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Durchgeknallt

Erschienen am 19. Juli 2002

Am 23. und 24. März 2002 trafen sich in Innsbruck einige Lesben- und Schwulengruppen, um u. a. eine gemeinsame Erklärung gegen die HOSI Wien und den Autor dieser Zeilen zu verabschieden. Darin heißt es: In den vergangenen Monaten ist es oftmals zu unqualifizierten und kontraproduktiven Äußerungen sowie Aktionen seitens des Vereins „Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien“ – insbesondere durch deren Generalsekretär Kurt Krickler – gekommen. Die unterzeichnenden Organisationen stellen fest, daß sie sich vom Inhalt und vor allem vom Stil dieser Aktionen und Äußerungen der HOSI Wien klar distanzieren. Rein persönliche Attacken auf Personen des öffentlichen Lebens sind der Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen in keiner Weise dienlich. Solche Attacken gefährden vielmehr die Herstellung gleicher Rechte durch eine medienwirksame Überdeckung unserer Anliegen mit aggressiver Selbstdarstellung.

Folgende Organisationen unterzeichneten die Erklärung: AGPRO, Die Grünen andersrum OÖ, Homosexuelle Aktion Vorarlberg, HOSI Linz, HOSI Salzburg, HOSI Tirol, Rechtskomitee Lambda, RosaLila PantherInnen und SoHo. Wie der HOSI Wien im nachhinein vom Obmann der HOSI Salzburg mitgeteilt wurde, war diese Erklärung Mitte April „an sämtliche Abgeordnete von Nationalrat, Bundesrat, der Landtage und der Landeshauptstädte“ übermittelt worden.

Was war Schreckliches passiert, das eine derartige Distanzierung notwendig machte und diesen enormen Aufwand rechtfertigte, um vermeintlichen Schaden von der schwul/lesbischen Sache abzuwenden? Die HOSI Wien kann nur rätseln, und auch ich frage mich, welche meiner Äußerungen die zartbesaiteten und über Stilfragen so besorgten Mädchen aus dem Politikpensionat so erregt haben. War es unsere berechtigte Kritik am VfGH (siehe LN 2/2002, S. 17 ff, bzw. Berichterstattung in diesem Heft)? War es unsere Kritik an der Vizekanzlerin (ibid)? War es unsere Kritik an Blau-Schwarz bzw. meine Rede bei der Abschlußkundgebung der Anti-Regierungsdemo am 2. Februar 2002 (LN special 2/2002, S. X)? War es deshalb, weil wir uns über Jörg Haiders Irak-Reise lustig gemacht haben (LN 2/2002, S. 21)? Wir wissen es nicht. Keine dieser „Aktionen“ – und auch nicht alle in ihrer Gesamtheit – rechtfertigte eine derartige unprofessionelle Vorgangsweise, die nur kontraproduktiv und für die Sache schädlich ist. Und dabei habe ich noch gar nie laut gesagt, daß ich die Meinung des grünen EP-Abgeordneten Johannes Voggenhuber teile, daß die FPÖ eine faschistische Partei ist.

Vor einem Rätsel werden wohl auch die GemeinderätInnen in St. Pölten und die Landtagsabgeordneten in Eisenstadt bei der Lektüre dieser „Innsbrucker Erklärung“ gestanden sein, denn wohl keine/r von ihnen wird irgendwelche rein persönlichen Attacken der HOSI Wien oder durch mich auf Personen des öffentlichen Lebens wahrgenommen haben. Das einzige, was bestenfalls registriert wurde und hängen blieb, ist, daß es innerhalb der Lesben- und Schwulenbewegung Streit gibt. Ihr Image ist dadurch angepatzt. Nämlich nicht nur das der HOSI Wien, sondern – wahrscheinlich noch viel mehr – auch jenes der unterzeichneten Vereine. Khol & Co werden sich diebisch ins Fäustchen lachen, daß „die Warmen“ ihre Energien jetzt darauf verwenden, sich untereinander zu bekriegen, und sie können in Zukunft jedes Anliegen mit dem Hinweis darauf abschmettern, daß sich die Lesben- und Schwulenvereine untereinander ja gar nicht einig seien.

Wie man gerüchteweise hört, ist ein Grund für den Unmut auch, daß die HOSI Salzburg bei einem Treffen mit der Salzburger ÖVP vorwurfsvoll mit einer Presseaussendung der HOSI Wien konfrontiert wurde. Da ist man offenbar auf den plumpsten aller Politikerschmähs hereingefallen. Statt sich in die Rolle drängen zu lassen, sich für die HOSI Wien rechtfertigen – und in Hinblick auf die eigenen Subventionen – von dieser distanzieren zu müssen, hätte man ja einfach den Ball zurückspielen können und die Aussagen der HOSI Wien als Reaktion auf die Haltungen von ÖVP, FPÖ oder Verfassungsgerichtshof (was immer der Stein des Anstoßes war) erklären können.

Mag ja sein, daß es in Salzburg und anderswo noch PolitikerInnen gibt, die von unabhängigen NGOs Bravsein und Anbiederung erwarten, aber diese Spezies ist wohl im Aussterben begriffen. PolitikerInnen, die NGOs und sich selber ernst nehmen, erwarten sich wohl von NGOs in erster Linie Kritik und nicht Lobhudelei – und können damit wohl auch professionell umgehen.

Im nachhinein hat sich jedenfalls gezeigt, daß die Linie der HOSI Wien richtig war, wie sich ja aus der Berichterstattung über die Aufhebung des § 209 in diesem Heft leicht nachvollziehen läßt. Der VfGH kam unter Druck, eine positive Entscheidung zu fällen – ganz egal, was für ein Antrag ihm vorgelegt wurde. Und all jene, die gemeint haben, eine Anbiederung an die FPÖ und ihre Vorsitzende führe zum Erfolg, haben mit diesem Kuschelkurs – wie sich anhand des Umfallers der FPÖ in Sachen Ersatzlösung gezeigt hat – elenden Schiffbruch erlitten. Hier waren viele naiver, als die Polizei erlaubt.

Aber selbst wenn sich diese Strategie als richtig erwiesen hätte, was sie nicht tat, war die Vorgangsweise gegen die HOSI Wien unprofessionell und kontraproduktiv. Mit dieser Aktion haben sich die betreffenden Vereine und ihre FunktionärInnen jedenfalls nicht gerade als seriöse und ernstzunehmende PartnerInnen für eine Zusammenarbeit mit der HOSI Wien qualifiziert.

Kurts Kommentar LN 3/2002

Nachträgliche Anmerkung

Die Aktion war völlig wirkungslos. Reaktionen von politischer Seite sind nicht überliefert. Besonders pervers fand ich ja den Umstand, dass die HOSI Wien und ich mit der Kritik an Schwarz-Blau eigentlich die Oppositionsarbeit der SPÖ erledigten – und uns dann deren Teilorganisation SoHo dermaßen in den Rücken fällt. Nun ja, meine Lust, mit diesen Organisationen weiter zusammenzuarbeiten, wurde dadurch natürlich nicht größer.