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Reinhardt Brandstätter

1979 fand ich in Reinhardt meinen Lebensmenschen. Wir waren bis zu seinem Tod 1992 zusammen. Den folgenden Text über unser gemeinsames Leben verfasste ich für eine 20-seitige Hommage an Reinhardt und MICHAEL HANDL, zwei bedeutende Aktivisten der österreichischen Schwulen- und Lesbenbewegung. Diese Würdigung anlässlich ihres 10. Todestages erschien als Beilage zu den LAMBDA-Nachrichten 2/2002. Interessierte können die gesamte Beilage hier als PDF herunterladen.

Reinhardt lernte ich am 2. Mai 1979 kennen. Es war das 2. Treffen jener Schwulengruppe, die WOLFGANG FÖRSTER mittels Falter-Inserats im März jenes Jahres ins Leben rief und die sich später zur HOSI Wien auswachsen sollte. Ich hatte mich auf das Inserat bei Wolfgang gemeldet, weil ich mich unbedingt in einer Schwulengruppe engagieren wollte.

FOTO: ALFREDO JAGENDORFER

Das erste Treffen der Gruppe hatte ich dann jedoch versäumt, weil ich Ostern bei meinem dänischen Freund in Kopenhagen verbracht hatte. Ich hatte Sten im Juni 1978 beim CSD in Kopenhagen kennengelernt. Dort gab es im Gegensatz zu Österreich bereits damals eine blühende Lesben- und Schwulenbewegung und CSD-Demos. Ich war schwer beeindruckt und wollte unbedingt auch in Wien etwas in diese Richtung tun. Sten war meine erste Liebe, ich war 19, hatte gerade die HAK-Matura gemacht. Da ich in Dänemark keinen Job fand, entschloß ich mich, in Wien zu bleiben, und begann im Herbst 1978 mit dem Studium, was mir erlaubte, Sten regelmäßig, wohl einmal im Monat, zu besuchen.

Reinhardt hatte an jenem Abend ein Auge auf mich geworfen. Die Gruppe traf sich damals noch in Privatwohnungen, anschließend gingen einige noch in die Alte Lampe. Es war der Beginn einer 13jährigen Beziehung. Reinhardt hatte zwar Affären mit Männern, war aber zu dem Zeitpunkt verlobt. Kurze Zeit später löste er die Verlobung. Wir waren damals beide jung, hatten wenig Erfahrungen, wir waren „alternativ“ und wollten auf keinen Fall spießig sein. Ich kam gar nicht auf die Idee, die Beziehung zu Sten aufzugeben, bloß weil ich nun eine mit Reinhardt einging, und Reinhardt bestand nicht darauf. Ich weiß auch gar nicht, wie ich mich entschieden hätte, hätte er es getan. Die beiden lernten sich später kennen, als mich Sten in Wien besuchte. Ich fuhr weiterhin regelmäßig nach Kopenhagen. Das ging bis 1981 so, aber es wurde immer klarer, daß die Beziehung zu Sten sich immer mehr in bloße Freundschaft verwandelte, weil die Beziehung mit Reinhardt einfach zu dominant wurde. Im Sommer 1981 brach Sten dann jeden Kontakt zu mir ab.

Diese anfänglichen Umstände prägten Reinhardts und meine Beziehung jedenfalls sehr stark, wie ich heute finde. Wir waren zwei eigenständige, unabhängige Persönlichkeiten, die sich nicht gegenseitig besitzen, sich nicht aneinander klammern wollten. Und es war von vornherein auch klar, daß wir uns in sexueller Hinsicht nicht treu sein mußten. Wir hatten jeder unser eigenes Leben.

