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Notbremse ziehen!

Erschienen am 13. März 2009

Vielleicht liegt’s ja auch daran, dass mich als langjährigen Aktivisten das Thema „Schwule und Lesben – noch immer Menschen zweiter Klasse?“ nicht mehr vom Hocker reißt oder dass es eben insgesamt kein großer Aufreger mehr ist. Auf jeden Fall fand ich den Club 2 vom 4. März urfad. Und offenbar nicht nur ich, denn er blieb ohne jegliches Echo in den Medien – aber kein Wunder, so einschläfernd und uninspiriert wie er unter der tantenhaft belehrenden Diskussionsleitung von Renata Schmidtkunz ablief… Zwei offen schwule Männer, ein offen „gleichgeschlechtlich empfindender“ Mann, eine offen „gleichgeschlechtlich liebende“ (Alibi-)Frau, ein katholischer Pfarrer und ein christlicher Fundi von der glücklosen Partei „Die Christen“ hätten eigentlich eine an- und vor allem aufregendere Diskussion erwarten lassen, aber mangels provokativer Aussagen tümpelte sie brav und bieder vor sich hin. Einziger Lichtblick: Schauspieler Uwe Kröger und sein Lebensgefährte Christopher Wolf, die ungeheuer sympathisch, eloquent, einnehmend und ganz selbstverständlich und ohne irgendwelches Opferpathos die schwullesbische Sache vertraten – und nebenbei auch optisch ein Traumpaar abgaben.

Ziemlich überraschend war dann allerdings, dass der „Christen“-Fundi teilweise progressivere Ansichten vertrat als die Rechtsanwältin von den Queer Business Women, die sogar das Wort „homosexuell“ ablehnte, weil es so sehr das Sexuelle in den Vordergrund stellen würde. „Gleichgeschlechtlich“ findet sie offenbar besser, sprachlich bedeutet es allerdings haargenau dasselbe wie das Fremdwort „homosexuell“. Sie wolle über ihre Partnerschaft definiert werden und nicht über ihre Sexualität, betonte die Rechtsanwältin gleich in ihrer ersten Wortmeldung. Bei soviel defensiver und anpasslerischer Argumentation wähnte man sich in die 1950er Jahre zurückversetzt.

Neues Homo-Biedermeier

Ich rieb mir Augen und Ohren, und als dann auch noch die Öffnung der Ehe in ihrer derzeit bestehenden Form ohne Wenn und Aber von der gleichgeschlechtlich liebenden Rechtsanwältin als Heilmittel gegen das Dasein als Menschen zweiter Klasse propagiert wurde, kam ich mir endgültig vor wie ein trauriges Fossil aus einer anderen Zeit, als man noch stolz die Worte „schwul“ und „lesbisch“ gebrauchte und Homosexualität ernsthaft als Chance für einen modernen Gegenentwurf zur spießigen kleinbürgerlichen patriarchalen Welt der lebenslangen Zweierbeziehungen begriff und diskutierte.

Ich verstehe natürlich, dass queere Geschäftsfrauen und schwule Rechtsanwälte das große Geschäft wittern und sich freuen würden, käme auch für Lesben und Schwule die traditionelle Ehe mit ihrem anachronistischen Scheidungsrecht, aber die ÖVP möge abhüten! Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass der überwiegenden Mehrheit der Lesben und Schwulen dieses zum Teil noch aus dem Jahr 1811 stammende Eherecht gestohlen bleiben kann. Sie verzichten sicher liebend gerne darauf, dass unter Umständen die Frage, wer von ihnen die Schuld an der Zerrüttung ihrer Partnerschaft und damit an ihrer Scheidung trägt, im Rahmen von Gerichtsverfahren von irgendwelchen RichterInnen entschieden wird – oder dass ihr/e Ex-Partner/in eine Scheidung bis zu sechs Jahre blockieren kann! Das muss man sich einmal vorstellen: 200 Jahre alte Bestimmungen übernehmen zu wollen, bloß weil sie für Heterosexuelle auch gelten! Aber da zeigt sich halt, dass die – wirtschaftlichen – Interessen homosexueller RechtsanwältInnen, auch wenn sie sich als VertreterInnen der Bewegung ausgeben, nicht automatisch ident sind mit den Interessen von Lesben und Schwulen im allgemeinen und von jenen im besonderen, die ein modernes Partnerschaftsrecht fordern.

Relativierung erforderlich

Überhaupt war die Club 2-Diskussion zu sehr auf die Partnerschaft fokussiert, wodurch man leicht Gefahr läuft, letztlich all jene auszugrenzen, die nicht in einer Partnerschaft leben (möchten), (häufig) wechselnde PartnerInnen haben und sich einfach dieser Norm der Zweierbeziehung entziehen wollen. Hier sollte die Bewegung insgesamt die Notbremse ziehen und dieses Thema wieder auf seine tatsächliche Bedeutung zurückstutzen – denn es gibt noch andere Aspekte und Forderungen! Und so war es richtig beängstigend, wie die verzweifelten Versuche der Moderatorin, auch andere Themen anzuschneiden, ignoriert wurden. Auf ihre Fragen zur Situation in Osteuropa oder einem allgemeinen Antidiskriminierungsgesetz wollte oder konnte keiner der Club 2-Gäste antworten, und sofort wurde die Diskussion wieder auf die Partnerschaft zurückgelenkt, als ob diese der Nabel der lesbisch-schwulen Welt wäre.

Man verstehe mich nicht falsch: Auch die HOSI Wien und ich kämpfen für eine rechtliche Gleichstellung von lesbischen und schwulen Partnerschaften, aber wir treten für moderne Gesetze und moderne Rahmenbedingungen ein – auch an dieser Stelle habe ich dies schon mehrfach argumentiert (vgl. LN 5/2007, S. 9, LN 6/2007, S.10, LN 1/2008, S. 11). Wir betonen auch stets, dass das Leben in Partnerschaft für Lesben und Schwule nicht zur neuen Norm werden darf und dass – wie die Zahlen im Ausland zeigen – die eingetragene Partnerschaft bzw. Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ohnehin ein Minderheitenprogramm ist, das von ein bis maximal drei Prozent der in Frage kommenden Lesben und Schwulen in Anspruch genommen wird; dass sich also kein Single als Mensch zweiter Klasse (hoffentlich kein Thema für einen Club 2 nach Einführung der „Homo-Ehe“!) fühlen muss.

 Apropos ÖVP: Auch die mehrfach flehentlich in die Runde geworfene Frage der Moderatorin nach den Ursachen dafür, warum Österreich im westeuropäischen Vergleich in Sachen Gleichberechtigung dermaßen ins Hintertreffen geraten ist, blieb von den Gästen unbeantwortet. Dabei ist gerade diese Frage ganz leicht zu beantworten, denn die Ursache dafür hat eindeutig einen Namen: Österreichische Volkspartei.

 Im übrigen bin ich der Meinung, dass 26 Jahre rechte Mehrheit im Nationalrat und 23 Jahre ÖVP in der Bundesregierung genug sind.

Que(e)rschuss LN 2/2009