Peter Scheucher

Peter, Jahrgang 1957, lernte ich im September 1993 kennen, 16 Monate nach Reinhardts Tod. Peter hatte seinen Partner GERHARD FREITAG, mit dem er sieben Jahre zusammen gewesen war, ebenfalls 1992 an AIDS verloren.

Unser „gemeinsames“ Schicksal erleichterte die neue Beziehung. Denn Reinhardt und Gerhard waren immer noch sehr präsent – wenn Peter und ich uns aus unserem früheren Leben erzählten, erzählten wir natürlich auch ständig von ihnen. Wenn das in einer neuen Beziehung nur ein Partner tut, kann das – wie ich mir durchaus vorstellen kann – bald nerven. Aber so konnten unsere beiden verstorbenen Partner in unserer Beziehung einfach mitleben. Peter und ich gingen auch gemeinsam auf die Gräber. Und als wir im Sommer 1995 zwei Wochen mit den Motorrädern in Dänemark und Südschweden unterwegs waren, besuchten wir auf der Rückreise auch Stens Grab auf Bornholm. Noch heute gehe ich auf Gerhards Grab und zünde eine Kerze an, wenn ich in Graz bin, obwohl ich Gerhard nie kennengelernt hatte. Im Rahmen des NAMES Project Wien habe ich für Peter und Gerhard ein gemeinsames Quilt-Gedenktuch gemacht.

NAMES-Project-Wien-Gedenktuch für Peter und Gerhard.

FOTO: FRIEDL NUSSBAUMER

Peter war in seinen Studentenjahren ebenfalls Aktivist gewesen – und treibende Kraft bei der Gründung der Homosexuellen Initiative (HOSI) Steiermark im November 1983. Und so hatte er großes Verständnis für mein Engagement und dafür, dass ich dafür so viel Zeit aufwendete. Allerdings bemühte ich mich, die Wochenenden freizuhalten, zumal wir ja eine Wochenend- bzw. Fernbeziehung führten, da Peter in Graz arbeitete und wohnte.

Peter knüpfte dann wieder an seine Aktivisten-Vergangenheit an und beteiligte sich an Aktivitäten der HOSI Wien, wie etwa der spektakulären Aktion Standesamt im Wiener Rathaus im November 1994. Und er begleitete mich zu einigen ILGA-Tagungen, u. a. nach London (1993), Palanga in Litauen (1994) und New York (1994). Peter war auch meine größte Stütze bei meiner Bischofsouting-Aktion im August 1995. Obwohl Peter gläubig war („religiös“ wäre vielleicht schon zu viel gesagt), hatte er mit der römisch-katholischen Amtskirche nicht viel am Hut. Im Gegenteil – er war da extrem kritisch eingestellt, damals dominierten ja Figuren wie Hans Hermann Groër oder Kurt Krenn die öffentlichen Debatten.

Peter war Assistent der Geschäftsführung der Firma Saubermacher in Graz (mit damals schon rund 350 MitarbeiterInnen im In- und Ausland), die mit seiner Homosexualität keinerlei Probleme hatte. Auch nach der Aktion Standesamt, über die ja u. a. ein ausführlicher Beitrag im ZiB-Abendstudio gesendet wurde, gab es nur positive Reaktionen seitens des Unternehmens und der Geschäftspartner, wie Peter in einem Beitrag in den LN ausführlich schilderte, um dann folgendes Fazit zu ziehen: „So hat sich gezeigt, daß meine Befürchtungen grundlos waren. Die Lehre, die ich daraus ziehe, ist daher, daß es sinnlos ist, sich vor der Öffentlichkeit zu fürchten. Auch die Annahme, alle seien schwulenfeindlich, ist ein Vorurteil. (…) Ich kann nur jedem/-r raten, fest zu sich selbst zu stehen, denn das ist der einzige Weg, aus seinem Leben etwas zu machen.“ (LN 1/1995, S. 14 f – übrigens wussten BEATE SOLTÉSZ und HELGA WIDTMANN, die diese Aktion gemeinsam mit uns durchführten, ebenfalls nur über positive Reaktionen zu berichten.)

Aktion Standesamt im Wiener Rathaus am 16. November 1994 mit BEATE SOLTÉSZ und HELGA WIDTMANN sowie „Standesbeamtin“ Mercedes Echerer.

