Seite wählen

Moskau im Mai 2009: 4. Paradenversuch und 54. Eurovision Song Contest

Veröffentlicht am 17. Juli 2009
Am 16. Mai 2009 fand das Finale des ESC in Moskau statt. Nikolaj Aleksejew wollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und einmal mehr eine Gay-Pride-Demo abhalten. Für mich zwei Gründe, nach Moskau zu fahren. In den LN 4/2009 berichtete ich ausführlich über die Ereignisse – und meinen ersten ESC, bei dem ich in der Halle live im Publikum und nicht nur vor dem Fernseher saß.

Nikolaj Aleksejew und seine „Braut" kurz vor ihrer Festnahme durch Polizisten der OMON-Sondereinheit

Wie angekündigt (vgl. LN 3/2009, S. 28), haben NIKOLAJ ALEKSEJEW, seit vier Jahren Speerspitze des – bislang allerdings stets von der Polizei verhinderten – Gay-Pride in Moskau, und seine MitstreiterInnen ihren Plan in die Tat umgesetzt und am 16. Mai 2009, dem Tag des Finales des Eurovisions-Songcontests (ESC), eine öffentlichkeitswirksame Aktion in der russischen Hauptstadt durchgezogen. Den Umstand, dass der Eurovisions-Tross in der Stadt war, konnte man sich einfach nicht entgehen lassen. Natürlich war klar, dass die Polizei jeden öffentlichen Protest im Keim ersticken bzw. versuchen würde, die AktivistInnen schon im Vorfeld zu „neutralisieren“. Vorbeugend waren diese daher schon zwei Tage vorher in den Untergrund abgetaucht, genauer gesagt, an einem geheimen Ort außerhalb Moskaus gefahren, um sich dort auf die Aktion generalstabsmäßig vorzubereiten.

Ort und Zeitpunkt der diesmal als „Slawischer Pride“ geplanten Kundgebung wurde dann erst am Tag vorher auf dem Website www.gayrussia.ru bekanntgegeben: 13 Uhr am Nowopuschkinskij skver – allerdings nur in der russischen Ausgabe. Auf den englischsprachigen Seiten der Homepage suchte man die Ankündigung vergeblich. Dies und der Umstand, dass diese nur Einheimischen geläufige Adresse angegeben wurde, ist ein Indiz dafür, dass man die vielen wegen des ESC in Moskau anwesenden Schwulen aus dem Ausland gar nicht für die Demo mobilisieren wollte. Denn auf diese Art konnte sie die Information über die Parade gar nicht erreichen.

Jedenfalls ist der „Neue Puschkinplatz“ in keinem Stadtführer oder Stadtplan verzeichnet, auch der Autor dieser Zeilen musste erst bei Aleksejew anrufen, um zu erfragen, wo sich denn dieser Platz befinde. Es stellte sich heraus, dass eine Ecke im Park gegenüber des Puschkinskaja ploschtschad (Puschkinplatz) auf der anderen Seite der Twerskaja uliza offiziell so benannt ist. „Beim McDonald’s-Restaurant“, lautete der in der Tat zweckdienliche Hinweis der Aktivistin, die an dem Tag die Anrufe auf Aleksejews Handy entgegennahm.

Dort hatten sich jede Menge Polizei und eine Handvoll GegendemonstrantInnen, deren Zahl auch jedes Jahr bedenklich abnimmt, eingefunden. Überhaupt war die Stadt von Einsatzkräften belagert, was allerdings nichts mit einer möglichen illegalen Homo-Demo zu tun hatte, sondern vielmehr mit der Angst vor einem terroristischen Anschlag während des Songcontests. Jedenfalls standen nur ein paar ausländische ESC-Tifosi am Puschkinplatz als teilnehmende BeobachterInnen herum, darunter JAN FEDDERSEN, LN-Autor und ESC-Korrespondent der ARD (siehe Kasten auf S. 32), und ich. Russische AktivistInnen ließen sich nicht erkennbar blicken. Als dann die GegendemonstrantInnen lautstark ihre Parolen schrieen, wurden einige von ihnen verhaftet und in Arrestantenwagen weggebracht. Offenbar wollten die Polizisten der Spezialeinheit OMON, deren kyrillische Abkürzung ОМОН von rechts nach links gelesen witzigerweise „HOMO“ ergibt, nicht völlig untätig herumstehen.

