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​​57. Eurovision Song Contest in Baku: Absolut IKEA

Veröffentlicht am 29. Juni 2012
Den 57. ESC in Baku im Mai 2012 nahm ich als Vorwand für eine Reise in die drei Kaukasus-Republiken Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Für die LN 3/2012 veröffentlichte ich einen ausführlichen Reisebericht, in dem ich auch meine Eindrücke vom europäischen Wettsingen im Land des Feuers zusammenfasste.

Die drei „Flammentürme“ dominieren Bakus Skyline und symbolisieren den Ölreichtum Aserbaidschans, das auch als Land des Feuers bezeichnet wird.

Die für den ESC errichtete Kristallhalle funkelte in der Dunkelheit weit übers Kaspische Meer.

Im Inneren sorgten an drei Abenden tausende Fans aus ganz Europa für Volksfeststimmung.

Nachdem Aserbaidschan im Vorjahr mit einem schwedischen Lied gewonnen hatte, setzte heuer der ESC-typische Nachahmungseffekt ein, und der 57. Grand Prix geriet fast zur Leistungsschau der schwedischen Musikindustrie: Auch Griechenland, Irland, Italien, Malta, Norwegen, Spanien und Zypern ließen heuer ihre Beiträge in Schweden produzieren bzw. holten sich dafür Unterstützung aus IKEA-Land, wie aufgrund der Namen von KomponistInnen und TexterInnen leicht nachvollziehbar ist. Dass kleine Länder wie Aserbaidschan musikalische Hilfe im Ausland suchen, ist ja noch verständlich und hat im Fall der Kaukasusrepublik mittlerweile Tradition – Aserbaidschan nimmt seit 2008 am ESC teil und lässt seit 2010 beim unmöglichen Musikhaus Schweden fertigen –, aber für große Musiknationen wie Italien und Spanien ist das wohl eine echte Schande und Bankrotterklärung! Aber Pech für die Schwedenimporteure, denn Europa entschied sich gleich fürs Original: Loreen holte mit Euphoria für das skandinavische Land unangefochten den 5. ESC-Sieg in der 56-jährigen Geschichte des Schlagerwettbewerbs. Die beiden Autoren des Siegerliedes hatten übrigens auch bei anderen Beiträgen ihre Finger im Spiel: Thomas Gustafsson bei Spaniens ¡Quédate conmigo! und Peter Boström bei Norwegens Stay.

 

Schweizer Skandal

Angesichts des skrupel- und einfallslosen Plagiierens von vermeintlichen Erfolgsmaschen beim ESC (ich würde dafür ja Strafpunkte vergeben!) darf man nach dem Erfolg der kultigen Großmütter aus Buranowo in der russischen Republik Udmurtien nun getrost auch davon ausgehen, dass im nächsten Jahr die Geriatrie-Zentren in halb Europa entvölkert sein werden, weil sich Seniorinnenchöre und Rentnerbands auf der ESC-Bühne tummeln werden. Der Trend zu 70 plus war heuer nicht zu übersehen, wiewohl Engelbert Humperdincks vorletzter Platz im Finale signalisiert: Alt zu sein allein ist zu wenig.

Schade – und eigentlich ein unfassbarer Skandal –, dass Lys Assia, die allererste Siegerin des Grand Prix 1956, die heuer nochmals für die Schweiz antreten wollte, sich einem nationalen Vorausscheid stellen musste. Eine ungeheuerliche Zumutung! Und die 87-Jährige wurde mit ihrem programmatischen Lied C’était ma vie („So war mein Leben“) sogar nur achte in der Schweizer Vorentscheidung. Ein undankbarer Affront, den Europas ESC-Gemeinde aber zu Recht umgehend streng bestrafte: Die Schweiz flog – trotz zugegebenermaßen fescher Burschis – gleich im Semifinale raus. Recht geschieht ihr – so behandelt man die allererste ESC-Siegerin einfach nicht!

