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ESC: Endlich ein offen schwuler Interpret

Veröffentlicht am 8. Juli 1997
Schon in den 1990er Jahren galt der Eurovision Song Contest (ESC) als ziemlich schwule Angelegenheit. Eigentlich unglaublich, dass erst 1997 bei seiner 42. Ausgabe erstmals ein offen schwuler Interpret auftrat. Ich ging in den LN 3/1997 der Frage nach, warum der ESC schwule Männer so fasziniert, und outete mich ebenfalls als großer Fan, der schon mit zehn Jahren erstmals den Grand Prix im TV anschaute und danach keinen mehr versäumt hat (und deswegen letztlich schwul wurde).

Páll Óskar beim ESC in Dublin 1997


Der Grand Prix d’Eurovision de la chanson gilt zwar als ziemlich schwule Angelegenheit, sowohl was die Fan-Gemeinde als auch die Mitwirkenden betrifft, aber dennoch: Wir mußten auf den 42. Grand Prix warten, bis endlich und erstmals ein offen schwuler Interpret ins Rennen geschickt wurde – im nachhinein betrachtet eigentlich unglaublich. Jedenfalls danke, Island!

Islands offen schwuler Popstar Páll Óskar – alias Paul Oscar im Ausland – trat beim 42. Eurovisions-Schlagerwettbewerb im Mai in Dublin offen als Schwuler auf. Anno 1997 kann das allerdings nicht mehr schockieren, niemanden regt das mehr auf, erwartet man ja fast schon von den Stars der Musikszene, daß sie schwul sind. Daher wurde um Páll Óskars Schwulsein auch wenig Aufhebens gemacht. Das Probenpublikum und die MitarbeiterInnen von Telefis Éireann entzückte er jedenfalls mit einer Drag-Nummer: Er sang spontan das erste irische Siegerlied, All Kinds of Everything, mit dem Dana 1970 in Amsterdam gewann.

ORF-Kommentator Ernst Grissemann kam das Wort „schwul“ oder „homosexuell“ allerdings nicht über die Lippen, diskret verschlüsselte er: Rosa von Praunheim hätte seine helle Freude an Páll. Allerdings merkte man dann an der Wertung, daß sich Europa für den Isländer doch nicht erwärmen konnte, denn so schlecht war sein Lied Minn hinsti dans auch wieder nicht. Vielleicht waren den Jurys zwischen Ankara und Lissabon aber auch die Bühnenshow und das Outfit seines Chors doch etwas zu heiß! Mit 18 Punkten belegte Páll leider nur den 20. Platz – einen vor Österreich. Auch Island muß daher nächstes Jahr pausieren – dabei ist die Nordmeerinsel so eine treue Teilnehmerin am Song Contest gewesen, die seit 1986, als sie erstmals mitsingen konnte, nachdem endlich das Überseekabel durch den Nordatlantik verlegt worden war, nie gefehlt hat! Die Isländer sind Páll jedoch nicht böse, denn erfolgsverwöhnt sind sie ohnehin nie gewesen, sondern eher auf den 12. bis 16. Platz abonniert, einmal wurde Island sogar letzter, einmal siebenter. Beste Plazierung bisher: Das Duo Stjórnin wurde mit Eitt lag enn 1990 in Agram vierter.

Interessant übrigens auch, von wem Páll Punkte bekam: je zwei aus Estland und Österreich (brav!), sechs aus Großbritannien und acht aus Schweden. In den letzten drei genannten Ländern konnten die TV-ZuschauerInnen mittels telefonischer TED-Abstimmung mitwählen. Ob da tatsächlich, wie in Deutschland ernstlich befürchtet wurde, die nicht zu unterschätzende Gruppe der schwulen Grand-Prix-Fans aus schwuler Solidarität massiv für ihresgleichen gestimmt hat? In Deutschland und der Schweiz, den beiden anderen Ländern mit Televoting, hat es jedenfalls nicht funktioniert. Kein Punkt für Páll. In Deutschland dürften eher die türkischen MitbürgerInnen mobilisiert haben, zwölf Punkte gingen an die türkische Interpretin Şebnem Paker, die auf dem sensationellen dritten Platz landete. Im Vorjahr in Oslo war sie nur zwölfte.