Das war vermutlich das Erfolgsrezept für die lange Dauer unserer Beziehung. Wir waren sehr verschieden, hatten unterschiedliche Interessen. Reinhardt war sehr gesellig, ging gerne auf Partys, konnte sich nächtelang in der Szene herumtreiben, mich hat das immer gelangweilt. Er fuhr gern in den Süden, ich lieber in den Norden. So machten wir in unseren ersten zehn Jahren kein einziges Mal gemeinsam Urlaub. Wir sind auch nicht gleich zusammengezogen. Da wir all die Jahre sowohl in der HOSI Wien als auch ab 1985 in der AIDS-Hilfe ohnehin fast ständig bei der Arbeit zusammen waren, mußten wir nicht auch noch unsere ganze Freizeit miteinander verbringen. Wir bezogen unsere gemeinsamen Erlebnisse der Zufriedenheit und auch des Glücks wohl weniger aus gemeinsamen privaten Unternehmungen als durch die Erfolge in der gemeinsamen Arbeit. Unsere Beziehung war also alles andere als symbiotisch, wir gingen nicht ineinander auf, jeder hatte seine relativ großen Freiräume. Heute glaube ich, daß mir das auch das Leben gerettet hat – nach Reinhardts Tod.

Reinhardt war zweifellos der romantischere von uns beiden. Irgendwann, es muß 1982 oder 1983 gewesen sein, brachte Reinhardt von einer Florenzreise Verlobungsringe mit. Ich war überrascht, fühlte mich etwas überrumpelt. Aber an der Art unserer Beziehung änderte sich dadurch nichts. Viel wichtiger als etwa sexuelle Treue waren uns Loyalität in allen anderen Dingen und auch der gegenseitige Respekt – und da haben wir uns, glaube ich, selten enttäuscht. Wir hatten relativ wenige Krisen, bedenkt man das intensive Leben, das wir hatten, daher fände ich es übertrieben zu sagen, wir haben viel an unserer Beziehung arbeiten müssen.

Reinhardt und ich (mit Katze namens „Katze“) posierten bereits als Homo-Paar in Mainstream-Magazinen (hier in Basta, Mai 1987), als das noch nicht gang und gäbe war.

FOTO: HUBERT SCHATZL

Mein AIDS-Quilt-Gedenktuch für Reinhardt

FOTO: FRIEDRICH NUSSBAUMER/NAMES PROJECT WIEN

Im Jänner oder Februar 1985 erfuhren wir, daß wir HIV-infiziert waren – wir hatten auch an der anonymen HIV-Antikörperstudie teilgenommen, die unter Mitwirkung der HOSI Wien von Univ.-Prof. Dr. Horak durchgeführt wurde. Damals wurde einerseits die Wirksamkeit des HIV-Tests getestet und andererseits die Durchseuchung in verschiedenen Gruppen untersucht. Wer von uns wen angesteckt haben könnte, war für Reinhardt und mich nie Thema oder gar ein Problem – es war ohnehin unmöglich, das festzustellen. Es war auch nicht so, daß wir uns danach groß überlegt hätten, was machen wir mit dem Rest unseres Lebens, oder mit dem Schicksal gehadert hätten, keine Sekunde. Zu dem Zeitpunkt fühlten wir uns beide völlig gesund. Und es gab da auch noch starke Sachzwänge. Einer davon war der Umstand, daß wir nach dieser Studie auf 68 positiven Befunden saßen und es keinerlei Struktur gab, die die Betroffenen auffangen und weiter betreuen konnte. Reinhardt war sich völlig klar darüber, daß hier etwas getan werden mußte. Ebenso war es wichtig, auch den in Zukunft noch viel dringenderen Bedarf an anonymer Testung abdecken zu können. So reifte der Entschluß, die AIDS-Hilfe zu gründen.

 

Es folgten fünf Jahre intensive Aufklärungs- und Aufbauarbeit, deren wichtigste Stationen und Weichenstellungen ab Seite 11 [Anm.: in besagter Hommage] nachzulesen sind. Reinhardt schonte sich in dieser Zeit überhaupt nicht, er hatte jahrelang einen 14-16-Stundentag und betrieb Raubbau an seiner eigenen Gesundheit. Es war aber für ihn absolut klar, daß er es machen mußte. Er beklagte sich nie darüber und verfiel nie in Selbstmitleid. Es besteht aber kein Zweifel, daß es zu einem Gutteil ihm zu verdanken ist, daß den Kampf zwischen Tauben und Falken darüber, wie die österreichische AIDS-Politik auszusehen hatte, schließlich die Tauben für sich entscheiden konnten.

