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Die Nicht-Enthüllung des Jahres: Jörg ist schwul

Veröffentlicht am 18. April 2000
Der jahrelange mediale Eiertanz um Jörg Haiders Homo- bzw. Bisexualität – ohnehin seit Jahren ein offenes Geheimnis in Journalisten- und sonstigen Kreisen – wurde in den ersten Monaten des Jahres 2000 immer heftiger. Am 21. März 2000 schritt Jochen Herdieckerhoff (1963–2006) in der Berliner tageszeitung zur Tat und outete Haider quasi „offiziell“. Ich beschäftigte mich ausführlich damit in den LN 2/2000.

Jörg Haider nackt

(Hinweis: Etliche der in diesem Beitrag zitierten Presseartikel wurden seinerzeit im Wortlaut auf die Haider-Outing-Unterabteilung der HOSI-Wien-Website gestellt. Dort können einzelne Beiträge immer noch nachgelesen werden.)

Ein wahrer medialer Eiertanz um ein offenes Geheimnis in Journalisten- und sonstigen Kreisen wurde in den letzten Wochen aufgeführt. Erst erflehten Österreichs Medien fast ein Outing Jörg Haiders durch deutsche KollegInnen – selber wollten sie sich die Finger nicht schmutzig machen –, dann passierte es endlich, doch plötzlich waren Österreichs JournalistInnen schmähstad bzw. wurden von ärgsten moralischen Bedenken geplagt. Schmähstad waren auch Haider und die FPÖ. Tagelang waren die Telefone der üblicherweise sehr kommunikationsfreudigen FPÖ-Bosse auf Anrufbeantworter um- oder ganz abgeschaltet. Und Haider, sonst die personifizierte Prozessierfreudigkeit, die schon wegen ganz anderer Kleinigkeiten zum Kadi gelaufen ist, drohte nicht einmal mit Klage! Warum?

Es wäre wohl gelogen zu sagen, das Outing Haiders als Schwulen bzw. Bisexuellen sei völlig überraschend gekommen, nie im Leben habe man den geringsten Verdacht gehegt. Eher im Gegenteil: Seit Jahren hat man die Gerüchte gehört, sind die Geschichten erzählt worden. Und wer ein bißchen ein Sensorium hat, dem kann Haiders Faible für blutjunge fesche Burschen und Männer nicht vollkommen unverdächtig vorgekommen sein. Und nie hat man ihn mit (attraktiven) Frauen gesehen. Also wenn man eins und eins zusammenzählen konnte, dann lag die Sache wohl auf der Hand. Und die Anspielungen in den Medien, auch in denjenigen, die sich jetzt über das Outing so empören, sind ja zahlreich gewesen – man erinnere sich nur an die süffisante NEWS-Geschichte vom 28. Jänner 1999 über Haiders Verhältnis zu/mit (?) Saif Gaddafi oder die FORMAT-Schlagzeile Schwule: Rückendeckung für „Finocchio“ Haider vom 22. Februar 1999 (vgl. LN 2/1999, S. 8 f). In der letzten Ausgabe der LN (S. 8 f) haben wir uns abermals mit solchen Anspielungen, diesmal im profil, auf Haiders Verhältnisse, diesmal zu seinem langjährigen Privatsekretär Gerald Mikscha, beschäftigt, der ja bekanntlich nach nur wenigen Wochen als FPÖ-Bundesgeschäftsführer zurücktrat, nachdem Haider die Funktion des Parteiobmannes zurückgelegt hatte.

In den letzten zwei Monaten verdichteten sich indes die Gerüchte über ein imminentes Outing. Mitte Februar rechnete man mit einem Outing in der Bild-Zeitung. Rosa von Praunheim hatte in einer niederländischen Schwulenzeitung Haider als Schwulen bezeichnet. Doch Fehlanzeige. Kurz danach ging das Gerücht um, FORMAT würde es tun. Wieder nichts. Um die Großdemo am 19. Februar herum recherchierte ein Journalist vom stern vier Tage lang in Wien, aber auch er konnte offenbar keine hieb- und stichfesten Fakten sammeln. Angeblich war auch der Spiegel an der Sache dran. Jedenfalls wurde in halb Europa erzählt, die österreichischen Medien warteten brennend darauf, daß die Outing-Geschichte in einem deutschen Medium zuerst erschiene, denn sie selber könnten sie nicht lancieren.