Da aber sonst nichts weiter passierte, zogen wir bald wieder ab. Denn schon vor 13 Uhr waren wir informiert worden, dass die „Action“ bereits woanders stattgefunden hatte. Gegen 12.45 Uhr hatte mich ORF-Korrespondent Georg Dox angerufen, der mich am Ort des eigentlichen Geschehens vermisst hatte: Die rund 30–40 AktivistInnen aus Russland, Belarus und dem „westlichen“ Ausland hatten ihre Demo auf die Sperlingsberge (Worobjowy gory) verlegt. Dort hat man von einer Aussichtsplattform an der Uliza Kosygina in der Nähe der Lomonossow-Universität, eines der sieben Moskauer Wolkenkratzer im Zuckerbäckerstil aus der Stalinzeit, einen wunderschönen Ausblick über das darunter liegende Ufer der Moskwa und die gesamte Stadt. Er ist ein beliebter Treffpunkt, am Abend etwa für Biker, aber auch als Film- und Fotokulisse ein Muss für Hochzeitspaare am Tag ihrer Trauung.

Die Polizei hatte allerdings Wind von der neuen „Location“ bekommen, was indes wohl beabsichtigt war, denn ohne Auflösung der Demo durch die Polizei hätte es wohl keinen Medienhype gegeben. Jedenfalls waren die Einsatzkräfte inklusive Spezialeinheit OMON vor Ort, als sich die Demo formierte, und es dauerte nur wenige Sekunden, bis allen DemonstrantInnen ihre Transparente entrissen und sie selber festgenommen und in Polizeiautos verfrachten waren. Um die Polizei zu narren, kam Nikolaj Aleksejew mit einem als Braut verkleideten Aktivisten in einer weißen Strechlimousine getrennt vom Rest der AktivistInnen vorgefahren, doch kaum dem Cadillac entstiegen, wurde auch dieses „Brautpaar“ festgenommen.

Die internationalen Medien waren ebenfalls an den Ort des Geschehens bestellt worden und zahlreich erschienen. Ein paar Stunden später liefen die Filmberichte über die Vorfälle bereits über viele TV-Kanäle, wobei der ORF einer der ersten war – nicht einmal zwei Stunden später konnte man die Bilder auf orf.at sehen. Auch Euronews war diesmal sehr rasch mit seinen Nachrichten und Bildberichten im Äther.

 

PR-Desaster

Für jedes andere Regime wäre es ein absolutes PR-Desaster gewesen: Da findet am Abend – wahrscheinlich einmal in einem halben Jahrhundert – der Eurovisions-Songcontest im Land statt, die Augen der ganzen Welt sind auf die Stadt gerichtet, eine tolle Veranstaltung findet statt, und dann wird die Berichterstattung darüber durch Erwähnung dieser Vorkommnisse in fast allen Print- und visuellen Medien getrübt. Den Mächtigen im Kreml scheint ein solches PR-Desaster aber völlig egal zu sein, sie sind dermaßen arrogant, dass ihnen das Image des Landes in der Welt egal ist.

Hätte man das Häuflein DemonstrantInnen in Ruhe gelassen, hätte wohl kein ausländisches Medium danach gekräht – die Sache hätte den Newswert des berühmten, in China umgefallenen Fahrrads gehabt –, die AktivistInnen hätten sich gegenseitig bei ihrer Aktion fotografiert und die Bilder ins Internet gestellt. Aber so – und hier ging Aleksejews Strategie voll auf – haben die Massenmedien in aller Welt – meist eben auch in Zusammenhang mit dem ESC – über die Auflösung der Demo berichtet. Für die russische Bewegung einfach genial: Eine derart breite, weltweite Mediendeckung mit so wenigen Mitteln zu erreichen ist in jeder Hinsicht einfach unbezahlbar.

Im übrigen wurde die Demo von der Polizei zwar unsanft aufgelöst, aber es gab heuer keine Verletzten – gewaltbereite Gegendemonstranten hatten sich auf den Sperlingsbergen auch nicht eingefunden.

 

Grüne sollten vor eigener Tür kehren!