Seinen persönlichen Kampf gegen die eigene Krankheit führte er ebenso tapfer – und mit bewundernswerter Abgeklärtheit. Es war eine schwierige Zeit, aber er arrangierte sich gezwungenermaßen mit der Krankheit, paßte sein Leben an sie an, wuchs fast in sie hinein, wie er in einem Interview einmal meinte: Für den Kranken selbst ist das nie so ein großes Problem wie für die Umgebung. Die Umgebung denkt sich: Wie muß der leiden. Aber man kommt da so allmählich in die Krankheit hinein und richtet sich und organisiert sich, so daß es gar nicht so schmerzhaft erlebt wird (Falter # 28 vom 11. Juli 1991). Vieles, was man sich nie vorstellen konnte, wird nach und nach zur Routine. Man lernt, damit umzugehen und zu leben.

Eröffnung der ÖAH-Beratungsstelle in Wien, November 1985: Helga Halbich, Gunter Liebeswar, Verena Baustädter, Reinhardt Brandstätter, Judith Hutterer, Nina Arzberger, Otto Presslich (1937–2018)

Im Sommer 1987 begann Reinhardt mit der Behandlung: Retrovir/AZT als Monotherapie – andere Medikamente gab es damals nicht. Bald traten bei Reinhardt die ersten schwerwiegenden Symptome auf. Es folgten fast fünf Jahre, in denen sich immer mehr Komplikationen und die AIDS-typischen opportunistischen Infektionen einstellten. Die Intervalle zwischen den immer länger werdenden Spitalsaufenthalten wurden immer kürzer. Reinhardt hatte schwere epileptische Anfälle, inklusive Zungenbiß, Pneumocystis-carinii-Lungenentzündungen, Darmerkrankungen, massive Hautprobleme, wurde durch das Retrovir alle paar Wochen anämisch und benötigte dadurch Bluttransfusionen – die ganze Palette. In den letzten zwei Lebensjahren war er immer sehr müde, er brauchte viel Schlaf und Ruhe. Oft war er nur ein paar Stunden einsatzfähig. Über viele Perioden hinweg brauchte er auch zu Hause Betreuung rund um die Uhr.

Ich habe seine Krankenhausaufenthalte nie gezählt. Es waren viele. Später habe ich mir manchmal gedacht, ich hätte genau Tagebuch führen sollen, nicht nur über den Verlauf seiner Krankheit, auch über die vielen Zwischenfälle, die es gegeben hat, und später auch über die vielen unschönen Vorfälle in der und rund um die AIDS-Hilfe, die schließlich zu ihrer Auflösung führten. Man vergißt ja all die Details, die Erinnerung verblaßt. Heute, nach zehn Jahren, kommen mir diese Jahre seiner akuten Erkrankung mit den immer kürzer werdenden Pausen, in denen er ein halbwegs normales Leben führen konnte, nur mehr wie eine diffuse Zeitmasse vor, aus der bloß die negativen, aber auch manche positiven Höhepunkte als spitze Konturen herausragen. Über einige Dinge raufe ich mir noch heute die Haare.

Irgendwann wurden auch Reinhardts Augen untersucht. Eine der gefährlicheren opportunistischen Infektionen ist ja die CMV-Retinitis, die zu Blindheit führt. Der Arzt stellte eine Fehldiagnose. Reinhardt nahm zehn Monate lang ein schweres Medikament gegen das nicht vorhandene Cytomegalievirus – als tägliche Infusion. Er hängte sich die Infusion zu Hause selber an, was nicht nur unseren Eiskasten in einen Apothekerschrank und unser Schlafzimmer in ein Lazarett verwandelte, sondern auch seine Bewegungsfreiheit stark einschränkte, obwohl wir das ganze Zeug dann doch einmal in den Urlaub nach Italien mitnahmen. Irgendwann stellte sich dann heraus, daß er nie CMV hatte.

