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Wohlstandsverwahrlosung

Erschienen am 4. Juli 2014

Conchita Wurst gibt Interviews im „Gugg".

Irgendwie war der Hype, den die Massenmedien nach Conchita Wursts Grand-Prix-Sieg zum Thema Homosexualität inszenierten, fast schon beängstigend. Und er ist in mehrfacher Hinsicht auch nicht ganz unproblematisch. Als jemand, der alt genug ist, um die Entwicklungen in Sachen Homo-Emanzipation in den letzten 40 Jahren zu überblicken, weil er sie selber bewusst miterlebt hat, war ich auch etwas perplex über die historische Einordnung dieses Ereignisses. Über so manche Reaktion, die so tat, als bedeute Conchitas Sieg jetzt für Österreich endlich den Beginn einer positiven Entwicklung, den Aufbruch in eine bessere Zukunft, musste man schon eher den Kopf schütteln und sich fragen: Wo haben diese Leute bisher gelebt? Was erwarten sie jetzt noch? Ist uns bisher nur blanker Hass entgegengeschlagen? Befinden wir uns in Sachen rechtlicher Gleichstellung nicht ohnehin seit 2010 im europäischen Spitzenfeld?

Natürlich liegt es im Interesse der Medien, einen Hype zu erzeugen, um ihre Auflagen und Reichweiten zu steigern. Aber dass es wirklich gelingt, so radikal auszublenden, was bisher geschah, obwohl gerade in diesen Zeiten des Internet und seiner Suchmaschinen immer wieder auf die Rache der Archive hingewiesen wird, ist schon erstaunlich. Dabei war es nun wirklich nicht der erste massenmediale Hype zum Thema, wiewohl sicherlich einzigartig in dieser, auch internationalen, Dimension. Okay, der bisher größte Hype in Sachen Homosexualität in der österreichischen Geschichte um das von mir durchgeführte Bischofsouting 1995 war kontroversiell, aber es gab ja auch schon positiv besetzte Hypes, etwa zum Coming-out von GÜNTER TOLAR oder ALFONS HAIDER. Schon vergessen? Auch damals wurden diesen Ereignissen ähnliche Bedeutung und ähnliches Potential, die schwul/lesbische Sache voranzubringen, beigemessen.

Dies ist offenbar nicht eingetreten, sonst könnten nicht jetzt erneut dieselben Erwartungen entstehen bzw. von den Medien herbeigeredet werden. Aber das darf man eben nicht ernst nehmen, weil die Medien halt von der Produktion von Sensationen leben. Beim Life Ball ist es ja ähnlich: Da hören wir auch jedes Jahr dieselbe massenmediale Leier (gähn!), jetzt werde endlich etwas für die armen AIDS-Opfer und endlich etwas für die Aufklärung in Sachen HIV-Ansteckung getan – dabei fand der Life Ball mittlerweile zum 22. (!) Mal statt. Die Einfallslosigkeit vieler JournalistInnen ist wirklich bestürzend.

Die Erfahrung lehrt uns jedenfalls, dass sich solche Erwartungen nicht erfüllen. Und daher ist es höchst unfair, Conchita eine solche Last aufzubürden. Ein einzelner Mensch kann nicht für die Charakter- und Herzensbildung einer ganzen Nation zuständig gemacht werden, da müssen wir schon alle daran arbeiten!

In der LSBT-Bewegung gibt es ebenfalls das Phänomen, dass jede neue Generation von AktivistInnen glaubt, bei Null zu beginnen, und ebenfalls oft ignoriert, was bisher geschah. Und dazu kommt – wie die vorhin erwähnten Reaktionen zeigen –, dass die Unterdrückungsrhetorik des vorigen Jahrhunderts, derer sich ein Teil der LSBT-Bewegung (und auch manche politische Partei, die uns als WählerInnen bei der Stange halten will) nach 2010 immer noch befleißigt, bei vielen Lesben und Schwulen auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Sie verharren in einem subjektiven Opferstatus, der einer objektiven Überprüfung und Einschätzung nicht standhalten kann, auch wenn man die Öffnung der Ehe als absoluten Maßstab hernehmen will, was die HOSI Wien ja ablehnt. Ein Teil der Bewegung, der sich offenbar in einer Sinnkrise befindet, meint, es sei die größte Diskriminierung und Menschenrechtsverletzung in der Menschheitsgeschichte, dass zwei Frauen bzw. zwei Männer keine bürgerliche Ehe eingehen dürfen, und will uns einreden, wir hätten gefälligst ordentlich darunter zu leiden. In Wahrheit ist das jedoch im Vergleich etwa zur Situation in Afrika ein veritables Luxusproblem, also Ausdruck einer gewissen Wohlstandsverwahrlosung.

Amüsant fand ich in diesem Zusammenhang, dass oft ganz unspezifisch die Hoffnung ausgesprochen wurde, dass die Gleichstellung jetzt nach Conchitas Sieg quasi naturgesetzlich von selbst kommen werde, ohne genau zu benennen, wer für die Verwirklichung eigentlich verantwortlich wäre – so, als ob sie einfach vom Himmel fiele. Nur in wenigen Fällen wurde die potentielle Urheberin – die ÖVP – beim Namen genannt. Und da waren die entsprechenden Überlegungen, die ÖVP würde unter dem Eindruck von Conchitas Erfolg in Sachen Gleichstellung einlenken, nicht weniger amüsant. Aber ohnehin weit gefehlt! Die ÖVP riss uns bereits eine Woche später aus unseren Träumen und holte uns wieder auf den Boden der Realität zurück, als sie sich einmal mehr kategorisch gegen das Levelling-up beim Schutz vor Diskriminierung aussprach. Auch hier gilt: Statt Conchita für die Haltungsänderung bei der ÖVP verantwortlich zu machen, sollten wir die ÖVP einfach abwählen. Aber das passiert leider nicht: Nur zwei Wochen nach Conchitas Sieg in Kopenhagen desillusionierte uns das österreichische Volk durch seine breite Unterstützung konservativer homofeindlicher Parteien bei der EU-Wahl!

Dabei reicht ja ein Blick über die Grenzen: In allen katholisch dominierten Ländern wurde die Homo-Ehe (Spanien, Portugal, Frankreich und zuletzt Luxemburg – vgl. S. 33) bzw. die eingetragene Partnerschaft (zuletzt in Malta – vgl. LN 2/2014, S. 32) erst möglich, nachdem eine linke Mehrheit ins Parlament und in die Regierung gewählt worden war. Daher nützt das undifferenzierte Gejammer über die vermeintliche Rückschrittlichkeit Österreichs gar nichts: Man muss den Leuten klarmachen, dass es mit einer rechten Mehrheit im Nationalrat und einer ÖVP in der Regierung keine Öffnung der Ehe geben wird.

Im übrigen bin ich der Meinung, 27 Jahre ÖVP ununterbrochen in der Bundesregierung sind genug!

 

Que(e)rschuss LN 3/2014