Apropos Televoting: Ich halte das für einen Schwindel bzw. die technische Ausrüstung kann offenbar den Ansturm der Telefonanrufe nicht bewältigen, wodurch die Ergebnisse klarerweise verfälscht werden. Ich habe während der ganzen Zeit, als die Wahl lief, die Nummer für meine absolute Favoritin Alla Pugatschowa gewählt – und es war ständig besetzt. Die russische Star-Legende (300 Titel, 150 Millionen (!) verkaufte Tonträger), nach der sogar ein finnisches Schiff getauft wurde, landete mit Primadonna – wie Páll sang Alla eine Art Schwanengesang auf eine alternde Diva – völlig unverdient auf dem 15. Platz – eine echte Ungerechtigkeit und Enttäuschung.

Aber zurück zu Páll. Nach eigenen Angaben ist er der populärste Popsänger seiner Heimat, also eine Art männliche Björk. Er war bereits als Kind ein Star im Fernsehen und Radio. Als der heute 27jährige vor zehn Jahren als Schwuler herauskam, dauerte es zwei Jahre, bis Island den Schock überwunden hatte, bekannte er in der norwegischen Lesben- und Schwulenzeitschrift Blikk. In Reykjavík sei ja die Schwulenszene ungefähr so groß wie eine italienische Durchschnittsfamilie, umfasse also rund 200 bis 300 Mitglieder.

Bis heute hat Páll fünf Alben veröffentlicht, seine letzte – Seif – wurde in Island 8000mal verkauft und damit vergoldet – für Gold reichen in Island 5000 abgesetzte Exemplare. Páll hofft jetzt auf eine internationale Karriere nach dem Grand Prix – er war schon auf Tournee in Deutschland – und wollte sich zu diesem Zweck im Juni endgültig in London niederlassen.

 

Warum erst jetzt?

Selbst Páll zeigte sich überrascht, daß er der erste offen schwule Interpret beim Grand Prix gewesen ist. Sicherlich war er nicht der erste schwule Interpret beim Song Contest. Aber das ist das alte Tabu: Ob Opernregisseur, ob Stardirigent, ob Sänger oder sonstiger Musikkünstler – man hängt das eventuelle Schwulsein nicht groß an die Glocke. Insider und vielleicht sogar eine größere Öffentlichkeit wissen Bescheid, aber es ist tabu. Wie gesagt, gerade eine Veranstaltung wie der Grand Prix weist einen Schwulenanteil auf, der sicherlich um einiges höher liegt als im sonstigen Bevölkerungsdurchschnitt. Kaum zu übersehen sind die vielen Schwulen im Bühnenhintergrund, die Chorsänger, auch so mancher Interpret blieb für das geschulte Auge nicht unerkannt. Wer erinnert sich nicht an die Super-Tunte Filipp Kirkorow, der sich 1995 in Dublin mit Kolybelnaja dlja wulkana für Rußland auf den 17. Platz sang? – Naja, so viele werden’s wohl nicht sein. Klarerweise traten beim Grand Prix auch versteckte „Schrankschwule“ auf, bekanntestes Beispiel dafür ist wohl Cliff Richard (1968 in London für Großbritannien zweiter mit Congratulations, 1973 trat er mit Power to All Our Friends nochmals an).

 

Was fasziniert Schwule so am Grand Prix?

Aber auch vor der Song-Contest-Bühne tummeln sich überdurchschnittlich viele Schwule. Ja, manche meinen sogar, daß es nur den Schwulen zu verdanken sei, daß es den 1956 ins Leben gerufenen Grand Prix immer noch gibt, nur sie hielten ihn durch ihr Interesse noch am Leben.

Selbst eine seriöse Schwulenzeitung wie die großformatige niederländische De GAY Krant widmet dem europäischen Wettsingen jedes Jahr zwei doppelseitige Berichte, einen vor dem Spektakel und einen danach.

Die Song-Contest-Fanclubs sind europaweit fest in schwuler Hand. Und so gibt es auch die – vom Autor nicht überprüfte – Anekdote vom Grand-Prix-Klub auf den Färöer, dessen Mitglieder beim ersten Treffen herausfanden, daß sie alle schwul waren. Der Klub wurde zwar nicht zur Wiege einer färöischen Schwulenbewegung, aber so haben die schwulen Färinger zumindest einen Grand-Prix- und einen Schwulenklub in einem.

