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Eurovision Song Contest

Schon in den 1990er Jahren galt der Grand Prix d’Eurovision de la chanson als ziemlich schwule Angelegenheit. Auch ich bin ein großer Fan des Eurovision Song Contest (ESC), wie er später zu heißen begann. Viele Schwule sind im Laufe ihres Lebens Fans geworden, weil sie schwul sind. Bei mir war es hingegen umgekehrt: Ich hatte schon mit zehn Jahren, 1969, erstmals den Grand Prix im TV gesehen und bin danach (deswegen?) schwul geworden. Allerdings bin ich kein echter Hard-Core-Fan, dafür hatte ich nie wirklich Zeit. Aber ich habe nach 1969 keinen ESC mehr im Fernsehen versäumt.

Als 1997 erstmals ein offen schwuler Interpret – Páll Óskar für Island – antrat, verfasste ich dazu einen Beitrag in den LN 3/1997. Darin ging ich auch der Frage nach, warum der ESC schwule Männer so fasziniert, und outete mich als Fan, was damals nicht so cool war. Man genierte sich damals (auch als Schwuler) noch dafür, dass man am ESC Gefallen findet.

2002 traten mit Sestre erstmals Drag-Queens beim ESC an. Beim nationalen Vorentscheid in Slowenien kam es beim Televoting des TV-Publikums zu Problemen. Sestre wurden daher nur aufgrund der Jury-Wertung zum Sieger erklärt. In der Folge kam es nicht nur zu homophoben Kommentaren in den Medien, sondern es wurde auch versucht, die Entscheidung rückgängig zu machen. Die HOSI Wien beteiligte sich an einer Protestkampagne gegen diese Versuche. Ich berichtete in den LN 2/2002. Sestre durften nach Tallinn fahren, wo sie schließlich den 13. Platz unter 24 Teilnehmerländern belegten.

Da für die LN mit JAN FEDDERSEN ohnehin einer der kompetentesten Fachjournalisten über den ESC berichtete, griff ich dieses Thema eher selten auf. Eine Ausnahme machte ich in den LN 4/2007, als es große Aufregung nach dem ESC in Helsinki gab: Dank Televoting kamen neun der zehn Beiträge, die vom Semifinale ins Finale aufstiegen, aus Osteuropa. Der zehnte war der türkische. Im Finale waren unter den zehn besten, die sich damit für einen Fixstart im Folgejahr qualifizierten, außer Griechenland und der Türkei ebenfalls nur osteuropäische Länder. Ich analysierte die Ursachen dafür. Hauptgrund: Diaspora-Voting.

Den 57. ESC in Baku im Mai 2012 nahm ich wiederum als Vorwand für eine Reise in die drei Kaukasus-Republiken Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Für die LN 3/2012 verfasste ich einen ausführlichen Reisebericht, in dem ich auch meine Eindrücke vom europäischen Wettsingen im Land des Feuers schilderte.

2015 fand dann der ESC dank Conchita Wurst nach 1967 zum zweiten Mal in Wien statt. In den LN 2/2015 widmete ich meine Kolumne diesem Ereignis, und ich rezensierte ausführlich drei einschlägige Bücher, die rechtzeitig zu diesem Anlass erschienen waren. In der Ausgabe 3/2015 verfasste ich dann noch eine kurze Nachlese über den Wiener ESC.

 

Nana Mouskouri

Die meisten der populären Schlager- und sonstigen Sängerinnen wissen ja im Grunde, was sie ihrer in der Regel großen schwulen Fangemeinde schuldig sind, der sie nicht zuletzt auch ihren Erfolg verdanken. Aber da gibt es auch unter ESC-Teilnehmerinnen einige wenige Ausnahmen. Besonders schlimm fand ich das Verhalten Nana Mouskouris, die 1963 in London mit dem Lied À force de prier für Luxemburg antrat. Sie belegte dabei zwar nur den 8. Platz unter 16 Teilnehmerländern, machte aber trotzdem eine beispiellose Weltkarriere und wurde zur absoluten Schwulenikone. Von 1994 bis 1999 saß sie für die konservative griechische Partei Néa Dimokratía als Abgeordnete im Europa-Parlament. Dabei fiel auf, dass sie dort stets gegen die Interesse von Lesben und Schwulen stimmte, was ich ab 1997 in meiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der ILGA-Europa „aus nächster Nähe“ beobachten konnte. Ich fand die ungebrochene Verehrung der Schwulen für die Sängerin daher ziemlich unpassend und stellte später sogar ein Dossier über das homophobe Abstimmungsverhalten Mouskouris zusammen und postete es am 20. September 2004 auf ihrem Website und auf anderen Foren. Ihr Webmaster Philippe Berri entfernte es zwar sofort wieder, aber hier kann man das Dossier bis heute aufrufen.

 

Der ESC ist politisch

2008 kreuzten sich meine schwulenpolitischen Agenden noch konkreter mit meiner Vorliebe für den ESC. Dessen 53. Ausgabe fand im Mai in Belgrad statt, und Serbien hatte ja keinen besonders homofreundlichen Ruf. Im Vorfeld gab es auch Drohungen rechtsextremer Kreise. Ich war zu dem Zeitpunkt Vorstandsmitglied der EPOA, der European Pride Organisers Association, und in meiner Eigenschaft als Menschenrechtskoordinator wies ich in einem Schreiben an Svante Stockselius, den ESC-Verantwortlichen bei der European Broadcasting Union (EBU), auf die prekäre Lage in Serbien hin und forderte ihn auf, auf die serbischen Verantwortlichen entsprechend einzuwirken, dass sie für die Sicherheit der LSBT-Fans sorgen. Die Angelegenheit erregte europa- und weltweit die gewünschte Aufmerksamkeit. Hier einige Pressemeldungen dazu:

Pink News vom 14. April 2008

taz vom 19. April 2008

 

Ein Jahr später fand der ESC in Moskau statt. Ich war als HOSI-Wien- und EPOA-Vorstandsmitglied zum vierten Mal in die russische Hauptstadt gereist, um einmal mehr am Versuch, eine Pride-Parade abzuhalten, teilzunehmen. Sie wurde absichtlich am Tag des ESC-Finales angesetzt. Ich berichtete ausführlich für die LN in der Ausgabe 4/2009. Zufällig gelang es meinem Gastgeber ALBERTO VOLPATO, über einen russischen Freund auf dem Schwarzmarkt noch Karten für das Finale zu ergattern. Es war das erste Mal, dass ich live in der Halle einem ESC beiwohnte. Das sollte dann für mich zur Tradition werden: Seither habe ich jedes Jahr zumindest ein Halbfinale, ein Finale oder eine Generalprobe live in der Halle miterlebt – in Oslo, Düsseldorf, Baku, Malmö, Kopenhagen, Wien, Stockholm, Kiew, Lissabon und Tel Aviv.

Rotterdam 2021 muss ich leider ausfallen lassen. Selbst wenn Publikum erlaubt wird, gibt es nur Karten für jene, die schon Karten für den 2020 coronabedingt verschobenen ESC gekauft hatten. Und das hatte ich nicht, weil ich 2020 mit dem Kauf einer Karte so lange zugewartet habe, bis er dann abgesagt wurde.