehin eher für einen Schmarrn), aber dennoch bedauere ich es zutiefst, dass das Homosexuellsein nicht – wie früher – viel stärker als positive Chance für einen anderen, alternativen Lebensentwurf gesehen und auch offensiv propagiert wird; denn die meisten Lesben und Schwulen scheinen heute nichts anderes im Sinn zu haben, als die heterosexuelle Norm inklusive Kleinfamilie nachäffen zu wollen. Das ist leider der Kollateralschaden unseres Erfolgs als Bewegung.

Strache-Niveau

Aber es ist nicht nur allein eine Frage des Inhalts, sondern auch der Form – und beides bedingt einander und eben auch die geschilderte Entwicklung. Und was diese Form anbelangt, so kann man leider nicht leugnen, dass sich beispielsweise die Argumentation der Bewegung ebenfalls immer mehr dem populistischen Zeitgeist anpasst. Die Forderungen werden immer primitiver formuliert, die – buchstäblichen – Schlagworte erreichen ein Niveau, das die FPÖ vor Neid erblassen lässt. Differenzierter Diskurs? – Das war gestern! Und da darf man sich dann nicht wundern, dass Schwule und Lesben – wie die unreflektiertesten Strache-SympathisantInnen – genauso verblödet zurückschreien, wie es mitunter aus dem Bewegungswald tönt. Bestes Beispiel sind die Postings in den einschlägigen Internetforen, die sich mittlerweile in eine absolut intelligenzfreie Zone verwandelt haben.

Über die unsägliche Gleichsetzung des Unterschieds zwischen eingetragener Partnerschaft und Ehe mit dem Apartheid-Regime in Südafrika oder der Kennzeichnung homosexueller KZ-Häftlinge mit dem Vorenthalten eines Bindestrichs beim Doppelnamen für eingetragene Paare („rosa Winkel des Namensrechts“) habe ich mich an dieser Stelle schon ausgelassen, ebenso über den dadurch erzeugten Effekt, dass Lesben und Schwule sich immer noch in einer Opferrolle wähnen, die in keiner Weise ihrer heutigen Situation entspricht. Dieses Verharren in der ohnmächtigen Opferrolle ist indes nicht nur völlig anachronistisch, sondern auch alles andere als selbstermächtigend.

Fortpflanzungsverbot?

Aber es geht ja permanent weiter: Neuerdings wird ständig die Greuelpropaganda vom „Fortpflanzungsverbot für Lesben“ getrommelt. Das ist absoluter Quatsch. Selbstverständlich ist es Lesben nicht verboten, Kinder zu bekommen. Schwangeren Lesben wird der Fötus nicht aus dem Leib gerissen, sie werden weder zur Abtreibung gezwungen noch wegen ihrer Schwangerschaft ins Gefängnis geworfen. Sie dürfen ihr Kind nach der Geburt sogar behalten! Was Lesben bei der Fortpflanzung – zumindest in Österreich – nicht tun können, ist, dafür die Dienste einer Samenbank in Anspruch zu nehmen; ein Schicksal, das sie übrigens mit alleinstehenden (= „unbemannten“) heterosexuellen Frauen teilen. Es handelt sich also nicht einmal um eine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung!

Natürlich ist der Ausschluss lesbischer und alleinstehender Frauen von der Fortpflanzungsmedizin nicht hinnehmbar, aber deshalb muss man nicht so blöde Sprüche klopfen – zumindest nicht, wenn man sich gleichzeitig über die populistischen Reime der FPÖ alteriert. Aber vielleicht besteht bei der FPÖ und jenen, die diesen Unsinn vom „Fortpflanzungsverbot für Lesben“ in die Welt gesetzt haben bzw. weiterverbreiten, ohnehin dasselbe Niveau, zumindest geistig.

Schlimm ist halt, dass solch populistischer Unsinn nicht nur nachgeplappert wird, sondern offenbar bei vielen – wie eben im Falle der FPÖ-SympathisantInnen – auf fruchtbaren Boden fällt und zu einer regelrechten Indoktrinierung und Verhetzung führt. Dumpfe Wut ist die Folge, differenziertes Denken wird ausgeschaltet. Wie sonst ist erklärbar, dass bei der Pride Show am Rathausplatz solcherart aufgehetzte Lesben ausgerechnet jene SPÖ-Bundesministerin anpöbeln, die sich am meisten für die Beseitigung dieses Unrechts einsetzt, statt dass sie – wie sich dies denkenden Menschen eigentlich erschließen müsste – ums Eck zur ÖVP-Zentrale in der Lichtenfelsgasse ziehen, wo – wenn schon Protest – ein solcher angebrachter wäre? Plakative populistische Sprüche und demagogische Rhetorik können jedenfalls auch in der Lesben- und Schwulenpolitik grundlegendes Wissen nicht ersetzen oder gar Fakten umstoßen, etwa jene, dass derzeit die rechten Parteien über eine satte 60-%-Mehrheit im Nationalrat verfügen und die SPÖ in der Regierung gegen den Willen der ÖVP nichts durchsetzen kann…

Ja, ich werde immer desillusionierter. Und merke, dass ich den Spruch, den ich mitunter ausstoße, wenn ich mich über andere Schwule und Lesben und ihre Dummheit ärgere – „Je länger ich in der Bewegung aktiv bin, desto homophober werde ich!“ –, immer weniger im Spaß sage.

Que(e)rschuss LN 3/2011