FOTO: CHRISTIAN MINUTILLI

Peter und ich waren wirklich in allen Dingen auf einer Wellenlänge. Es war eine wunderbare harmonische und intensive Partnerschaft. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich nach der Beziehung mit Reinhardt noch einmal so viel Glück haben könnte. Es sollte jedoch nicht einmal drei Jahre dauern.

Peters gesundheitlicher Zustand begann sich 1996 sehr rasch zu verschlechtern. Die opportunistischen Infektionen waren leichter beherrschbar geworden, allerdings war der Zusammenbruch des Immunsystems unaufhaltsam – zum Schluss hatte Peter praktisch keine T-Helferzellen mehr. Der Verlauf der Vollbilderkrankung AIDS war bei Peter weniger dramatisch und dauerte auch nicht so lange wie bei Reinhardt. Trotz einiger Krankenstände arbeitete Peter noch bis ins Jahr 1996 hinein. Auch in dieser Phase erwies sich sein Arbeitgeber als sehr korrekt und unterstützend. Das Dienstverhältnis wurde erst – auf Peters Wunsch – zweieinhalb Monate vor seinem Tod gelöst. Die letzten Monate wohnte Peter meist bei mir in Wien, er war auch auf der AIDS-Station im Otto-Wagner-Spital in Behandlung, die meiste Zeit ambulant, wo er täglich eine Infusion verabreicht bekam. Als er am 14. August 1996 verstarb, war er stationär aufgenommen.

Peter hatte die neue Generation von Medikamenten, die sich endlich als halbwegs wirksam erweisen sollten, nicht mehr erlebt. Wären sie ein paar Monate früher verfügbar gewesen, hätte er es vielleicht auch noch geschafft. Dieser Gedanke quält mich immer noch, hier hadere ich bis heute mit dem Schicksal.

Da Peter gläubig war, war es keine Frage, dass er ein kirchliches Begräbnis bekam. Der Trauergottesdienst wurde von AIDS-Seelsorger Pater CLEMENS KRIZ in der Pfarrkirche von Großsteinbach, Peters Heimatort, gehalten. Danach wurde er im Familiengrab beigesetzt. Ich stand neben seiner Mutter am offenen Grab, um die Beileidsbekundungen der zahlreich erschienenen Trauergäste entgegenzunehmen. Ich glaube, es waren wohl an die 100, wobei ich mich da auf meine Erinnerungen nicht so gut verlassen kann – man erlebt das ja alles nur irgendwie in Trance. Bloß zwei Leute schüttelten nur Peters Mutter die Hand, während sie mir den Handschlag verweigerten (vielleicht war das ja auch eher meiner Bischofsouting-Aktion ein Jahr zuvor als meiner Homosexualität geschuldet). Ich nahm das jedenfalls als Bestätigung von Peters oben zitierten Worten. Ja, selbst auf dem Land, in einem Dorf mit weniger als 1300 EinwohnerInnen musste man schon damals keine Angst haben, herauszukommen und offen schwul zu leben…

In den LN 4/1996 erschien foldender Nachruf

Dr. Peter Scheucher

16. April 1957 – 14. August 1996

Peter Scheucher war einer der Pioniere der österreichischen Lesben- und Schwulenbewegung. Im Frühjahr führte er erste Gespräche mit Gleichgesinnten, um in Graz eine HOSI nach Wiener Vorbild aufzubauen. Ab Juni 1983 fanden bereits regelmäßig wöchentliche Treffen statt. Im Juli nahm Peter an der 5. IGA-Weltkonferenz in Wien teil, was ihn für seine Pläne nur weiter motivierte. Als treibende Kraft bei der Gründung der Homosexuellen Initiative Steiermark im November desselben Jahres, die nach Wien, Salzburg und Linz die vierte HOSI in Österreich war (vgl. LN 1/1984, S. 5 ff), wurde Peter auch ihr erster Obmann.