Was heuer am 16. Mai in Moskau passierte, war also in Wirklichkeit sogar weniger schlimm als die gewalttätigen Polizeiübergriffe am 1. Mai 2009 in Linz. Umso lächerlicher und unglaubwürdiger muss daher die Aufforderung ausgerechnet des grünen Wiener Gemeinderats Marco Schreuder anmuten, der in einer Aussendung am 16. Mai Bürgermeister Michael Häupl aufforderte, den alljährlich in Wien stattfindenden Moskau-Ball im Wiener Rathaus ab sofort zu stoppen: „Nachdem der Moskauer Bürgermeister wiederholt die Menschenrechte von Lesben und Schwulen mit Füßen getreten hat, gilt es, hier ein klares Signal zu setzen.“

Statt solche läppische Aufforderungen an Häupl zu richten, wäre es indes viel glaubwürdiger, würden die Grünen in Oberösterreich endlich ein klares Signal setzen und die Koalition mit der ÖVP aufkündigen. Es ist unerträglich, dass diese Partei immer noch die Steigbügelhalterin für Landeshauptmann Josef Pühringer abgibt, obwohl sich dieser immer noch bedingungslos hinter die Polizei stellt, wiewohl mittlerweile längst klar ist, dass die unfassbare und beispiellose Polizeigewalt am 1. Mai in Linz unmotiviert und rechtswidrig war. Da sieht man wieder, wie schnell auch die Grünen moralisch verkommen, sobald sie mitregieren dürfen bzw. glauben, dass sie mitregieren.

 

Spektakulärer Grand Prix

Aber wieder zurück nach Moskau. Dem Spektakel am Abend – dem Finale des 54. Grand Prix d’Eurovision de la Chanson – taten diese Vorkommnisse nicht den geringsten Abbruch (in Linz hatte die Polizeigewalt vom 1. Mai ja auch keine Auswirkungen auf das weitere Programm des Kulturhauptstadt-Jahres). Es war eine eindrucksvolle Show, die da am Abend im Sportiwnij Kompleks „Olimpijskij“ vom Stapel lief. Die riesige Bühne, für die angeblich 30 Prozent der weltweit derzeit verfügbaren neuen LED-Lichttechnik aufgeboten worden sind, war in der Tat beeindruckend. Mit ihrer Hilfe wurden tolle Effekte erzielt, ja selbst die gewichtige Erscheinung der maltesischen Sängerin Chiara (ca. 150 Kilo) konnte damit fast zum Verschwinden gebracht werden.

Es war ja mein erster Songcontest, bei dem ich live dabei war. ALBERTO VOLPATO, in den 1990er Jahren gemeinsam mit mir im Vorstand der ILGA-Europa und während der verhinderten Gay-Pride-Paraden der letzten vier Jahren mein lieber italienischer Gastgeber in Moskau, hatte uns Eintrittskarten besorgt. Bisher hatte ich ja den Grand Prix nur im Fernsehen verfolgt, das allerdings seit 1969, als ich ihn im zarten Alter von zehn Jahren zum ersten Mal sah, konsequent, ohne jemals einen zu versäumen (vgl. LN 3/1997, S. 48 ff). Überraschend für mich war allerdings, dass die Angelegenheit dann doch nicht so übertrieben schwul war, wie dies immer dargestellt wird. Natürlich waren viele schwul aussehende Männer in der Olympia-Arena unterwegs, aber von 90 Prozent konnte keine Rede sein. Es war eigentlich wie bei jedem anderen Popkonzert. Auf jeden Fall scheint es ein ganz anderes Publikum gewesen zu sein als jenes, das auf eine Homo-Demo gehen würde. Ich sah dann auch im ganzen Auditorium keine einzige weitere Regenbogenfahne – ich war offenbar der einzige, der eine mitgebracht hatte und schwenkte.

Die russischen ZuschauerInnen in unserer Nähe waren jedenfalls sehr patriotisch. Beim Voting wurden ihre Gesichter immer länger, sie hatten sich offenbar ernsthaft Chancen ausgerechnet, dass Russland ein zweites Mal gewinnen könnte. Böse Zungen behaupteten ja, es wäre volle Absicht gewesen, dass Russland mit Anastasija Prichodko eine Ukrainerin ins Rennen schickte, damit man dann einer Ausländerin die Schuld fürs schlechte Abschneiden geben konnte. Der Druck auf die russischen TeilnehmerInnen ist ja immer enorm, weil eine Niederlage beim ESC fast als nationale Schmach betrachtet wird.

Darüber beklagte sich auch Marija Kats am 12. Mai in der englischsprachigen Tageszeitung The Moscow Times. Sie war unter ihrem Künstlernamen Judif – den sie sich übrigens in Anlehnung an das Gemälde Judith von Gustav Klimt gewählt hat – 1994 als erste russische Teilnehmerin angetreten und belegte damals „nur“ den 9. Platz, wofür sie dann zu Hause ziemlich, auch antisemitisch, angefeindet wurde. Erst als dann 1995 selbst ein Star wie Filipp Kirkorow nur 17. wurde und 1997 sogar der absolute Sowjet-Megastar Alla Pugatschowa auch nur auf den 15. Platz landete, wurde den RussInnen allmählich klar, dass Russland beim ESC eben nur ein Land unter vielen ist. Dennoch löst der russische Großmachtswahn offenbar immer noch eine bestimmte Erwartungshaltung aus.

