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ESC 2015: Nicht viel Neues unter der ESC-Blase

Veröffentlicht am 17. Juli 2015
Nach dem denkwürdigen Eurovision Song Contest im Mai 2015 in Wien ließ ich es mir nicht nehmen, in den LN 3/2015 eine kurze Nachlese über einen der – ganz patriotisch, aber zutreffend – besten ESCs in der Geschichte des Schlagerwettbewerbs zu schreiben. Nicht nur der ORF hatte sich selbst übertroffen, auch musikalisch war der Wiener ESC einer der besseren Jahrgänge.

Heuer küssten sich die litauischen Background-TänzerInnen gleichgeschlechtlich.

Beim Auftritt der Russin Polina Gagarina wurden demonstrativ viele Regenbogenfahnen im Publikum geschwenkt.

Auch von meiner Seite noch eine kurze Nachlese auf den 60. Eurovision Song Contest in Wien. In der letzten Ausgabe (S. 53) habe ich mich ja mit dem sympathischen, akzeptablen Plagiieren erfolgreicher Grand-Prix-Rezepte befasst. Ein weiterer positiver Aspekt in dieser Hinsicht – der sich dann erst auf der Bühne in der Stadthalle manifestierte –, war der Umstand, dass sich die meisten InterpretInnen auch an Conchitas minimalistischer Bühnenshow in Kopenhagen orientiert haben: Fokus auf das Lied (am überzeugendsten dabei meine absoluten Favoriten aus Italien und Estland) ohne jegliche Ablenkung durch Trampolin- oder Fallschirmspringer, Schlittschuhläufer oder sonstige akrobatische Zirkusnummern, wobei natürlich die visuellen Möglichkeiten der Bühnentechnik voll ausgereizt wurden. Und gleichgeschlechtliche Küsse (wie 2013 beim finnischen Beitrag – vgl. LN 3/2013, S. 38 f) gab’s heuer ebenfalls wieder auf der Bühne – diesmal ausgerechnet durch Litauen – immerhin ist der baltische Staat das einzige EU-Land, das über ein Werbeverbot für Homosexualität à la Russland verfügt (vgl. zuletzt LN 1/2015, S. 35).

Und neben dem Plagiieren der Erfolgsmasche aus dem Vorjahr gab es wieder etliche andere Features, die mittlerweile zum ESC gehören wie der Apfelstrudel zu Wien: Die schwedische Musikindustrie steuerte nicht nur den eigenen Beitrag, sondern gleich sieben weitere bei (was ich bereits 2012 beklagte: „Absolut IKEA“, LN 3/2012, S. 29 ff), darunter den russischen, der Platz 2 errang. Einige (Mazedonien, Moldau und die Niederlande) schieden allerdings schon im Halbfinale aus, die anderen landeten im Finale nur unter „ferner sangen“ (Spanien, 20. Platz) oder im vorderen Mittelfeld wie Georgien (11.) und Aserbaidschan (12.), das übrigens für sechs seiner bisherigen acht ESC-Teilnahmen in Schweden produzieren ließ.

Dass Polina Gagarina auf den zweiten Platz landete, war wohl überhaupt die größte Überraschung in Wien. Okay, die Bühnenshow war beeindruckend, aber das Lied? Und für das verlogene Friedensgesäusel hätte es doch Strafpunkte geben müssen! Praying for peace and healing, I hope we can start again – ja, darüber kann man gerne reden, aber erst, nachdem Russland die Krim an die Ukraine zurückgegeben und seine Truppen aus dem Donbass und die massive Unterstützung für die Separatisten zurückgezogen hat!

Dass fast ganz Europa auf diese Schalmeientöne so defätistisch hereingefallen ist, ist schon beängstigend! Außer von Litauen und San Marino gab es von allen anderen 37 Ländern Punkte für Russland, allerdings die Höchstpunktezahl 12 bezeichnenderweise nur von ehemaligen Sowjetrepubliken mit hohem russischem Bevölkerungsanteil (Weißrussland, Armenien, Aserbaidschan und Estland) sowie Deutschland (!). Nach den mickrigen Punkten für Conchita im Vorjahr und den zwölf Punkten für die KGB-Blondine heuer muss man sich schön langsam aber sicher fragen, ob man Deutschland in Zukunft überhaupt noch mitstimmen lassen sollte! Und ebenso unfassbar: Selbst aus den Niederlanden, die ja die meisten Opfer durch den russischen Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs MH 17 über der Ukraine zu beklagen hatten, gab’s sechs masochistische Punkte für Russland!

Ja, es ist ein musikalischer Wettbewerb, aber dennoch: Das geopolitische Umfeld kann doch nicht derart komplett ausgeblendet werden. Und ein trotziges „Ja, wenn Russland gewonnen hätte, hätten wir’s Putin dann nächstes Jahr gezeigt!“ ist naiv und weltfremd, denn der ESC fand ja bereits 2009 in Moskau statt, und 2014 gab’s die Winterolympiade in Sotschi, und niemand ist Putin dabei ernsthaft auf die Zehen gestiegen, und er hat aus diesen Großevents stets politisches Kapital geschlagen und ohne jede Rücksicht die Krim besetzt und annektiert, als in Sotschi noch die Paralympischen Spiele im Gange waren! Ein paar Regenbogenfahnen beeindrucken ihn sicher nicht!

Die sogenannten Diaspora-Stimmen waren auch heuer nicht zu übersehen, aber natürlich wieder abgemildert durch den Umstand, dass die nationalen Ergebnisse je zur Hälfte aus dem Televoting und dem Jury-Voting ermittelt wurden. Man wird daher die Jury auch in Zukunft nicht abschaffen können, die ja als ausgleichender Faktor für das Diaspora-Voting eingeführt worden war (vgl. zuletzt LN 2/2015, S. 50 ff), auch wenn diesbezügliche Stimmen heuer laut wurden, weil in Wien der traurige Fall eingetreten ist, dass Italien zwar europaweit beim Publikumsvoting auf dem ersten Platz landete, aber durch die Jurystimmen dann leider nur dritter wurde. Schade, denn ein ESC in Italien und nicht schon wieder in Schweden hätte dem Event insgesamt sicher nicht geschadet!

Schade auch, dass Österreich und Deutschland keine Punkte bekamen. So schlecht waren ihre Beiträge nun auch wieder nicht! Wobei: Deutschland hätte zumindest aus Österreich ein paar Punkte bekommen können, wäre die deutsche Diaspora hierzulande offenbar nicht so unpatriotisch unorganisiert. Immerhin stellen die Deutschen die größte Migrantengruppe in Österreich, wo sich bisher die Türkei und Serbien immer um die zwölf und zehn Punkte gebalgt haben, seit es Televoting beim ESC gibt. Da die Türkei nicht teilnahm, wären die deutschen Chancen also gar nicht so schlecht gestanden. Die Serben haben’s ja auch wieder auf die Reihe gekriegt: Bei den österreichischen TelevoterInnen landete Serbien (Wien ist immerhin die viertgrößte serbische Stadt) hinter Italien auf dem zweiten Platz und bekam dann immerhin noch drei Punkte, wiewohl die österreichische Jury Bojana Stamenov nur auf den 20. Platz reihte – Ann Sophie war sogar 16. im österreichischen Jury-Ranking.