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Böses Blut

Erschienen am 13. Juli 2007

Von der Gesundheitsministerin würde man in erster Linie erwarten, das soziale AIDS an der Wurzel zu bekämpfen – und dazu gehört zuallererst einmal die völlige rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe. Statt jedoch dies vorrangig zu betreiben, hüpft die Ministerin, die auch sonst wie eine Art Paris Hilton der Innenpolitik auf Speed durch die politische Landschaft torkelt, am Life Ball herum oder teilt Placebos auf läppischen Nebenschauplätzen aus. Etwa jüngst mit ihrer Aussage, die in ihrem Ministerium eingerichtete Blutkommission beauftragt zu haben, an der angeblich schwulendiskriminierenden Formulierung im Blutspender-Fragebogen des Roten Kreuzes zu feilen. Na super, da sind wir jetzt aber alle froh und glücklich!

Der derzeitige Fragenkatalog des Roten Kreuzes für potentielle BlutspenderInnen ist sicherlich nicht optimal, um einerseits HIV-infiziertes Blut lückenlos und andererseits ausschließlich solches auszusondern. Formulierungen können natürlich immer verbessert werden, aber dies gleich als große Staatsaktion auf einer Pressekonferenz zu thematisieren mutet doch als ziemlich vordergründiges Ablenkungsmanöver an. Dass das Rote Kreuz generell kein Blut von Männern weiterverwenden will, die Sex mit Männern haben, ist in diesem Zusammenhang wohl ohnehin das geringste Problem.

Aber was denken sich eigentlich Leute – gerade auch jene, die sich als Schwulenvertreter ausgeben – dabei, wenn sie hier groß von Diskriminierung schreien? Fällt ihnen nicht auf, dass sie damit bloß genau dieses Vorurteil bedienen, eine HIV-Infektion sei das Schlimmste, was man sich nur vorstellen kann – etwas, wovon man sich gar nicht genug distanzieren kann? Wenn sie sich dagegen verwahren, dass Homosexuelle automatisch mit HIV-Infektion in Verbindung gebracht werden, verfestigen sie doch nur das Stigma HIV-Seropositivität. Als HIV-Positiver bedanke ich mich ganz herzlich für soviel Solidarität!

Hier von Diskriminierung zu reden war vielleicht vor 20 Jahren noch angebracht. Aber heute ist das völliger Schwachsinn. Es wäre in der Tat toll, widerführe keinem Schwulen in Österreich eine ärgere „Diskriminierung“, als vom Blutspenden ausgeschlossen zu werden. Könnten wir bitte als Schwule endlich selbstbewusst genug sein und mit dem Umstand, dass wir im Verhältnis zu unserem Anteil an der Gesamtbevölkerung eine von HIV überproportional betroffene Gruppe sind, nicht nur verantwortungsvoll, sondern auch pragmatisch und unaufgeregt umgehen?!

Diskriminierungsgeschrei

Im Fragenkatalog des Roten Kreuzes wird übrigens nicht nur nach homosexuellem Verhalten gefragt, sondern u. a. auch, ob man in den letzten sechs Monaten in einem Tropen- oder Malariagebiet gewesen ist. Da schreit ja auch niemand: Diskriminierung aller Tropenreisenden, ihnen werde mit dieser Frage generell unterstellt, die Malaria einzuschleppen und die Blutkonserven damit zu verseuchen! Übergewicht wird ebenfalls als höherer Risikofaktor für Diabetes und allerlei Zivilisationskrankheiten genannt – deshalb schreien Dicke aber auch nicht ständig „Diskriminierung!“, weil sie sich einem Generalverdacht, an diesen Krankheiten zu leiden, ausgesetzt fühlen.