Die HOSI Wien rüstete sich jedenfalls für den Tag X – als lesbisch/schwule Lobby mußten wir uns wohl im Fall des Falles zu Wort melden. Eine Presseerklärung wurde vorbereitet, um sofort reagieren zu können. Ein Text für den Internet-Website wurde verfaßt. Alte LN-Berichte wurden eingescannt bzw. vorbereitet, um sie dann auf unsere Homepage zu stellen. Die LN hatten ja bereits im Jänner 1992 die Frage gestellt: Ist Jörg Haider schwul? Bereits damals hatte Elfriede Jelinek das Homoerotische, das ihn und seinen politischen Jungmänner-Harem schon damals umgab, thematisiert. Und schon damals warnten wir davor, durch Hinweis auf diese Homoerotik ihn und seine smarten Gesinnungsgenossen in Mißkredit und uns in die Verlegenheit zu bringen, sie vor homophober Denunziation in Schutz nehmen zu müssen.

Elfriede Jelinek war es dann auch, die durch ein Interview in der Berliner Morgenpost vom 27. Februar 2000 quasi den Startschuß für ein mögliches Outing Haiders gab. Abermals sprach sie das Homoerotische an Haider und seiner Partie an, ohne allerdings homosexuelle Handlungen zu unterstellen. O-Ton Jelinek: Außerdem ist Haider kein Macho, er wird auch nicht so empfunden. Frauen sind weder seine Wählerinnen, noch sind Frauen seine bevorzugten Kandidatinnen, mit wenigen Ausnahmen. Er ist der Führer eines homoerotischen Männerbunds und arbeitet bewußt mit homophilen Codes, natürlich ohne sich wirklich als homosexuell zu bekennen. Er läßt sich auf Nacktfotos veröffentlichen, und er spielt mit seiner sexuellen Ambivalenz. Ich glaube, daß das Phänomen Haider nicht zuletzt ein erotisches ist, denn er kann Mann und Frau zugleich sein, das gibt ihm das Schillernde, das die Massen ,einfängt‘. Mit Hitler war es ähnlich, Heidegger hat von seinen schönen Händen und blauen Augen geschwärmt, obwohl man sich das heute kaum vorstellen kann.

 

Jelinekscher Schmarrn

Zu den Merkwürdigkeiten der Medienrezeption scheint es auch zu gehören, daß manche Artikel ignoriert werden und manche nicht. Denn Jelinek hatte schon zuvor im stern # 6 vom 3. Februar Ähnliches gesagt, doch blieb dies ohne Reaktion. Aber vielleicht lag es auch daran, daß ihre Aussagen im stern ein ziemlicher Schmarrn waren, den niemand aufgreifen wollte. Dort meinte sie nämlich: Es gibt in ganz Europa keinen so charismatischen Führer wie ihn. Weil er imstande ist, die Macht erotisch aufzuladen. Jetzt kann er endgültig sein homoerotisches System verwirklichen, seinen homoerotischen Männerbund. – Der Ungeist setzt sich durch, das homoerotisch Männliche setzt sich gegen die Frau durch, gegen das Schwache. Solcher Unsinn einer verbitterten zu kurz gekommenen Frau sollte einer Jelinek eigentlich unwürdig sein. Ihre Aussagen in der Berliner Morgenpost kann man hingegen durchaus akzeptieren, obwohl auch diese auf heftige Kritik stießen (z. B. in der Volksstimme # 11 vom 16. 3.), weil befürchtet wird, daß damit das alte, in der Linken verbreitete Vorurteil und Stereotyp des schwulen Nazi und Faschisten aus den 1920er und 1930er Jahren („In jedem Hitler-Jungen steckt ein SA-Führer.“) wieder aufgewärmt werden könnte.

Oder in der WELT vom 2. März, in der Alan Posener schrieb: Sicher kann bei einem männlichen Massenidol das sexuell Changierende ein wesentliches Moment der Faszination sein; das ist nirgends deutlicher als im Showgeschäft, man denke an Elvis Presley oder Michael Jackson. Da zur Politik auch der Personenkult gehört, ist hier eine gewisse Zweideutigkeit ebenfalls von Vorteil: Sowohl Roosevelt als auch Kennedy wurden feminine Eigenschaften und eine homoerotische Anziehungskraft attestiert. Das Feminine an Hitler wurde bereits von Zeitgenossen wie Curzio Malaparte und Otto Strasser bemerkt. Carl von Ossietzky schimpfte Hitler sogar eine „feige, weibische Pyjamaexistenz“ – und an diesem Punkt wird die Kritik problematisch.