Eine Episode werde ich auch nie vergessen: Reinhardt ging es wieder einmal sehr schlecht. Ich brachte ihn auf die AIDS-Ambulanz auf der Baumgartner Höhe – Reinhardt war all die Jahre dort in Betreuung –, um ihn auf Annenheim, der AIDS-Station, aufnehmen zu lassen. Reinhardt hatte offenbar wieder diese typische PC-Lungenentzündung, mittlerweile erkannte ich sie schon an seiner veränderten Atmung. Es muß 1991 gewesen sein, als die AIDS-Stationen in Wien an akutem Personalmangel litten und sogar von Schließung bedroht waren. Jedenfalls war Aufnahmestopp. Man wollte uns allen Ernstes wieder heimschicken. Reinhardt war zu schwach, um aufzustehen und aufs Klo zu gehen. Er lag da im Wintermantel auf einer Krankenliege am Gang der Ambulanz und machte sich in die Hose. Ich war so wütend, daß ich ins Büro von Primar Vetter stürmte und dort einen, wie ich fürchte, eher unhöflichen Auftritt hatte. Gott sei Dank bin ich bei solchen Gelegenheiten ja nicht unbedingt gehemmt. Es hat jedenfalls gewirkt. Reinhardt wurde aufgenommen, und er hatte leider tatsächlich wieder eine PCP.

Aber Annenheim, das Pflegepersonal und die ÄrztInnen, waren im großen und ganzen schon okay. Es herrschten vergleichsweise anarchistische Zustände. Es ist wohl die einzige Lungenheilstätte weit und breit mit eigenem Raucherzimmer. Das hatte Reinhardt durchgesetzt, denn die Leute waren anfangs gezwungen gewesen, vor der Tür im Freien zu rauchen. Und da konnte man sich im Winter ja in der Tat den Tod holen! Im Sommer, wenn die Sonne schien, war das Jugendstil-Areal der Baumgartner Höhe und der Wald geradezu idyllisch. Ich verbinde durchaus auch angenehme Erinnerungen damit. Die Besuchszeiten auf Annenheim waren ebenfalls völlig liberalisiert. BesucherInnen konnten kommen und gehen, wann sie wollten. Ich kam ja oft erst spätabends, mitunter so erschöpft, daß ich in Reinhardts Bett einschlief, während er beim Fernsehen im Aufenthaltsraum saß – und rauchte. Übrigens hatten wir auch eingeführt, zu zweit im Bett zu liegen und zu kuscheln. Dabei ließen wir uns weder durch die Arztvisite noch vom Pflegepersonal stören.

Ja, man lernt gezwungenermaßen, sich mit der Krankheit zu arrangieren, paßt sich ihr an. Allerdings gab es auch Entwicklungen, auf die man sich nicht eingestellt hatte. Nackte Panik packte mich etwa, als bei Reinhardt zum erstenmal völlig unvermittelt Sprachstörungen auftraten. Er sagte unverständliche Worte, ja Silben, die keinen Sinn ergaben, war aber fest davon überzeugt, sich verständlich auszudrücken, und ungehalten, daß ich ihn nicht verstand. Unvorbereitet stürzt einen so etwas in schiere Verzweiflung. Welch Segen und Privileg jedoch in einer solchen Situation, mit Judith Hutterer befreundet zu sein, die dann um drei Uhr nachts einen Hausbesuch machte.

Ohne unsere Freunde hätten wir das all die Jahre nicht geschafft. Ich wollte auch in dieser Phase nicht ganz auf mein eigenes Leben verzichten, was sicherlich sehr egoistisch war, aber es war in gewissem Sinne wohl notwendig. Zwar wurde ich, als sich die Österreichische AIDS-Hilfe Ende Juni 1991 auflöste, arbeitslos, wodurch ich mich in Reinhardts letzten neun Lebensmonaten viel intensiver um ihn kümmern konnte, aber ich fuhr immer noch zu Tagungen und Treffen (ich hatte ja noch meine HOSI- und ILGA-Verpflichtungen), aber üblicherweise nur für ein paar Tage. Dann kümmerten sich wie schon zuvor MICHAEL, FRIEDL, DIETER und andere FreundInnen sowie Nachbarn um Reinhardt. Aber meist verschlechterte sich Reinhardts Zustand während meiner Abwesenheit. Ich hatte nie einen epileptischen Anfall bei ihm miterlebt, die passierten immer, wenn ich nicht da war. Nach Reinhardts Tod plagten mich Schuldgefühle, mich nicht genug um ihn gekümmert zu haben, oft ungeduldig gewesen zu sein, nicht alles für ihn getan zu haben. Aber ich bin mir sicher, daß Reinhardt das verstanden und es mir verziehen hat. 