Die Feststellung, bei einer HIV-Ansteckung durch Geschlechtsverkehr komme es ja nicht auf das Geschlecht des Partners, sondern darauf an, ob man sich beim Sex vor einer Ansteckung entsprechend schützt oder nicht, ist trivial. Und in Wahrheit genauso naiv und hilflos wie der Hinweis auf der Spenderkarte des Roten Kreuzes im Anschluss an die Frage nach dem erhöhten Risikoverhalten, z. B. ungeschütztem Geschlechtsverkehr, nämlich: „Betrifft auch Partner von Personen mit den angeführten Risiken.“

Denn genau da liegt die eigentliche Gratwanderung: Wie kann man das Risiko, dass das Blut eines frisch infizierten Spenders nicht ausgesondert wird, so gering wie möglich halten, ohne dass praktisch der Großteil der Spender von vornherein ausgeschlossen wird? Denn Hand aufs Herz: Welche Ehefrau kann wirklich die Hand dafür ins Feuer legen, dass ihr Göttergatte in den letzten drei Monaten vor ihrer Blutspende nicht ungeschützt fremdgegangen ist? Und dasselbe gilt natürlich für eine vermeintlich monogame schwule Beziehung. In Wahrheit dürfte daher nur jemand Blut spenden, der auch mit seinem festen (Ehe-)Partner während dieses „diagnostischen Fensters“ nur sicheren bzw. gar keinen Sex hatte.

Dilemma

Und das noch viel größere Dilemma des Roten Kreuzes liegt im Umstand, dass es sich auf die Angaben der potentiellen BlutspenderInnen verlassen muss. Niemand kann jedoch garantieren, dass alle korrekt antworten – egal, wie gut die Fragen formuliert sind. Gerade das Angewiesensein des RK auf ehrliche Antworten bzw. kompetente und objektive Selbsteinschätzung des Verhaltens und Risikos bei einem so komplexen Thema wie sicherem Sex stellt einen großen Unsicherheitsfaktor dar – bedenkt man, dass viele Menschen schon mit viel harmloseren Dingen überfordert sind!

Daher kann man es dem RK aufgrund der statistischen Fakten nicht wirklich verdenken, generell auf schwules Blut zu verzichten. Angesichts der Durchseuchungsrate in den jeweiligen Bevölkerungsgruppen und der Verantwortung des RK für eine möglichst sichere Versorgung mit Spenderblut – eine hundertprozentige wird es ohnehin nie geben – ist nachvollziehbar, dass das RK diese Position vertritt und meint, bei all diesen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten lieber generell auf Blutspenden von Schwulen verzichten zu wollen, da bei dieser Gruppe die Wahrscheinlichkeit, dass eine Spende „durchrutscht“, statistisch eben einfach um ein Vielfaches höher ist als bei Heterosexuellen.

Die Frage nach homosexuellem Verhalten ohne jegliche Differenzierung ist dabei also allenfalls zweck- oder sinnlos, aber nicht diskriminierend. Und außerdem besteht wohl für niemand ein Grund- oder Anrecht darauf, dass sein/ihr Blut fremden Menschen transfundiert wird! Wie wär’s also, statt des reflexartigen Diskriminierungsgeschreis die Kirche im Dorf zu lassen und konstruktiv zu sagen: „Liebes Rotes Kreuz: Wir haben zwar unsere Zweifel, ob eure Strategie wirklich hundertprozentig vernünftig und zweckdienlich ist, sehen aber ein, dass euch angesichts der vielen durchaus nicht zu vernachlässigenden Unsicherheitsfaktoren und der statistisch höheren Durchseuchungsrate in einer eigentlich zehnmal kleineren Gruppe das Risiko zu hoch ist, überhaupt Blut von Schwulen zu verwenden. Im übrigen hätten wir da noch einige Anregungen, wie ihr euren Fragenkatalog auch für Heterosexuelle noch optimieren könntet…“

Und von der Gesundheitsministerin und ihrer Partei erwarten wir dann spätestens, nachdem der Besuch des Papstes in Österreich überstanden ist, dass in Sachen eingetragene PartnerInnenschaft endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden.

Que(e)rschuss LN 4/2007