Nicht wegen der Unterschätzung Hitlers, sondern wegen der unterstellten Gleichsetzung von feige, weibisch und homosexuell, bei der sich Homophobie und Misogynie die Hand reichen. Hier treffen sich Ossietzky und Jelinek. Eine verwandte Geisteshaltung beweist auch die Theologin Ute Ranke-Heinemann, für die der Vatikan „eine entsexualisierte Homosexuellen-Gesellschaft“ darstellt. Was Jelinek und Ranke-Heinemann eint, ist die Bereitschaft, Konventionen der politischen Korrektheit sofort über Bord zu werfen und den eigenen Vorurteilen freien Lauf zu lassen, wenn es gegen die Rechte geht. Am Ende wird aber nicht der Gegner geschwächt, sondern nur das Vorurteil bestärkt und als Waffe legitimiert, zum Schaden der politischen Liberalität. Ähnlich erging es dem Versuch, Hitler einen jüdischen Großvater zu unterstellen: Am Ende waren die Juden also doch an allem schuld.

Gefallen hat Jelineks Analyse hingegen Hans Gratzer, dem offen schwulen Intendanten des Wiener Schauspielhauses: Ich habe lange drauf gewartet, daß das endlich jemand ausspricht. Aber als Homosexueller hat man da wahrscheinlich einen anderen Blick, gab er im profil # 11 vom 13. 3. zu Protokoll.

Jedenfalls rief erst das Interview mit Jelinek in der Berliner Morgenpost Reaktionen hervor. Der Standard stellte am selben Tag (27. 2.) eine DPA/APA-Meldung darüber auf seine Online-Seiten. Das löste im Online-LeserInnen-Chatroom des Standards eine angeregte Debatte über die vielen Gerüchte über Haiders Schwulsein aus. Der HOSI-Wien-Vorstand diskutierte, ob es nun Zeit wäre für eine Stellungnahme, fand jedoch, daß hier ja kein Outing vorliegen würde und daher eine Stellungnahme nicht geboten sei.

Am 29. Februar schließlich berichtete die britische Tageszeitung The Guardian, Haiders Rücktritt als Parteiobmann sei möglicherweise eine Panikreaktion auf diese Gerüchte gewesen. Mit Jelineks Ausführungen beschäftigten sich auch die Zürcher Weltwoche (Titel: Heil Hitler – huch Haider) vom 9. März und DIE ZEIT # 10/2000 in derselben Woche sowie NEWS # 11/2000 vom 16. 3. (Interview mit Erika Pluhar). Zwischen Mitte Februar und Mitte März berichtete der Autor dieser Zeilen in Interviews für zahlreiche schwul/lesbische Printmedien und Radiosendungen in ganz Europa und den USA, in denen es in erster Linie um die Auswirkungen der neuen Rechtsregierung auf die Lage von Lesben und Schwulen ging, auch über die vielen Gerüchte und Vermutungen, die über Haiders Homosexualität im Umlauf sind.

 

Herdieckerhoff schreitet zur Tat

Am 21. März 2000 schritt Jochen Herdieckerhoff in der Berliner tageszeitung schließlich zur Tat. Unter dem Titel Der Jörg will eh bloß kuscheln und dem Untertitel Alle wissen Bescheid, aber wenige wollen Jörg Haiders private Vorlieben wahrhaben outete der Wien ist andersrum-Festivalorganisator den FPÖ-Führer praktisch als schwul. Zwar berichtete auch er nur Gerüchte und Spekulationen – später verstieg sich Herdieckerhoff sogar zur Behauptung, sein Artikel sei gar kein Outing gewesen –, dennoch ließ der Artikel an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:

Wer sich in Wiens schwuler Szene „off the records“ nach Jörgis Feierabendgestaltung umhört, kriegt jedenfalls schnell rote Ohren: Von munteren Landpartien ins junge Gemüse jenseits der nahe gelegenen slowakischen Grenze ist da die Rede. Legendär sind die Ausschweifungen der sog. „Buberlpartie“, Haiders inzwischen stillgelegter Prätorianergarde, im „Motto“, einem notorischen Szenetreff für Klemmschwestern. Verschwitzte Männerbündelei soll dabei meist von heftigem Schneegestöber begleitet worden sein. Gernot Rumpold, Haiders damaliges Lieblingsbuberl, stand jüngst vor Gericht, weil er im Überschwang eines Discobesuchs einem anderen Gast in den Schritt gefaßt hatte. Der aktuelle Begleiter des feschen Fuffzigers J. H. ist ein knabenhafter Jungspund namens Gerald Mikscha. Vom langjährigen „Privatsekretär“ Haiders soeben zum FPÖ-Bundesgeschäftsführer aufgestiegen, „weicht er nie von seiner Seite“ (Kurier) und darf den Führer als einziger auf dessen ausgiebigen „Studienreisen“ in die USA begleiten. Für verständiges Raunen in der Szene sorgt beider innige Männerfreundschaft mit dem dauerhaft in Österreich weilenden Sohn des Obersten Gaddafi, mit dem sie auf Sportveranstaltungen gern die Ehrenloge teilen. Die wohl übelste Nachrede – unter Berufung auf die Stricherszene – lautet jedoch: Der Jörg wolle eh immer nur kuscheln.

Die HOSI Wien hat nach diesem Artikel wieder hin und her überlegt, sich dann doch entschlossen, eine Stellungnahme abzugehen. Sie wurde am 22. März an die Medien verbreitet und auf die zu diesem Zweck nunmehr aktivierte Abteilung „Haider-Outing“ auf der HOSI-Webpage gestellt. Im allgemeinen Informationstext auf unserer Homepage betonen wir auch, daß es nicht stimmt, daß – wie mitunter behauptet wird –, Homosexuelle die einzige Minderheit gewesen sei, gegen die die FPÖ bzw. Haider nicht gehetzt hätte. Das mag vielleicht für Haider in punkto homophober Hetze zutreffen, aber er hat immerhin im Parlament gegen die Streichung der menschenrechtswidrigen anti-homosexuellen §§ 209 und 220 gestimmt. Überdies hätte gerade er als unbestrittener Führer der FPÖ es in der Hand gehabt, in seiner Partei lesben- und schwulenfreundliche Politik durchzusetzen. Er hätte nur mit dem Finger zu schnippen gebraucht.

 

Homosexuellenfeindliche FPÖ

Was die Partei betrifft, so haben zahlreiche FPÖ-Politiker jedenfalls offen gegen Lesben und Schwule gehetzt – die nachstehende Liste erhebt keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Laut der Standard vom 30. 11. 1993 hat Walter Meischberger das Liberale Forum als „Schwuchtelpartie“ bezeichnet;
  • im Landtagswahlkampf in Salzburg haben die FPÖler Karl Schnell und Siegfried Mitterdorfer (Stadtparteiobmann) aufs übelste gegen Schwule gewettert (vgl. Die Presse vom 14. 1. 1994);
  • Peter Westenthaler, geb. Hojac, fiel 1994 dadurch auf, daß er dem Wiener SP-Gemeinderat Othmar Brix einen 209er-Fall anhängen wollte;
  • in ganzseitigen Inseraten hetzte die FPÖ 1994 gegen zwei prominente Frauen, indem sie diesen vorwarf, erstens lesbisch zu sein und zweitens Privat- und Berufsleben zu verschränken;
  • FPÖ-Abgeordneter Hans Pretterebner verfolgte im selben Jahr einen SP-Minister wegen angeblicher Homosexualität auf das mieseste;
  • Die FPÖ Salzburg wetterte wiederholt gegen Schwule und Förderungen an die HOSI Salzburg;
  • Hilmar Kabas bezeichnete die Rosa Lila Villa als „subventioniertes Bordell“;
  • Rainer Pawkowicz wetterte 1996 auf tiefstem Niveau gegen das Wien ist andersrum-Festival und dessen Förderung durch die Stadt Wien;
  • Und erst am 26. Jänner 2000 kritisierte Doris Tazl, FPÖ-Klubobfrau im Salzburger Gemeinderat, die Pläne, im Sommer 2000 eine Love-Parade in Salzburg zu veranstalten: Die letzte Berliner Love-Parade war ein Forum für Punker, Homosexuelle, offenen Suchtgiftmißbrauch und Radikale. (…) Die Stadt Salzburg ist aufgefordert, ihre Bewohner und insbesondere die Jugendlichen vor diesen kriminellen Elementen zu bewahren.