Reinhardt und ich haben nie über seinen Tod und seine möglichen Ängste davor gesprochen. Darüber hat er sich lieber mit anderen unterhalten, um mich nicht zu belasten. Trost war ihm ganz bestimmt, daß er auf ein erfülltes und erfolgreiches Leben zurückblicken konnte. So meinte er in einem Interview für den WIENER (September 1991): Man bekommt eine andere Beziehung zum Tod. Das führt auch dazu, daß man ein bißchen eine andere Beziehung zum Leben kriegt. Man denkt schon darüber nach, was man so im Leben gemacht hat, was man geleistet hat, und dann bin ich irgendwie sehr zufrieden. Weil ich mein ganzes Leben sehr aktiv war und sehr viel geleistet habe, und da denke ich mir, andere brauchen drei Leben für das, was ich in einem Leben gemacht habe. Und das macht’s leichter, viel leichter.

Obwohl Reinhardts Zustand sich verschlechterte, machten wir 1989, 1990 und 1991 noch drei Urlaubsreisen – unsere ersten gemeinsamen – nach Südtirol und an die lombardischen Seen. Trotz aller Beschwerlichkeiten und Reinhardts großer Müdigkeit waren es wunderschöne Wochen. Durch den Umstand, daß sich Reinhardt immer wieder erholte und selbst nach sehr schlimmen Krankheitsverläufen immer wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde, verdrängte ich wohl den Gedanken, daß es einmal nicht mehr so sein könnte. Aber es war nicht nur Verdrängung, sondern tatsächlich schwierig, einzuschätzen, schafft es Reinhardt noch einmal oder nicht. Wenn ich mir die Diskussionen über Sterbehilfe anhöre, dann denke ich mir immer, selbst bei Reinhardts schlimmsten Zuständen hätte ich niemals erlaubt, eine Behandlung abzubrechen, weil ich einfach so oft miterlebt hatte, wie er sich doch wieder erholte.

In der Karwoche 1992 war Reinhardt wieder auf Annenheim. Er war sehr erschöpft und müde, aber nicht mehr, als er früher mitunter schon gewesen war, zumindest empfand ich es so und war nicht beunruhigter als sonst, als ich ihn abends nach meinem Besuch verließ. Am nächsten Morgen erwachte ich um halb sieben. Ich wußte nicht, warum; es war merkwürdig, denn normalerweise wachte ich nie um diese Zeit ohne Wecker auf. Irgend etwas war. Als um 7 Uhr das Telefon läutete (ebenfalls sehr ungewöhnlich), wußte ich sofort Bescheid. Reinhardt hatte sich von mir verabschiedet. Er ist vor einer halben Stunde gestorben, teilte mir der Arzt vom Annenheim mit. Es war der 17. April, Karfreitag.

Es ist wirklich so, wie man oft sagt: Der Boden wird einem unter den Füßen weggezogen. Aber eigentlich kann man es nicht beschreiben. Und was noch unbegreiflicher ist: Das Leben geht tatsächlich weiter, der Himmel stürzt nicht ein.

Reinhardt war mein Lebensmensch. Ihn verloren zu haben werde ich wohl nie wirklich ganz überwinden – das merke ich auch jetzt, da ich mich wieder intensiver mit ihm beschäftigte und diese Zeilen schreibe. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Man kann sich in Arbeit stürzen, sich ablenken, die Erinnerung auf Distanz halten, auch wenn man, wie ich, in der gemeinsamen Wohnung mit den gemeinsamen Erinnerungen und den Fotos in den Regalen, die man täglich ansieht, weiterlebt. Aber sobald ich mich intensiver erinnere, ist Reinhardt wieder ganz nah. Erst voriges Jahr habe ich seinen Schreibtisch endlich ausgeräumt, Sachen weggeworfen. Sein Namensschild bleibt jedoch weiterhin an der Wohnungstür. Ich träume auch noch immer von Reinhardt, sehr selten zwar, aber erst unlängst wieder, da hatten wir wilden Sex miteinander.

Keine Frage, Reinhardt wird mit mir alt werden und erst mit mir sterben.

Ostern 2002