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Jörg-Haider-Outing

Den jüngeren LeserInnen wird der Name Jörg Haider (1950–2008) vermutlich nichts mehr sagen. Er war ein populistischer FPÖ-Politiker aus Kärnten. Schon Anfang der 1990er Jahre gab es Gerüchte um seine Bi- bzw. Homosexualität. Im März 2000 wurde er dann „offiziell“ geoutet. Nach seinem Tod wurde seine Homosexualität erneut Thema in den Massenmedien – er hatte ein Klagenfurter Schwulenlokal besucht, bevor er alkoholisiert und unter Drogeneinfluss mit stark überhöhter Geschwindigkeit in den Tod raste.

Über die Jahre habe ich in den LAMBDA-Nachrichten etliche Beiträge über den Umgang der Öffentlichkeit mit Jörg Haiders Homosexualität verfasst. Sie sind chronologisch in der Abteilung „Weitere LN-Beiträge“ eingeordnet. Zum besseren Verständnis habe ich hier eine Übersicht über die Texte zusammengestellt, dazu jeweils eine kurze Einführung verfasst und einen Link zu den jeweiligen Beiträgen gesetzt (bei einem handelt es sich um meine regelmäßige LN-Kolumne):

 

Ist Jörg Haider schwul?

Diese bange Frage hatten sich sicherlich viele Homosexuelle in Österreich bereits Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre gestellt und für sich auch beantwortet. Jede/r, der/die Klaus Theweleit gelesen hat oder auch nur ein bißchen eine Antenne für das latent Homosexuelle an Männerbünden und Sportvereinen hat, hat gewiss schon Vermutungen über die damalige Jungmännerclique um Haider angestellt. Auch Elfriede Jelinek ist das Homoerotische an Haiders Kumpanenschaft aufgefallen. Im Dezember 1991 erwähnte sie dies erstmals auch öffentlich. Mein erster Beitrag zu diesem Thema erschien in der LN-Ausgabe 1/1992.

 

Wird Kärnten noch wärmer?

In der heißen Wahlkampfphase für die Kärntner Landtagswahlen 1999 häuften sich in der Fellner-Presse die Anspielungen auf Jörg Haiders Faible für fesche junge Männer. Nach Haiders Wahltriumph machte NEWS die Sache durch eine seltene Homestory aus dem Eheleben des FPÖ-Chefs wieder gut. Für die LN 2/1999 stellte ich eine erschöpfende Presseschau zusammen.

 

Spekulationen gehen weiter

Die Koalitionsverhandlungen nach der Nationalratswahl im Oktober 1999 zogen sich in die Länge, zur (schwarz-blauen) Regierungsbildung sollte es erst im Februar 2000 kommen. In einem Beitrag in den LN 1/2000 beleuchtete ich die Chancen für die Umsetzung schwul/lesbischer Forderungen und einmal mehr die massenmedialen Anspielungen auf Jörg Haiders Männerfreundschaften.

 

Jörg Haider ist schwul

Der jahrelange mediale Eiertanz um Jörg Haiders Homo- bzw. Bisexualität – ohnehin seit Jahren ein offenes Geheimnis in Journalisten- und sonstigen Kreisen – wurde in den ersten Monaten des Jahres 2000 immer heftiger. Am 21. März 2000 schritt dann schließlich Jochen Herdieckerhoff in der Berliner tageszeitung zur Tat und outete Haider quasi „offiziell“. Zwar hatten Österreichs Medien ein Outing Jörg Haiders durch deutsche KollegInnen fast schon erfleht – selber wollten sie sich die Finger nicht schmutzig machen –, doch als es dann endlich passierte, waren Österreichs JournalistInnen plötzlich schmähstad bzw. wurden von ärgsten moralischen Bedenken geplagt. Schmähstad waren auch Haider und die FPÖ. Tagelang waren die Telefone der üblicherweise sehr kommunikationsfreudigen FPÖ-Bosse auf Anrufbeantworter um- oder ganz abgeschaltet. Und Haider, sonst die personifizierte Prozessierfreudigkeit, die schon wegen ganz anderen Kleinigkeiten zum Kadi gelaufen ist, drohte nicht einmal mit Klage! Warum? Ich beschäftigte mich ausführlich mit diesem Phänomen in den LN 2/2000.