Aber heuer konnte sich Russland ja ohnehin damit trösten, dass mit Alexander Rybak einer von ihnen gewonnen hat – immerhin war er 1986 ja noch in der damaligen Sowjetunion geboren worden, bevor seine Eltern mit ihm nach Norwegen auswanderten. Und so wurden Rybak und sein Sieg von Russland auch gleich „eingemeindet“. Der Umstand, dass Rybak in der weißrussischen Hauptstadt Minsk das Licht der Welt erblickte, spielte dabei keine Rolle – so genau nimmt man es dann doch nicht.

 

Märchenhafter Triumph

Alexander Rybak hat verdient gewonnen, ja geradezu triumphiert. Das süße 23-jährige Bubi, das – wie das französische Schwulenmagazin Têtu in seiner Mai-Ausgabe (# 144) schrieb – aussieht, als sei es gerade „einem Casting bei Bel Ami oder Cadinot entsprungen“, sang sich mit seinem Fairytale in die Herzen der Jurys und TelevoterInnen in ganz Europa.

Und auch zur Homosexualität hat Rybak eine ganz entspannte Haltung. In einem Interview in der Mai-Ausgabe der schwedischen LSBT-Monatszeitung QX meinte er auf die Frage, ob ihm schon aufgefallen sei, dass die meisten ESC-Fans schwul sind: „Ja, das auffälligste Homosexuelle, was ich jemals sah, war vor einem Songcontest, als im Osloer Schlosspark zwei Männer Sex miteinander hatten. Da dachte ich: Ja, jetzt ist wieder Eurovisions-Zeit.“

Auf die Frage, ob er schon einmal einen Mann geküsst habe, antwortete Rybak in QX: „Nein, habe ich noch nicht. Aber ich bin ganz locker, wenn es darum geht, von einem Mann zu sagen, dass er gut aussieht. Mir gefallen männliche Kerle wie Russell Crowe und Brad Pitt. Und meine beiden Lieblingssänger sind Schwule: Freddie Mercury und George Michael. Ich liebe sie!“ Eigentlich ist Alexander Rybak ein klassisch ausgebildeter Geiger.

Rybaks Sieg war mit 387 Punkten unangefochten, geradezu unglaublich. Die zweitplatzierte Isländerin Jóhanna Guðrún Jónsdóttir erhielt für ihr Lied Is it true? 218 Punkte. Die IsländerInnen freuten sich riesig über ihre tolle Platzierung, waren aber sicherlich insgeheim froh, nicht erster geworden zu sein, denn der bankrotte Kleinstaat hätte sich die Austragung des Songcontests im nächsten Jahr wohl nicht leisten können.

 

Gerechtere Resultate

Die Einführung des neuen Abstimmungssystems beim ESC – die nationalen Wertungen werden je zur Hälfte durch eine Jury und das Televoting ermittelt – ist jedenfalls ein Segen, wiewohl jene Nationen, die über keine große Diaspora-Bevölkerung im Ausland verfügen, nach wie vor stark benachteiligt sind, wenn es um den Aufstieg ins Finale oder die Reihung der Plätze geht. Hier schneiden Länder mit vielen EmigrantInnen oder Volksgruppen im Ausland unverdientermaßen gut ab, wie z. B. auch heuer wieder die Türkei.

Beispielhaft dafür ist etwa, dass heuer ausgerechnet im Siegerland Norwegen durch eine technische Panne die Auszählung der rund 225.000 Televoting-Stimmen nicht rechtzeitig erfolgen konnte, weshalb für die norwegische Wertung – dem Reglement für solche Fälle entsprechend – nur das Jury-Ergebnis zählte, was Bosnien-Herzegowina prompt den 8. Platz kostete. Offenbar hatten wieder viele bosnische Einwanderer massiv für ihre ehemalige Heimat abgestimmt – diesmal allerdings vergebens.

Dennoch ist das neue System fairer – und so sollte es für Österreich keinen Grund mehr geben, nächstes Jahr nicht wieder in den Schoß der ESC-Familie zurückzukehren – machen wir doch Jan Feddersen diese Freude! Austragungsort wird die ebenfalls über 20.000 ZuschauerInnen fassende Telenor-Arena in Oslo sein, die auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Oslo-Fornebu vor den Toren der norwegischen Hauptstadt errichtet worden ist.