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Die Wahrheit ist auch uns zumutbar!

Erschienen am 3. Mai 2013

Nach dem Adoptionsurteil aus Straßburg (vgl. S. 9) interessierten sich die Massenmedien verstärkt für die Situation von Regenbogenfamilien. Profil (# 11 vom 11. März 2013) widmete dem Thema eine längere und durchaus ausgewogene Reportage. Allerdings setzte das Nachrichtenmagazin den von den Medien selbst erzeugten Hype um das Thema mit einem regelrechten „Boom“ der Regenbogenfamilien gleich. Eine Schlussfolgerung, die nun wirklich durch keinerlei Fakten belegt ist – im Gegenteil: Die Zahlen sprechen eindeutig dagegen.

In einem harmlosen Gastkommentar, der eine Woche später in profil erschienen ist, habe ich mir dann erlaubt, die Dimensionen und Relationen in Sachen Wunsch nach Heirat und Familiengründung unter Schwulen und Lesben im allgemeinen und z. B. die praktische Signifikanz etwa der Fremdkindadoption im besonderen zurechtzurücken. Über die heftigen Reaktionen aus der Community auf diesen Beitrag war ich ehrlich überrascht, zumal ich seit vielen Jahren (auch in dieser Kolumne) mantrahaft die Einschätzung „Minderheitenprogramm“ in diesem Zusammenhang geäußert habe – zuletzt in den LN 5/2011, S. 13 (Überschrift tatsächlich: Minderheitenprogramm), aber auch schon vor der Einführung der EP (z. B. LN 2/2009, S. 22 f). Und bereits in der LN-Aussage 4/2004 lautete der Titel meines Kommentars Fremdkind-Adoption: Streit um Kaisers Bart.

Viele kritisierten in ihren Reaktionen indes Aussagen, die ich nie getätigt habe, was mich insofern verwundert, als gerade in einem Printmedium Veröffentlichtes ja leicht zu verifizieren ist und etwaige Vorwürfe sofort überprüft werden können. Natürlich handelt es sich zum Teil um absichtliche und böswillige Unterstellungen, aber offenbar ist sinnerfassendes Lesen tatsächlich eine stark im Schwinden begriffene Kulturtechnik – PISA lässt grüßen!

Geradezu putzig mutet jedenfalls die apodiktische Feststellung von GERNOT MARX in der Zeitschrift der HOSI Salzburg an, meine Behauptung, „die große Mehrheit der Lesben und Schwulen hat nichts mit Heirat und Familiengründung am Hut“, sei „vollinhaltlich abzulehnen und absolut inakzeptabel“, weil sie jeglicher Grundlage entbehre. Wie bitte? Kennt er die Zahlen aus dem In- und Ausland nicht? Gerade dazu liegen unumstößliche statistische Daten vor. Die Wahrheit ist auch Lesben und Schwulen zumutbar! Wie verbohrt muss man sein, um diese Fakten so krampfhaft zu leugnen?

GERNOT WARTNER im PRIDE wiederum bezeichnet meinen völlig unaufgeregten Kommentar unverständlicherweise als „polemische Empörung“, scheint aber erkannt zu haben, dass die Forderung nach Eheöffnung und Gleichstellung mit der Heteronorm eine Sackgasse ist, und vermisst in diesem Sinn Anregungen und Anstöße über alternative Zugänge. Nun, sein Flehen wurde erhört: Die HOSI Wien liefert sie in ihrem neuen Forderungsprogramm (siehe S. 4).

Auch ULRIKE LUNACEKs Behauptung (siehe Seite 29), ich hätte argumentiert, die Eheöffnung sei nicht nötig, weil die Ehe ohnehin nur von wenigen lesbischen und schwulen Paaren in Anspruch genommen würde, ist eine Unterstellung. Ich habe überhaupt nichts gegen die Öffnung der Ehe, ich plädiere nur wie GERNOT WARTNER dafür, es zu wagen, emanzipatorisch auch über die Heteronorm hinauszudenken und sich auch alternative Modelle zu überlegen, die vielleicht dann von einer größeren Zahl von Lesben und Schwulen angenommen würden. Aber da kommen dann natürlich taktische bzw. strategische Überlegungen ins Spiel: Wir werden nicht unbegrenzt Alternativen haben können – wenn also einmal die Ehe geöffnet ist, blockiert das sicher andere Optionen und Modelle. Daher hat die HOSI Wien in ihrem neuen Forderungsprogramm Bedingungen für eine Öffnung der Ehe formuliert.

Mir hat jedenfalls noch niemand überzeugend erklären können, warum die Heteronorm das absolute Maß aller Dinge zu sein hat. Weil sie naturgegeben ist? Oder gar gottgewollt? Oder doch nur aus Tradition und Gewohnheit? Vielleicht will ich ja gerade mein Selbstwertgefühl aus der Ablehnung dieses Heterozentrismus beziehen? Auf jeden Fall werde ich mich weiterhin standhaft weigern, wegen der Gräuelpropaganda eines Teils der Bewegung (siehe Beitrag auf S. 9) einen Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln. Man kann das Opferpathos wirklich auch übertreiben!

 

Que(e)rschuss LN 2/2013