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Goldenes Verdienstzeichen für Dieter Schmutzer

Veröffentlicht am 2. April 2024

Heute vormittag überreichte Ernst Woller, Erster Präsident des Wiener Landtags, im Rahmen einer Feier im Wiener Rathaus das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien an DIETER SCHMUTZER. Diese Ehrung gilt Dieters Verdiensten als Erwachsenenbildner und Mundartforscher. Als Mitbegründer und langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien – und damit als Urgestein der österreichischen Schwulen- und Lesbenbewegung – sowie als Pionier im Kampf gegen HIV und AIDS in Österreich hat Dieter Herausragendes geleistet. Mit der Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens wird auch sein aufklärerisches und volksbildnerisches WIrken und Engagement auf diesen Gebieten gewürdigt. Die Laudatio hielt Rotraud Perner.

Dieter, Jahrgang 1953, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften an der Universität Wien, wo er 1981 promovierte. Beste Voraussetzungen, um 1993 mit Wienerisch g’redt ein Standardwerk über die Geschichte der Wiener Mundartdichtung zu veröffentlichen – herausgegeben im Wiener Verlag Der Apfel – und von Anfang an (ab 1982) bei den HOSIsters, der Theatergruppe der HOSI Wien, mitzuwirken.

In der Lesben- und Schwulenbewegung kennt man Dieter vor allem als frühen und langjährigen Aktivisten und Mitarbeiter der HOSI Wien. Schon auf der Gründungsversammlung im Jänner 1980 wurde er zum Vereinssekretär bestellt. Diese Funktion hatte er bis 1991 inne, als er schließlich die Obmannschaft übernahm. Dieter war drei Jahre lang Obmann und zog sich 1994 aus allen Vereinsfunktionen zurück, blieb der HOSI Wien jedoch bei einzelnen Aktivitäten und vor allem als HOSIster noch viele Jahre verbunden. Seinen Abschied von der Gugg-Bühne nahm er erst 2015 mit der HOSIsters-Produktion Gigantinnen.

In den ersten fünfzehn Jahren war Dieter praktisch aus keiner wichtigen Vereinsaktivität wegzudenken. Ob politisches Lobbying oder Aufklärungs- und Medienarbeit nach außen; ob LAMBDA-Nachrichten, wo er regelmäßig auch seine „Seitenhiebe“ austeilte, und andere Publikationen, wie die Bücher Rosa Liebe unterm roten Stern (1984), Homosexualität in Österreich (1989) oder Das Lambda-Lesebuch. Journalismus andersrum (1996); ob Auslandsarbeit und internationale Konferenzen, wie die ersten beiden Weltkonferenzen 1983 und 1989 sowie die Osteuropakonferenz 1993, die von der HOSI Wien für die International Lesbian and Gay Association (ILGA) ausgerichtet wurden; ob Vorbereitungen von und/oder Teilnahme an hunderten Diskussionsveranstaltungen, Vorträgen, Festen sowie Moderationen (wie der Feiern zu den runden HOSI-Wien-Jubiläen – 20 Jahre, 25 Jahre, 30 Jahre sowie 35 Jahre – siehe auch meine Zusammenfassung zum 40er) – Dieter war in all diese Aktivitäten wesentlich involviert. Daher verwundert es nicht, dass sein Name auch auf meinem Website – neben jenem von CHRISTIAN HÖGL, der von 1996 bis 2018 Langzeit-Obmann der HOSI Wien war – am häufigsten auftaucht.

Dieter war also schon in der HOSI Wien ein Volks- und Erwachsenenbildner, auch wenn wir das damals nicht so wahrgenommen hatten.

In seinem Brotberuf war Volks- und Erwachsenenbildung hingegen eindeutig Teil der Stellenbeschreibung: Von 1982 bis 1987 war Dieter „Pädagogischer Assistent“ in der Wiener Urania, einer der Wiener Volkshochschulen.

Ende 1987 heuerte Dieter schließlich in der Geschäftsführung der Österreichischen AIDS-Hilfe (ÖAH) an. Dieter hatte 1985 zwar ehrenamtlich an der Erstellung von Konzept und Statuten der ÖAH mitgearbeitet, seinen Job in der Urania wollte er damals jedoch nicht aufgeben. Seine Aufgabenbereiche in der ÖAH umfassten einmal mehr Aufklärung, Information und Fortbildung. Er organisierte wieder hunderte Veranstaltungen, betreute die Aufklärungskampagnen, die Erstellung von Informationsmaterialien und die Medienarbeit – im Detail nachzulesen im 300 Seiten starken Tätigkeitsbericht über die ersten 5 Jahre Österreichische AIDS-Hilfe. 1985–1990, dessen Redaktionsteam Dieter ebenfalls angehörte.