Außerdem betont die HOSI, daß – auch wenn sie das Outing Haiders nicht für besonders zweckdienlich für die schwul/lesbische Sache hält – sie es nicht verurteilen kann. Für uns ist Homosexualität die schönste Sache der Welt, wir können daran nichts Negatives sehen. Wir verabscheuen und verurteilen jedoch Heuchelei und Bigotterie.

 

Schmuddeljournalismus

Nur der Standard griff die HOSI-Wien-Stellungnahme auf: Fragwürdiges „Outing“ Haiders: FPÖ spricht von Schmierfinken titelte sie ihren Kurzbericht am 23. 3. In ihrem Online-Dienst faßte die apricotfarbene Tageszeitung die Stellungnahme ausführlich zusammen und legte auch einen direkten Link auf die neue HOSI-Wien-Homepage-Abteilung zum Haider-Outing. Die einzige Reaktion der FPÖ erfolgt durch Klubobmann Peter Westenthaler, geb. Hojac, der kurz und bündig meinte: Zu Dummheiten und Schmierfinken nehme ich nicht Stellung.

Ansonsten herrschte Stille im österreichischen Blätterwald – und natürlich auch im ORF. Nur das Privatfernsehen ATV traut sich, die Sache am 23. März das Thema in seiner Sendung Headline-Talk aufzugreifen. Als Gast war der Autor dieser Zeilen eingeladen. Die Sendung und die Art und Weise, wie über die Gerüchte über Haiders Homo- bzw. Bisexualität als Faktum diskutiert wurde, waren ein ziemlicher Hammer, der indes ohne Folgen blieb. Britische Zeitungen berichteten am 24. 3. (The Guardian) und 26. 3. (The Observer) ausführlich über das Outing in der taz.

Erst nach vier Tagen hatten auch die anderen österreichischen Tageszeitungen ihre Schrecksekunde überwunden. Im Kurier vom 25. 3. veröffentlichte Doris Knecht einen Kommentar über das fragwürdige Instrument des Outing, in dem sie allerdings den Namen Haider nicht erwähnte. Wer weder den Standard gelesen noch Headline-Talk gesehen hatte, mußte sich wohl fragen, wovon schreibt die Knecht da überhaupt. Oder man hat sich darauf verlassen, daß alle auch die TV-Kritik Im Bild weiter hinten im Blatt lesen. Dort meinte Franz Endler über die TV-Sendung und das Gerücht, Haider sei homosexuell: Das habe ich auch schon gehört, es hat mir keine Schauer über den Rücken gejagt, mir hat schon genügt, was Herr Haider als Politiker sagte. Dann meinte er noch, man hätte ein Telefonat mit Klagenfurt riskieren und beim Herrn Landeshauptmann selber nachfragen sollen. Auf diese Idee sind die JournalistInnen natürlich auch selber gekommen, aber die FPÖ verweigerte jegliche Auskunft und schaltete ihre Telefone auf Anrufbeantworter oder ganz ab. Auch die LAMBDA-Nachrichten hatten schon lange vor dem Outing, am 5. März, schriftlich um einen Interview-Termin mit Jörg Haider gebeten, um ihn zum Thema Homosexualität im allgemeinen und zu den Gerüchten im besonderen zu befragen. Wir haben nie eine Antwort bekommen.

 

Provokante Plakate

Ab dem 27. März berichteten dann die Medien über das Haider-Outing in Zusammenhang mit den Plakaten für das Wien ist andersrum-Festival – eines davon trägt nämlich die Zeile Jörg ist schwul. Samo Kobenter mühte sich im Standard in einer Glosse (Perfides „Outing“) mit dem Thema ab, das FORMAT stieß die LeserInnen mit einem durchgeknallten hysterischen Kommentar von Herbert Langsner vor den Kopf (vgl. Kurts Kommentar in diesem Heft) und pudelte sich in einem Artikel über die Plakate auf, wobei es sich in staberlscher und leitgebscher Manier in Subventionsschelte übte. Man fragte sich unwillkürlich: Welche Gegenleistung hat FORMAT für diese Berichterstattung von der FPÖ erhalten?