Mein Vorschlag: Der ORF soll Lys Assia engagieren, 2013 für Östereich anzutreten. Dann ersparen wir uns schon einmal die peinliche Vorauswahl und derart geschmacksverirrte Entscheidungen des österreichischen Publikums wie heuer. Einen besseren Platz als die beiden Arschrapper würde Lys Assia auf jeden Fall belegen. Übrigens teile ich aus diesem Grund auch die Skepsis Bundespräsident Heinz Fischers in Sachen mehr direkte Demokratie in Österreich: Was ist schon von einer Nation, die nicht einmal einen brauchbaren ESC-Beitrag demokratisch auswählen kann, bei politischen Volksabstimmungen groß zu erwarten?

 

Televoting

Stichwort Punktevergabe – auch hier war wieder alles beim alten: Sie war – bis auf wenige Ausreißer und die Punkte an das Siegerland – einmal mehr eine Bestandsaufnahme der Stärke nationaler Minderheiten bzw. von Volks- und Einwanderergruppen in den einzelnen Ländern und barg für Eingeweihte kaum Überraschungen. Interessierte bekamen etwa bestätigt, dass die rumänischen GastarbeiterInnen in Spanien trotz Massenarbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise offenkundig dort immer noch eine der stärksten Migrantengruppen darstellen (zehn Punkte von Spanien an Rumänien). Nur die serbische und die türkische Community in Österreich haben ein wenig nachgelassen: Heuer gingen Österreichs zwölf Punkte an Schweden, obwohl Serbien bzw. die Türkei eigentlich auf die zehn bzw. zwölf Punkte aus Österreich abonniert gewesen sind, seit es Televoting beim ESC gibt. Was ist da passiert?

Aber insgesamt hat sich die türkische Diaspora in Europa nach ihrer Schlappe im Vorjahr wieder am Riemen gerissen und heuer den türkischen Beitrag auf den total unverdienten siebten Platz gevotet. Im Vorjahr hatten sich ja offenbar selbst die patriotischsten TürkInnen für den türkischen Beitrag – zu Recht – dermaßen geschämt, dass er gar nicht ins Finale kam. Es gibt ja die nicht von der Hand zu weisende Theorie, dass der Sieg Aserbaidschans im Vorjahr dadurch erst möglich wurde, denn die Stimmen der türkischen Migrantencommunity in ganz Europa gingen dann im Finale ans türkische Brudervolk am Kaspischen Meer. Insofern muss man daher andererseits froh sein, dass die Türkei ins Finale kommt, damit etwaige ungerechtfertigte Gewinnchancen Aserbaidschans sinken.

 

Menschenrechte

Einige Diskussionen gab’s ja im Vorfeld wegen der Menschenrechtslage in Aserbaidschan. Das verwundert – jetzt kommt man da plötzlich drauf, nachdem der ESC-Zirkus bereits in Istanbul, Kiew, Belgrad und Moskau Station gemacht hat? Hallo? Ja – wenn man nicht will, dass der ESC in einem Land mit problematischer Menschenrechtslage stattfindet, dann muss man die betreffenden Länder von einer Teilnahme gänzlich ausschließen, aber kann nicht, wenn ein solches dann gewonnen hat, es mit einem Boykott belegen. Gewiss: Aserbaidschan hat weder die Demokratie noch den Rechtsstaat erfunden, aber unter den ESC-Teilnehmerstaaten gibt es einige mit schlimmerer Menschenrechtslage als Aserbaidschan. In der Türkei z. B. befinden sich rund 200 kritische JournalistInnen im Gefängnis – ganz zu schweigen von Belarus, Russland und der Ukraine. Und was Korruption betrifft, hat auch unsere kleine Bananenrepublik dank der siebenjährigen blau-schwarz-orangen Herrschaft unter Wolfgang Schüssel jegliches Recht verwirkt, mit dem Finger auf andere Staaten zu zeigen.