Ende 1984 zog er sich auf den Rechnungsprüferposten zurück, um sein Studium abzuschließen, dazu verschlug es ihn beruflich nach Deutschland. Im September 1985, inzwischen als Biologe promoviert, sprang er wieder als Vizeobmann ein. Als er 1986 eine Stellung als Geschäftsführer bei einer mittlerweile großen Müllentsorgungs- und -verwertungsfirma in Graz annahm (die er über zehn Jahre, bis zweieinhalb Monate vor seinem Tod innehatte), zog er sich endgültig aus der ersten Reihe der HOSI Steiermark zurück. Er blieb dem Verein, nicht zuletzt über seinen Freund Gerhard Freitag, mit dem er seit 1985 zusammenlebte und der sich in der Vereinsarbeit, speziell auch beim Betreiben des Vereinslokals Inside in der Plüddemanngasse engagierte, weiterhin verbunden, bis sich die HOSI Steiermark schließlich im März 1989 aufgrund von Steuerschulden beim Finanzamt auflösen und das Inside schließen mußte (vgl. LN 2/1989, S. 20, und 1/1990, S. 23).

1992 erkrankte und verstarb Peters Lebensgefährte Gerhard nach sieben gemeinsamen Jahren an AIDS. Peter pflegte und betreute ihn bis zum Tod. Gerhard war durch eine Bluttransfusion mit HIV infiziert worden, die ihm 1985 bei einer Operation eines Zwillingsgewächses verabreicht worden war. Obwohl man damals bereits ausreichend vor HIV gewarnt war und auch schon Tests zur Verfügung standen, hat das steirische Gesundheitswesen offensichtlich aus einer in diesem Fall unangebrachten Sparefrohgesinnung heraus noch alle alten Bestände an Blutkonserven ungetestet aufgebraucht. Ein AIDS-Skandal, der übrigens noch darauf wartet, aufgedeckt zu werden.

Zwar ist Peter auch bei den Rosaroten Panthern, die sich im November 1991 gegründet haben (vgl. LN 1/1992, S. 31 f), Mitglied geworden, sein Engagement beschränkte sich aber – sieht man von einer singulären Mitarbeit bei den Vorbereitungen des Grazer Tuntenballs ab – auf finanzielle Unterstützung. Erst als er seinen Lebenspartner Kurt Krickler im September 1993 kennenlernte, begann er wieder, in der Bewegung mitzuarbeiten. Er wurde nicht nur Kurts treuer (Reise-)Begleiter zu etlichen ILGA-Tagungen, sondern beteiligte sich auch aktiv an kleineren und größeren Aktionen: Die größte war sicherlich die Aktion Standesamt im November 1994, als sich Peter und Kurt – gemeinsam mit Helga und Beate – im Trauungssaal des Wiener Rathauses medienwirksam das Ja-Wort gaben (vgl. LN 1/1995, S. 10 ff). Von anderen Aktionen, an denen Peter teilnahm, seien die Mitarbeit an der Anklage zum Internationalen Menschenrechtstribunal 1945–1995: 50 Jahre Unterdrückung von Lesben und Schwulen in Österreich im Juni 1995 in Wien (vgl. LN 3/1995, S. 31 ff) und das Kiss-in der Rosa Antifa am Stephansplatz im Dezember 1995 (vgl. LN 1/1996, S. 35) erwähnt. Peter war aber auch die größte Stütze seines Lebensgefährten vor und nach der Bischofs-Outing-Aktion im Sommer 1995.

Neben seinem offenen und selbstverständlichen Auftreten als Schwuler, neben seinem gradlinigen und konsequenten Eintreten für schwul/lesbische Anliegen schätzten wohl alle an Peter, die ihn näher kannten, seine humanistische Grundhaltung, sein unglaubliches umfassendes Fach- und Allgemeinwissen, das er nie aufdringlich einsetzte, seine scharfe Intelligenz, sein brillantes Analysevermögen und die Fähigkeit, scheinbar komplizierte Zusammenhänge auf den wesentlichen Punkt zu bringen, ohne zu vereinfachen. Es war ein begnadeter Erzähler und Unterhalter, kaum ein Gesprächspartner, der sich nach einer längeren Konversation mit ihm nicht bereichert gefühlt hätte.

Mit Peter hat die Bewegung in Österreich einen wichtigen, aufrichtigen und loyalen Mitstreiter, Freund und Förderer verloren.

 

Nachträgliche Anmerkung:

Erst später änderten die Rosaroten Panther ihren Vereinsnamen auf RosaLila PantherInnen – Schwul-Lesbische ARGE Steiermark.