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Schwule Klischees

Erschienen am 10. März 2006

Das Titelblatt der Studie

Mitte Jänner 2006 veröffentlichten AGPRO (Austrian Gay Professionals) und die Pink Marketing GmbH die Ergebnisse der von ihnen in Auftrag gegebenen Studie über das Freizeit- und Konsumverhalten von Schwulen in Österreich. Ziel dieser Umfrage war es, die Kaufkraft von Homosexuellen im Vergleich zu Heterosexuellen abzubilden und ihre Bedeutung für die Wirtschaft aufzuzeigen.

Wenig überraschend die meisten der Ergebnisse: Schwulen Männern steht in der Regel mehr Geld für Konsum zu Verfügung als heterosexuellen Männern. Logisch: In den allermeisten Fällen können Schwule ihr Einkommen für sich allein verwenden und haben weder für Kinder noch Ehefrau zu sorgen. Leben zwei normal oder gut Verdienende (vulgo: „Dinks – double income, no kids“) auch noch im selben Haushalt, bleibt ihnen noch mehr Geld für Konsum. Das ist logisch, und um das herauszufinden, hätte man die Studie nicht gebraucht.

Problematisch werden die Ergebnisse dort, wo die Studie vorgibt, sie könnte die Gruppen der heterosexuellen und der schwulen Männer tatsächlich empirisch vergleichen. Doch das ist letztlich wohl unmöglich, da repräsentative Samples für beide Gruppen wohl kaum zu finden sind. Aufgrund von Erhebungen unter ein paar hundert wahrscheinlich nicht wirklich repräsentativen Vertretern Rückschlüsse auf die Gesamtgruppe zu ziehen ist daher in Wahrheit Kaffeesudleserei und ziemlich unseriös.

So behaupten die Autoren der Studie, diese belege auch, dass das durchschnittliche Nettoeinkommen eines schwulen Mannes höher ist als das eines heterosexuellen. Warum das so sein soll, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Und auch stark zu bezweifeln: Warum sollten Homosexuelle im Durchschnitt die besser bezahlten Jobs haben? Gerade wenn man bedenkt, dass es immer noch die berühmte Glasdecke bei vielen der Topjobs gibt, für die z. B. Verheiratetsein eine Voraussetzung darstellt.

Und wenn behauptet wird, Schwulen stünden pro Jahr über 1,2 Milliarden Euro mehr für Konsum frei zur Verfügung als heterosexuellen Männern, dann fragt man sich unwillkürlich, welche Milchmädchenrechnung zu diesem Ergebnis geführt hat. Dass zehn Prozent der männlichen Bevölkerung mehr Geld frei zur Verfügung haben sollen als die anderen neunzig, klingt nicht wirklich logisch und überzeugend, zumal man auch davon ausgehen muss, dass auch unter den 90 % Heterosexuellen viele Singles sind, die ihr Einkommen ebenfalls für sich allein ausgeben können. Und auch unter heterosexuellen Paaren soll es ja immer mehr „Dinks“ geben.

Zweck der Studie war es also, sichtbar zu machen und zu untermauern, dass Schwule besonders kaufkräftig und konsumfreudig und daher für die Werbung eine besonders interessante Zielgruppe seien. Den beiden Auftraggebern, so war in ihrer Medienaussendung am 17. Jänner zu lesen, sei es aber auch darum gegangen, dass diese „Tatsachen“ künftig „bei der gesellschaftspolitischen Arbeit für die Gleichstellung und Gleichberechtigung von Homosexuellen überzeugen und helfen“ sollen.

Eine solche Argumentation ist sicherlich gut gemeint, aber abzulehnen. Wirtschaftliche Potenz sollte niemals herangezogen werden, um Gleichstellung und Gleichberechtigung zu argumentieren oder zu begründen. Als alter Konsumverweigerer, der 15 Jahre alte Hemden trägt, ein neues Paar Schuhe erst kauft, wenn eines seiner zwei Paare total ausgelatscht ist, nie ein Auto sein eigen nannte, vor jeder Anschaffung erst den „Brauch-ich-das-wirklich-auch-wenn-ich-nächste-Woche-tot-bin?“-Test macht (und dann meist von einem Kauf absieht), stört mich daher nicht nur diese Produktion und Verfestigung von Klischees über Schwule, sondern auch die Verbindung zwischen bravem Konsumverhalten mit gesellschaftlicher Anerkennung und rechtlicher Gleichstellung. Ich möchte auch gleichberechtigt sein, ohne Geld dafür ausgeben und konsumieren zu müssen.

Zu dieser biederen und spießigen Rechtfertigungsstrategie zählt auch ein anderes Ergebnis der Studie, das ich indes für ein glattes Fake halte: 80 Prozent der österreichischen Schwulen würden angeblich eine eingetragene Partnerschaft nutzen, wenn sie rechtlich möglich wäre. Oder es haben sich nur lauter Romantiker und Träumer an der Umfrage beteiligt! Zum Vergleich der Reality-Check: In Dänemark, wo diese Möglichkeit immerhin schon seit über 16 Jahren besteht, sind bisher nur rund 2 % der Schwulen eine eingetragene Partnerschaft eingegangen.

Que(e)rschuss LN 2/2006

Nachträgliche Anmerkung

Das mit den 15 Jahre alten Hemden war eine Untertreibung: Bei der Auswahl und Zusammenstellung der Fotos für diese Website habe ich bemerkt, dass da auf manchen 25, ja 30 Jahre alten Fotos bereits Kleidungsstücke zu sehen sind, die ich heute immer noch trage.