Stermann und Grissemann haben ja böse gemeint, zu den bestehenden Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan sei eine dazugekommen – der ESC. Das ist sicherlich übertrieben, aber etliche der diesjährigen ESC-Beiträge (etwa die aus Belarus, Georgien, Griechenland, der Slowakei, der Türkei und Zypern – diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) stellen in der Tat gröbste Verstöße gegen sämtliche Genfer Konventionen und sonstige Menschenrechtspakte dar.

Aber Spaß beiseite. Ich sehe das genauso wie ULRIKE LUNACEK und JAN FEDDERSEN: Natürlich muss man Menschenrechtsdefizite ansprechen, aber wenn man damit etwas Positives bewirken will, dann kann das nur im Rahmen eines Dialogs und eines Austausches erfolgen. Der ESC versetzte ganz Aserbaidschan in patriotische Aufwallung, Baku stand im Mai völlig im Zeichen dieses europäischen Ereignisses. Jede allzu überhebliche Kritik des Auslands hätten selbst jene Aseris als Beleidigung empfunden, die keine glühenden ParteigängerInnen des Əliyev-Clans sind, der das Land bereits in zweiter Generation in einer Art aufgeklärten Despotismus regiert. Und für die Opposition wäre es daher mehr als kontraproduktiv gewesen, den ESC für ihre Anliegen zu nutzen. Denn dass die Herrschenden dann gleich mit der Nestbeschmutzer-Keule zurückschlagen und die Nation patriotisch hinter sich scharren, kennen wir ja auch!

 

Boomstadt Baku

Ich war ja nur drei Tage in Baku (und habe nur das erste Semifinale besucht), aber Stadt und Leute machten einen sehr entspannten und modernen Eindruck auf mich. Dass das Land, das flächen- und bevölkerungsmäßig ziemlich genau wie Österreich dimensioniert ist, durch die Erdöl- und Erdgaseinnahmen in Geld schwimmt, ist nicht zu übersehen – speziell im Vergleich mit den Nachbarrepubliken Armenien und Georgien. Der gigantische Bau-Boom in Baku hat zum Abriss ganzer Stadtviertel geführt; im Gegensatz dazu waren die Enteignungen und Absiedlungen im Zuge des Baus der Kristallhalle für den ESC auf einer relativ kleinen Halbinsel im Kaspischen Meer vermutlich Lappalien.

Das historische Zentrum ist jedenfalls davon verschont geblieben. Es wird von einer mittelalterlichen Festungsmauer fast zur Gänze umschlossen, nur zum Meer hin ist die Altstadt offen. Ein derart geschlossenes Ensemble findet man sonst nur mehr in Tallinn oder Visby; es sieht in der Tat wie eine Märchen-Filmkulisse aus. Die wenigen Bausünden in der Altstadt stammen aus der Sowjet-Ära. Außerhalb der Altstadtmauern befinden sich die renovierten Prachtbauten des frühen Ölbooms zu Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Fußgängerzonen mit den unvermeidlichen Luxusgeschäften und großzügige Plätze verleihen Baku in der Tat ein weltstädtisches Flair. Im Anschluss daran franst die Stadt in die Neubaugebiete mit ihren acht- und zehnspurigen Stadtautobahnen aus. Über den architektonischen Wert dieser neuen Viertel kann man sicherlich trefflich streiten, auf jeden Fall gibt es kaum noch jene Slums, wie man sie in Eriwan oder Tiflis selbst mitten in der Stadt immer noch vorfindet: heruntergekommene Straßenzüge, ja ganze Stadtviertel, die wohl schon zu Sowjetzeiten ziemlich schäbig waren und auch in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr renoviert worden sind.

Einer der prächtigsten Orte Bakus ist die mehr als zehn Kilometer lange, großzügige, parkähnliche breite Uferpromenade. Bakus „Waterfront“ kann es mit den Strandpromenaden jeder anderen Großstadt aufnehmen und muss sich da weder hinter Barcelona noch der Promenade des Anglais in Nizza verstecken – eher umgekehrt. Am Abend tummeln sich zehntausende Menschen auf dieser Flaniermeile am Kaspischen Meer.