Nach dem Ende der ÖAH im Juni 1991 war Dieter noch einige Zeit ehrenamtlich im Österreichischen AIDS-Informations- und Dokumentationszentrum (ÖAIDZ) engagiert, u. a. als Mitherausgeber von AIDS. Ein lexikalisches Handbuch (Verlag Der Apfel, Wien 1991).

In diese Zeit fiel auch eine andere wichtige volksbildnerische Tätigkeit: Von 1989 bis 1994 arbeitete Dieter bei der legendären Ö3-Sex-Hotline mit. Zudem war Dieter von 1992 bis 1999 Vorstandsmitglied (Schriftführer) der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung (ÖGS), danach bis 2022 Rechnungsprüfer des Vereins, der sich 2015 in Österreichische Gesellschaft für Sexualwissenschaften umbenannte und für den Dieter überdies als Referent und Vortragender im Einsatz war.

Das Künstlerische kam gleichfalls nie zu kurz: Ab 1989 wirkte Dieter als einer von vier „Doktoren“ im gleichnamigen Ensemble Quatuor Doctores mit, das mit literarisch-musikalischen Textcollagen politisches Kabarett machte. Wie man sich diese schrägen „kabarettistisch-politisch-moralisch-didaktischen Nonsense-Programme“ mit „rational aufklärerischem Inhalt“ vorstellen muss, lässt sich anhand einer Ankündigung für ein Programm aus 2012 hier nachlesen.

Mitte der 1990er Jahre machte sich Dieter selbständig, und zwar auf dem Gebiet der Lebens- und Sexualberatung und -pädagogik. Ein entsprechendes Diplom hatte er 1995 erworben. Ein Jahr später eröffnete er seine eigene Praxis für Lebens- und Sozialberatung in Wien, 2005 gründete er schließlich das Institut für Lebensgestaltung. In diesem Rahmen bot er diverse Fortbildungen an; er wirkte überdies als Supervisor und Trainer für zahlreiche Einrichtungen und Institutionen, vorwiegend im sozialen Bereich, als Lehrender in verschiedenen Ausbildungslehrgängen sowie als Lehrbeauftragter u. a. an der Universität Klagenfurt und an der Pädagogischen Hochschule in Linz.

Inklusion war Dieter dabei ein besonders wichtiges Thema und Anliegen. Und so hat er zahlreiche Projekte, Workshops und Seminare zum Thema Behinderung organisiert. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang Dieters Engagement für den Kulturverein Ich bin O.K.

Ab dem Jahr 2000 wurde Dieter häufig als Experte in die Barbara-Karlich-Show des ORF eingeladen, wo er seinem volksbildnerischen Anspruch einmal mehr gerecht wurde. Die Palette der Themen, die er in diesem Sendungsformat abdeckte, reichte weit über Sexualität hinaus und umfasste aufgrund seines Schwerpunkts Inklusion u. a. Behinderung oder „Außenseitertum“.

Im Oktober 2022 ging Dieter nach einem langen und intensiven Berufsleben in den verdienten Ruhestand und schloss sein Institut. Verdient ist indes nicht nur der Ruhestand, sondern auch die nunmehrige Ehrung seines jahrzehntelangen Wirkens und Engagements.

Herzliche Gratulation, lieber Dieter, du hast das Goldene Verdienstzeichen mehr als verdient!

 

Ausführliche Informationen finden sich auf Dieters Homepage.

 

Weitere Fotos von der Feier in der zweiten Galerie unten: erstes Bild zum Vergrößern anklicken und dann mit dem Pfeil durch die Galerie klicken.

 

DIETER SCHMUTZER (li) bekam aus den Händen von Ernst Woller im Rahmen eines Festakts das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien überreicht.

FOTO: MARKUS KÖNIG

Laudatorin war Rotraud Perner, eine Wegbegleiterin über mehr als vier Jahrzehnte. Von den vielen anderen WegbegleiterInnen, die sich zur Ehrung im Wiener Rathaus eingefunden hatten, erhielt DIETER stehende Ovationen.

Weitere Fotos von der Feier in der zweiten Galerie unten: erstes Bild zum Vergrößern anklicken und dann mit dem Pfeil durch die Galerie klicken.