 

Darf/Soll Haider geoutet werden?

Mit dieser Frage befasste ich mich in derselben Ausgabe in meinem Kommentar. Meine Antwort fiel eindeutig aus: Ja, natürlich darf grundsätzlich auch Jörg Haider geoutet werden! Aber natürlich soll Jörg Haider nicht geoutet werden! Warum? Das erfährt man in besagter Kolumne.

 

Buberln beim Weitpinkeln

Haiders Plan, die Gerüchte über seine Homosexualität durch Ignorieren totlaufen zu lassen, ging nur teilweise auf. Zwar wurde es in den österreichischen Medien tatsächlich relativ ruhig um Sache, aber im Ausland, wo man die subtilen Feinheiten in Jochen Herdieckerhoffs Outing-Artikel nicht rezipiert hatte, galt er alsbald eindeutig als Schwuler. Aber auch in Österreich hatten es jetzt plötzlich alle „immer schon gewusst“, und gerade in der FPÖ und gerade in Kärnten hätte man doch stets mehr oder weniger offen darüber geredet. In diesem ausführlichen Beitrag in den LN 3/2000 fasste ich die damals aktuellen Wortmeldungen zusammen.

 

Die verkappte Supertunte?

Im Jahr 2000 wurden zahllose Aufsätze und etliche Bücher über Jörg Haider publiziert, die sich zum Teil auch mit der Psyche des Kärntner Landeshauptmanns und dem massenpsychologischen Phänomen der Haider-Verehrung auseinandersetzten. Doch ein wesentlicher Aspekt blieb dabei immer ausgespart: seine (verkappte, offenbar nicht bewältigte) Homosexualität und welche Auswirkungen sie auf sein Agieren hatte. Hier sprang ich zum Ausgleich mit diesem langen Bericht in den LN 1/2001 ein.

 

Tödlich verunglückt

Am 11. Oktober 2008 raste Haider sturzbetrunken und unter Drogeneinfluss mit stark überhöhter Geschwindigkeit in den Tod. Seine Homosexualität wurde erneut Thema in den nationalen und internationalen Medien. Die Zugriffszahlen auf die HOSI-Wien-Website und speziell deren UnterabteiIung zum Haider-Outing explodierten geradezu. Ich widmete der Sache ebenfalls noch einmal einen ausführlichen Beitrag in den LN 6/2008.

 

Zickenkrieg der Witwen

In den Monaten nach Jörg Haiders Unfalltod kam es zu einem regelrechten Zickenkrieg zwischen der Erstwitwe Claudia Haider und der Zweitwitwe Stefan Petzner. Natürlich ließ ich mir dieses Drama für einen Beitrag in den LN 1/2009 nicht entgehen. Haider verhalf übrigens der HOSI Wien noch zu einem Rekord: Ihre Medienaussendung vom 5. August 2008 mit dem Titel „Ist Jörg Haider schwul?“ war unter den mehr als 120.000 OTS-Aussendungen des Jahres 2008 die meistabgerufene!

 

Sexpartner meldet sich ein Jahr nach Haiders Tod

Zum ersten Jahrestag von Jörg Haiders Unfalltod präsentierte die deutsche Bild-Zeitung – und in der Folge das österreichische Magazin NEWS – erstmals einen wahrhaftigen Sexpartner des FPÖ- und späteren BZÖ-Politikers. Ich nahm dies in den LN 6/2009 zum Anlass, einmal mehr auf die homoerotischen Seilschaften im Umfeld Haiders einzugehen: Blutjunge fesche Männer wurden in Positionen gehievt, für die sie nicht die geringsten Qualifikationen mitbrachten. Das war dann aber mein letzter Artikel zu diesem Thema!

 

PS: Die HOSI Wien setzte im Frühjahr 2005 übrigens die Drohung, die verkappte Homosexualität Haiders medial (wieder) zum Thema zu machen, als Druckmittel ein, um die schwarz-blaue Bundesregierung dazu zu bringen, 60 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur endlich die homosexuellen NS-Opfer ins Opferfürsorgegesetz aufzunehmen, was in der Tat funktionieren sollte, wie ich in meinem Beitrag in den LN 4/2005 schildere.