Überhaupt: Dass Baku noch nicht vom Städtetourismus entdeckt worden ist, kann nur an der Entfernung und den Visavorschriften liegen. Durch ihre Lage, ihre Architektur und ihre Museen wäre die Stadt auf alle Fälle zur Topdestination prädestiniert. Ich werde sicher bald wieder hinfahren, um noch mehr von der Stadt und dem Land zu entdecken. Übrigens: Die Menschen sind sehr freundlich, und das liegt sicher nicht an einer von oben verordneten Charme-Offensive anlässlich des ESC, als ganze Armeen hilfsbereiter Freiwilliger die Gäste schon am Flughafen empfingen.

Und wie das so ist in einem eher autoritär verfassten Staat: Straßenkriminalität ist kein Thema, man kann sich in dieser Hinsicht weit sicherer fühlen als in jeder Großstadt Westeuropas. Und mit der Sauberkeit übertreibt es Bakus Stadtverwaltung – im Gegensatz zu Eriwan oder Tiflis, wo die Müllentsorgung total im argen liegt – fast schon zwanghaft: Tagsüber robbten mehrköpfige Gruppen von Arbeitern über die Uferpromenade, um (kein Schmäh!) die plattgetretenen Kaugummireste vom Straßenpflaster zu schaben…

Und auch als Schwuler oder als Lesbe muss man sich nicht fürchten. Zärtlichkeit unter (einheimischen) Männern in der Öffentlichkeit ist ohnehin üblich. Männer spazieren im Arm eingehängt durch die Stadt, selbst Polizisten in Uniform küssen sich zur Begrüßung auf die Wange. Schwule Paare aus dem Westen, die Hand in Hand durch die Straßen spazierten, würden da nur durch ihr ausländisches Aussehen auffallen. Mangels Partners habe ich aber keine Probe aufs Exempel machen können.

Auch die Religion spielt im Alltag dieses mehrheitlich (95 %) muslimischen Landes keine Rolle. Die Frauen scheinen jedenfalls keine Anstalten zu machen, ihre Errungenschaften und Freiheiten aus der Sowjet-Ära aufgeben zu wollen. In den drei Tagen meines Aufenthalts sind mir keine zehn Frauen mit Kopftuch begegnet. Kein Vergleich mit Wien!

 

Reisetipps

Baku und Aserbaidschan sind also unbedingt eine Reise wert. Preislich am günstigsten kommt man mit der lettischen Fluglinie Air Baltic via Riga nach Baku. Will man die Reise mit einem Aufenthalt in Armenien und/oder Georgien kombinieren und einen Gabelflug buchen, bietet sich z. B. auch die polnische LOT via Warschau nach/von Eriwan an. Mit € 350,– für Hin- und Rückflug muss man aber mindestens rechnen. Zwischen Eriwan und Tiflis fahren Linienbusse („Marschrutki“), eine Fahrt kostet umgerechnet ca. € 13,–.

Zwischen Tiflis und Baku verkehren direkte Züge, wobei ein Flug sicher bequemer ist. Achtung: Will man in Aserbaidschan ein Auto mieten, muss man einen internationalen Führerschein vorweisen, nicht so in Armenien und Georgien. Für Georgien benötigt man übrigens kein Visum, jenes für Armenien kann man bequem im Internet auf dem Website des armenischen Außenministeriums (für zehn US-Dollar) bestellen, es wird dann bei der Einreise ausgestellt. Abseits vom ESC muss man sich für das aserbaidschanische Visum leider zur Botschaft bemühen oder ein Reisebüro mit der Besorgung beauftragen; es kostet € 60,–.

 

Nachträgliche Anmerkungen betreffend Reisetipps:

Aktuell (2019) bietet Wizz Air sehr günstige Flüge nach Baku ab/bis Budapest an (ab € 100 hin und zurück). Mittlerweile kann man auch für Aserbaidschan bequem ein e-Visum online beantragen, und nach Georgien reist man inzwischen überhaupt visumfrei.