FOTO: MARKUS KÖNIG

Gründungsversammlung der HOSI Wien am 29. Jänner 1980: DIETER strahlt im hellen Pullover in der Bildmitte.

FOTO: HANS/ARCHIV HOSI WIEN

26. Juni 1982: Erste Gay-Pride-Demo in Wien mit Kaiserin Maria Theresia alias JOHANNES WEIDINGER (1949–2023). DIETER hielt ihr das Buch, aus dem sie ihr Gesetz über „das abscheuliche Laster der Unkeuschheit wider die Natur, oder sodomitische Sünd“ vorlas.

FOTO: ARCHIV HOSI WIEN

Im Spätsommer 1982 stand DIETER Modell für die Foto-Serie „Ich küsse Ihre Hand, Madame…“ von Gudrun Stockinger (vgl. LN 1/1983, S. 21 ff). Links im Bild JULIUS ZECHNER (1958–1992), rechts ich.

FOTO: GUDRUN STOCKINGER

Auf HOSI-Wien-„Dienstreise“ in Laibach im Mai 1985 (Details hier), vgl. LN 3/1985, S. 22 ff.

11. ILGA-Weltkonferenz im Juli 1989 in Wien: DIETER war nicht nur im Orga-Team an vorderster Front tätig (hier sitzend neben dem schwedischen Praktikanten ANDERS SVANSTRÖM; stehend v. l. n. r.: HELMUT BERNHARDT, ich, HARALD HAAS und FRIEDL NUSSBAUMER), sondern…

Das legendäre Ö3-Sex-Hotline-Team (Herbst 1989) auf der Couch v. l. n. r.: Gerti Senger, Ernest Borneman (1915–1995), Rotraud Perner und DIETER, dahinter Moderatorin Martina Rupp

FOTO: ORF/PETER KURZ

Als HOSI-Wien-Aktivist war man quasi auch Berufsdemonstrant (vgl. dazu LN 1/2010, S. 20 ff). Beim Mai-Aufmarsch am 1. Mai 1991 war DIETER allerdings für ACT UP Wien unterwegs (Details hier): mit MARKUS KÖNIG, JOSEF GABLER und mir.

FOTO: CHRISTIAN HÖGL

Gemeinsam mit Murielle Stadelmann moderierte DIETER die 20-Jahr-Jubiläumsfeier der HOSI Wien im Wiener Rathaus am 18. März 2000 (vgl. Gastbeitrag hier).

FOTO: JANSENBERGER FOTOGRAFIE

Zum 35er der HOSI Wien, der am 8. November 2014 wieder im Wiener Rathaus gefeiert wurde, führte DIETER nicht nur durch das Programm, sondern sang natürlich auch bei den Geburtstagsständchen der HOSIsters mit (vgl. LN 5/2014, S. 6 ff).

FOTO: DORIAN RAMMER

Eine von hunderten Veranstaltungen, an denen DIETER mitgewirkt hat: Im Mai 1988 organisierten HOSI Wien und ÖAH zum zweiten Mal einen AIDS-Informationsmonat. Einer der Programmpunkte war eine Podiumsdiskussion mit u. a. (v. l. n. r.) dem freien Journalisten Stefan M. Gergely, Grün-Abgeordnetem Karel Smolle, DIETER, Primar Norbert Vetter und Judith Hutterer, Chefärztin und Dritte Präsidentin der ÖAH.

FOTO: MICHAEL/ARCHIV HOSI WIEN

…trat auch in der vielumjubelten Vorstellung der Franz-Lehár-Operette Die lustige Witwe auf, die die HOSIsters in englischer Sprache als Teil des Rahmenprogramms spielten (vgl. LN 4/1989, S. 13–27).

FOTO: ARCHIV HOSI WIEN/WILD-CHILD-PRODUCTIONS/JOSEF GABLER

Pressekonferenz am 10. April 1990 im Presseclub Concordia (vgl. LN 3/1990, S. 11 f). Der Verfassungsgerichtshof hatte gerade § 209 StGB (höheres Mindestalter) als verfassungskonform bestätigt (vgl. LN 2/1990, S. 10 ff, bzw. hier). Die HOSI Wien nimmt dazu Stellung: HOSI-Vizeobfrau WALTRAUD RIEGLER und Generalsekretär DIETER (Bildmitte), unterstützt von SPÖ-Nationalratsabgeordneter Waltraud Horvath (später Schütz;1957–2005) und Rotraud Perner (re), (damals) psychoanalytische Sozialtherapeutin und Erwachsenenbildnerin.

