Seite wählen

Aus LAMBDA-Nachrichten NR. 3/2009

Zum 50. Geburtstag: „Einer, der unbeirrt seinen Weg geht“

VON DIETER SCHMUTZER

Die Torte zum 50er

So sah ich 1979 aus.

Am 7. April 2009 wurde unser Chefredakteur und die „Seele der HOSI Wien“, Kurt Krickler, 50 Jahre alt. Dieser Anlass wurde an diesem Tag mit einem Fest im HOSI-Zentrum begangen. Über 50 Gäste hatten sich eingefunden, die HOSISTERS und die Autonome Trutsche MARLENE VON D. brachten Ständchen dar, und DIETER SCHMUTZER, Gründungsmitglied und früherer langjähriger Obmann, hielt folgende Ansprache, die wir hier (hinter dem Rücken unseres Chefredakteurs ins Blatt geschummelt) unserer geschätzten Leserschaft zur Kenntnis bringen möchten:

 

Lieber Kurt,

es ist einfach nicht zu fassen – du wirst heute 50! Normalerweise sagt man ja, man merkt an den Kindern, wie bzw. dass man älter wird – ich merke es an den Freunden. Und daran, dass man irgendwann einmal beginnt, immer öfter von der Vergangenheit zu sprechen: „Erinnerst du dich…“, „Damals…“.

Ja, damals. Wir kennen uns nun seit genau 30 Jahren – es war bei einem der ersten Treffen im Frühjahr 1979, die in der Folge zur Gründung der HOSI Wien führten, als wir einander das erste Mal begegnet sind. Eine Gruppe – zumeist – junger, engagierter schwuler Männer (Frauen kamen ja erst später dazu). Und einer von ihnen, einer der jüngsten, warst du. Seit damals haben sich unsere Wege nie wieder getrennt, sind über weiter Strecken sogar ziemlich parallel verlaufen. Über die HOSI natürlich, und dann, einige Jahre später, auch über die Österreichische AIDS-Hilfe, in der wir ja beide in der Geschäftsführung gearbeitet hatten.

Für alle, die den Kurt noch nicht so lange kennen – vielleicht erst zehn oder 20 Jahre – muss ich jetzt ein bisserl war erzählen: Er hatte damals, anno ’79, langes, wallendes Haar, der Bart war auch länger, und er trug mit Vorliebe ein Palästinensertuch.

Sowohl in der HOSI als auch in der AIDS-Hilfe gab es – unabhängig von den Inhalten – so etwas wie eine Aufgabenteilung. Der FÖRSTER war der ruhige, besonnene Intellektuelle; der BRANDSTÄTTER der eloquente, charmante Politiker; der SCHMUTZER der freundliche, ausgleichende Mediator; der Krickler, das war der kompromisslose, kämpferische, aktionistische Agitator.

Ich will jetzt gar nicht näher auf die vielen Bereiche eingehen, wo du, Kurti, federführend, bahnbrechend gewirkt hast. National und international. In der HOSI, bei den LN, in der Österreichischen AIDS-Hilfe, bei der ILGA, im europäischen AIDS-Bereich…

Egal, wo und was es war: Du bist einer, der unbeirrt seinen Weg gegangen ist. Und überdies so fleißig, dass es fast schon an Masochismus grenzt.

Manche AktivistInnen der frühen Jahre haben sich zurückgezogen; einige gibt es nicht mehr; andere sind einfach ruhiger, älter geworden. Nicht der Kurt! Der ist genauso unbestechlich und so gar nicht stromlinienförmig geblieben wie anno dazumal. Eckt an, ist unbequem, trägt sein Herz auf der Zunge (und die ist manchmal ebenso spitz wie seine Feder) und macht sich damit nicht nur Freunde. Viel Feind’, viel Ehr’ heißt es bekanntlich – und wie wir wissen, manche ärgern sich ja nur, weil sie sich selber manches nicht trauen… Aber genau dafür, lieber Kurt, schätzen dich auch viele. Und genau dafür mag ich dich ganz besonders.

Mit großem Vergnügen denke ich z. B. an geoutete Bischöfe; ans besetzte Büro einer hilflosen Ministerin, an eine indignierte ebensolche (wir erinnern uns an den schönen Slogan „Die ÖVP hat Blut an den Händen“), deren gräflicher Gatte soeben erst aus der U-Haft entlassen wurde; an beleidigte ParlamentarierInnen, die dann vor Höchstgerichten den Kürzeren zogen … und manchmal halt auch an irritierte MitstreiterInnen. Mittelmaß ist definitiv nicht deine Sache. Und das ist gut so!

 

Den Kurt auf seine politischen Aktivitäten zu reduzieren wäre jedoch ein riesiger Fehler. Er ist nämlich auch ein Freund, ein ganz besonderer. Und auch daran möchte ich heute erinnern.

Ein Mensch mit einem übergroßen Herzen; das weiß jeder, der ihn erlebt hat, als er seinerzeit den Reinhardt gepflegt hat, und sich später dann auch um den Peter gekümmert hat.

Einer, der immer ein offenes Ohr und ein offenes Haus und Zeit für FreundInnen hat.

Ein ganz liebevoll Verspielter: So viele Streicheleinheiten wie die seinerzeitige LAMBDA-Nachrichten-Redaktionskatze im Hause Brandstätter-Krickler kriegen manche Menschen ihr Leben lang nicht. Ein hinreißender Gastgeber, der zum Abendessen – vorzugsweise kaltes Buffet – die Damasttischdecke und das feine Porzellan und das Tafelsilber und die geschliffenen Kristallgläser hervorholt und immer viel zu viel eingekauft hat.

Einer, der – man glaubt diesen Hang zum Banalen ja kaum – zu den absoluten Hard-Core-Fans des Eurovisions-Songcontests gehört. Schon damals, als dieser noch „Grand Prix d’Eurovision de la Chanson“ hieß. Einer, mit dem man einfach sitzen und tratschen und lachen und blödeln und andere Leut’ ausrichten kann. Ein Globetrotter mit ausgeprägtem Hang zu Skandinavien, der nicht nur im politischen Auftrag durch die halbe Welt reist und vorzugsweise auf seiner Maschin’ auf den Straßen zwischen Gloggnitz und dem Nordkap unterwegs ist; und der schon vor Jahrzehnten Urlaub in Albanien gemacht hat – mit seiner Großmutter.

Das alles und noch viel mehr bist du, Kurt. Ein Weggefährte und ein Freund. Und wenn sich auch weitere 50 Jahre vielleicht nicht mehr ausgehen – eines wünsche ich mir sehr. Dass du so ein „junger Wilder“ bleibst – und nach weiteren 30 Jahren unserer Bekanntschaft unterhalten wir uns dann darüber, ob wir deinen Hunderter auch noch angehen. Alles, alles Liebe!

(Dieser Beitrag erschien in den LAMBDA-Nachrichten 3/2009, S. 42 f).