 

Plötzliche Stille auch im Bierzelt

Am 27. 3. dann nochmals ein Dementi von Westenthaler, geb. Hojac, in Täglich alles. Das wegen seiner Objektivität und seines kritischen Journalismus gefürchtete bunte Kleinformat machte seinem Ruf alle Ehre und sprach in seinen messerscharfen provokanten Interviewfragen von einer Kampagne gegen Jörg Haider wegen angeblicher, ihm unterstellter Neigungen. Auf die Frage, ob man gegen derartige Behauptungen rechtlich vorgehen werde, etwa wegen Rufschädigung, meinte Westenthaler, geb. Hojac: Medien, die solchen miesen Schmuddeljournalismus in die politische Diskussion hineinbringen, sind nicht satisfaktionsfähig. Da schau her! Seit wann? Ausgerechnet die FPÖ und ihre PolitikerInnen, die in der Vergangenheit wegen jeder Bagatelle zum Kadi gerannt sind und mit ihren Klagen nicht nur eine breitangelegte Einschüchterungsstrategie gegen kritische Medien verfolgten, sondern ganzen Rechtsanwaltskanzleien die Geschäftsgrundlage sicherten, wollten diese „Vorwürfe“ plötzlich großmütig hinnehmen – immerhin ist ja in der taz auch vom Koksen die Rede gewesen.

 

Angst vor dem Hartmann-Effekt?

Das ist mehr als verdächtig. Sie fürchten sich wohl vor dem Hartmann-Effekt. Ähnlich wie im Fall Haider waren ja auch die homosexuellen Neigungen von Kardinal Hans Hermann Groër (und daß er sie auch ausgelebt hat) in den 80er und 90er Jahren ein offenes Geheimnis, und alle witzelten und spöttelten darüber, aber die Medien waren auffällig diskret und „respektierten“ seine Privatsphäre. Auch seine (oft unfreiwilligen) Sexualpartner scheuten die Öffentlichkeit und meldeten sich nie zu Wort. Erst als Groër in einem Hirtenbrief gegen Kinderschänder zu Felde zog, platzte einem von ihnen der Kragen: Josef Hartmann berichtete im profil über seine einschlägigen Erlebnisse mit Groër. Offenbar fürchten Haider und die FPÖ einen solchen Hartmann-Effekt: Sollte Haider heftig dementieren und Lüge schreien, könnte es möglicherweise wieder passieren, daß jemandem der Kragen platzt. Also geht man auf Tauchstation und hofft, daß die Sache wieder versandet.

 

Guter Rat an die FPÖ

Die FPÖ wäre sicherlich gut beraten, ähnliche Zurückhaltung auch bei der nächsten Abstimmung über den § 209 zu üben. Womöglich wären in der Tat erboste und erzürnte Leute bereit, mit harten Fakten an die Öffentlichkeit zu gehen, sollte die FPÖ im Parlament abermals gegen die Aufhebung dieser menschenrechtswidrigen, gegen Schwule gerichteten Bestimmung votieren.

Ihre Strategie, das Outing auszusitzen, scheint jedenfalls aufzugehen. Die Medien üben sich in nobler Zurückhaltung, vielleicht liegt es aber auch daran, daß Homosexualität – auch bei einem Jörg Haider – halt nicht mehr wirklich Wellen schlägt. Man braucht ja auch nur ins Ausland schauen: In den besten Zeiten waren in Tony Blairs Kabinett fünf offene Schwule und Lesben. In Norwegen ist der Vizefinanzminister der neuen sozialdemokratischen Regierung mit einem Mann verheiratet, und der neue Vorsitzende der norwegischen konservativen Rechtspartei Høyre kam auf dem Parteitag als offen Schwuler heraus – und wurde trotzdem mit überwältigender Mehrheit gewählt.

Vielleicht hat ja auch die HOSI-Wien-Stellungnahme zur Klärung der Sache beigetragen und die Lust an den Bettgeschichten gedämpft: Es gibt 1000 Gründe, gegen Haider anzukämpfen, da braucht die Homosexualität keine Rolle zu spielen. Die Bewegung hat kein gesteigertes Interesse daran, daß er geoutet wird. Seine GegnerInnen schätzen wir als aufgeschlossen genug ein, Homosexualität nicht als Makel zu sehen. Die klare Haltung der HOSI Wien, Haider brauche wegen seines Schwulseins keinesfalls geschont zu werden, war wohl in diesem Zusammenhang ebenfalls wichtig. Wie meinte doch CHRISTIAN HÖGL in unserer Stellungnahme: Wer unsolidarisch ist mit Schwulen und Lesben und wer gegen andere Minderheiten auf übelste Art und Weise hetzt, hat jegliche Solidarität verwirkt.

Irgendwie sollte es uns daher optimistisch stimmen, daß Homosexualität hier endlich in den Bereich der Normalität – und Gleichgültigkeit – gefallen ist.

 

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