FOTO: ARCHIV HOSI WIEN/WILD-CHILD-PRODUCTIONS/JOSEF GABLER

Podiumsdiskussion im November 1992 auf der Universität Wien im Rahmen des 6. AIDS-Info-Monats der HOSI Wien (v. l. n. r.): ich, Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, Moderator DIETER (damals auch HOSI-Wien-Obmann),  Moraltheologe Andreas Laun, Wolfgang Dür vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie und ÖVP-Abgeordneter Christian Brünner Details hier (vgl. LN 1/1993, S. 22 ff).

FOTO: ARTHUR PRIKRYL

Teil des Orga-Teams der ILGA-Osteuropakonferenz 1993: WALTRAUD RIEGLER, DIETER, KURT KRICKLER, SONJA POSPISIL, ANDRZEJ SELEROWICZ, JOHN CLARK, STEVE HUTTON, USCHI SCHELAKOWSKY, SILVIA DUB, ELISABETH RAMSL und BARBARA FRÖHLICH (vgl. LN 3/1993, S. 30 ff)

FOTO: FELIX GÖRNER

Am 29. Oktober 2004 moderierte DIETER auch das 25-Jahr-Jubiläumsfest der HOSI Wien, wieder im Wiener Rathaus, aber diesmal mit Co-Moderatorin „Präsidentin“ SABINE (vgl. Gastbeitrag hier).

FOTO: FOTOSTUDIO.AT

Nach 33 Jahren bei der Theatertruppe verabschiedete sich DIETER im März 2015 mit der Produktion Gigantinnen von der HOSIsters-Bühne.

FOTO: FRIEDRICH JANSENBERGER/DIGITALIMAGE.AT

Präsentation der HOSI-Wien-Buchs Homosexualität in Österreich am 29. Juni 1989 mit drei der Herausgeber: MICHAEL HANDL (1965–1992) liest aus dem druckfrischen Buch, GUDRUN HAUER (1953–2015) und DIETER blättern noch darin (Näheres hier).

FOTO: WALTRAUD RIEGLER

DIETER als Mitarbeiter der Österreichischen AIDS-Hilfe bei Arbeitsgesprächen im WHO-Europabüro in Kopenhagen (30. 8.–1. 9. 1989); die ÖAH hatte gerade eine wichtige Kooperation auf dem Gebiet der AIDS-Prävention begonnen. Im Vordergrund WHO-Mitarbeiter HENNING MIKKELSEN, mit dem auch die HOSI Wien eng zusammenarbeitete (siehe hier).

Im Mai 1990 veranstaltete die HOSI Wien zum vierten Mal einen AIDS-Info-Monat. Ein Programmpunkt war eine Podiumsdiskussion mit DIETER und seinen ÖAH-Kolleginnen (Vereinspräsidentin) Birgit Bolognese-Leuchtenmüller (1949–2022) und Gabriele Traun-Vogt.

FOTO: ARCHIV HOSI WIEN/WILD-CHILD-PRODUCTIONS/JOSEF GABLER

Am 23. Jänner 1993 bildeten AktivistInnen eine schwul-lesbische Insel im Lichtermeer gegen Fremdenfeindlichkeit (v. l. n. r.): BRIGITTE ZIKA-HOLOUBEK, FRIEDL NUSSBAUMER, GUDRUN HAUER (1953–2015), MARTIN WEBER, ELISABETH PERCHINIG, DIETER und GABRIELE FELSTERL.

FOTO: MARKUS KÖNIG

Am 5. Februar 2000 schlossen sich erstmals HOSI-Wien-Aktivisten „in organisierter Form“ und mit Regenbogenfahnen den regelmäßigen Demos gegen Schwarz-Blau an – DIETER hier mit mir (vgl. LN 2/2000, S. 6 ff).

Am 13. November 2009 moderierte DIETER wieder gemeinsam mit EINFACH-NUR-SABINE auch das 30-Jahr-Jubiläumsfest der HOSI Wien. Diesmal fand die Feier allerdings auf Einladung von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (1954–2014, SPÖ) im Parlament statt. Im Hintergrund HENNING DOPSCH und ALFRED GUGGENHEIM (1926–2014), HOSIaner der ersten Stunde (vgl. LN 6/2009, S. 21 ff).

FOTO: GAYBOY.AT

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