Eine befriedigende Erklärung für dieses europaweite Phänomen, warum der Grand Prix so viele Schwule fasziniert, wurde jedenfalls noch nicht gegeben. JAN FEDDERSEN, deutscher Grand-Prix-Experte und Redakteur bei der Berliner tageszeitung, meint zu dieser Frage: Das ist eine Anti-Haltung. Schlagerfan zu sein ist der größtmögliche Gegensatz zum Fußball, dem üblichen Männervergnügen. Wobei als Paradoxon zu Deutschland anzumerken ist, daß Marianne Rosenberg, der deutschen Schwulen liebster Schlagerstar, es bisher nicht geschafft hat, die deutsche Endausscheidung (welch häßliches Wort in diesem Zusammenhang!) zu gewinnen, während ansonsten alles, was im deutschen Schlager Rang und Namen hat, auf der Song-Contest-Bühne vertreten war, angefangen von den Kessler-Zwillingen 1959 in Cannes über Conny Froboess 1962 in Luxemburg (Zwei kleine Italiener, 6. Platz), Heidi Brühl 1963 in London (Marcel, 9.) bis Wencke Myhre (1968 mit Ein Hoch der Liebe sechste – vier Jahre zuvor war sie bereits in ihrem Heimatland Norwegen mit Lad meg være ung beim nationalen Vorentscheid am Start gewesen); übrigens nicht der einzige Skandinavien-Import der Deutschen: Siw Malmkvist landete 1969 in Madrid mit Prima ballerina auf den 9. Platz, 1960 war sie in London für ihre schwedische Heimat angetreten; die Dänin Gitte Hænning belegte schließlich 1973 in Luxemburg den 8. Platz für Deutschland mit Junger Tag. Ja, und natürlich darf Katja Ebstein nicht unerwähnt bleiben: Sie versuchte es gleich dreimal, 1970, 1971 und 1980.

Bevor wir aber hier von den Details der Grand-Prix-Geschichte fortgetragen werden, zurück zu dieser rätselhaften Frage: Warum nur, warum? (Udo Jürgens’ Beitrag für Österreich 1964 – 6. Platz). Kato Hansen, Präsident des norwegischen Grand-Prix-Klubs, der übrigens Páll Óskar dieses Jahr für die schwul/lesbischen Befreiungstage nach Oslo engagiert hat, hat eine andere Erklärung als Feddersen parat, aber auch er kann dieses Phänomen nicht befriedigend deuten: Grand-Prix-Kultur, das ist Auftritt über die Showtreppe ins Licht, große Gala und große Geste; immer ein wenig exaltiert und übertrieben – das trifft Wunschträume und schwules Lebensgefühl.

Ich finde, es haben beide Erklärungen etwas für sich. Das zugleich Patriotische und Völkerverbindende, das etwa Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften ausstrahlen, finden Schwule, eben weil sie das Glamouröse, Schillerende und Schrille so fasziniert, viel eher beim Song Contest, speziell wenn sie nicht sportbegeistert sind. Und dieses Gefühl der Weltoffenheit, der Freiheit, der globalen Gemeinschaft, nach dem sich Schwule in der bedrückenden Enge ihres Alltagsdaseins vielleicht sehnen, kann der Grand Prix zumindest ansatzweise vermitteln. Schwule sind überdies wahrscheinlich generell „more internationally minded“, also internationaler eingestellt, bekennen sich vielleicht auch eher zu ihrem schlechten Geschmack als andere .

Jedenfalls – wo sonst hat man Gelegenheit, Musik aus 25 Ländern, in verschiedenen Sprachen, zu hören? Nachdem in den späten 70er und frühen 80er Jahren alle ABBA nachmachen wollten, knüpfen in jüngster Zeit etliche Beiträge wieder an die traditionellen Musikstile ihrer Länder an, was den Grand Prix auch in musikalischer Hinsicht wieder interessanter macht.

Auch wenn wir keine endgültige Antwort auf unsere Frage, was diese Faszination des Grand Prix auf Schwule ausmacht, haben, so ist eines sicher: Schwule zwischen Tromsø und Catania, Porto und Sankt Petersburg freuen sich schon auf den 43. Grand Prix d’Eurovision de la chanson im Mai 1998 – nach 16 Jahren wieder in Großbritannien.