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Rosa Liebe unterm roten Stern

Veröffentlicht am 5. Oktober 1984
Im Oktober 1984 erschien das von der HOSI-Wien-Auslandsgruppe herausgegebene Buch Rosa Liebe unterm roten Stern – zur Lage der Lesben und Schwulen in Osteuropa. Auf der Frankfurter Buchmesse im selben Monat wurde es zum ersten Mal öffentlich präsentiert. Es war damals eine wichtige Publikation, die auch über den deutschen Sprachraum hinaus großes Interesse erweckte. In den LN 4/1984 berichtete ich über die Entstehungsgeschichte.

Das Herausgeberteam aus der HOSI Wien/Auslandsgruppe bestand aus GUDRUN HAUER, KURT KRICKLER, MAREK alias ANDRZEJ SELEROWICZ und DIETER SCHMUTZER. Das Buch enthält auch Gastbeiträge von DORIS HAUBERGER, HELGA PANKRATZ und HANS VONK. Es erschien ursprünglich bei FRÜHLINGS ERWACHEN im Verlag Libertäre Assoziation e. V., Hamburg 1984 als ein Betrag zum „Internationalen lesbisch-schwulen Aktionsjahr“, ausgerufen von der International Gay Association (IGA).

Den dumpf-latenten Gedanken, ein Buch über die Lage von Lesben und Schwulen in Osteuropa zu schreiben, hatten wir (war es Marek*, der ihn zum erstenmal äußerte?) schon länger, schon bald, nachdem die HOSI Wien für die Internation Gay Association (IGA) auf deren dritter Jahreskonferenz in Turin (1981) den Osteuropa-Informationspool ins Leben gerufen hatte [vgl. LN 2/1981, S. 22 ff]. Diesen Eastern Europe Information Pool (EEIP) betreut die HOSI Wien nun seit Jänner 1982.

Die Idee wurde dann im Juli 1983 am Rande der Wiener IGA-Konferenz [vgl. LN 4/1983, S. 3 ff] erstmals virulent, als HANS VONK vom COC in Amsterdam den Vorschlag machte, doch ein Buch über Osteuropa als Beitrag für 1984, das von der IGA proklamierte „Internationale Lesbisch-Schwule Aktionsjahr“ zu schreiben. Hans hatte selbst gerade eine Art Diplomarbeit zum Abschluß seines ersten Studienabschnitts über das Thema „Homosexualität in staatssozialistischen Ländern“ geschrieben, worin er aber auch die VR China, Kuba, Nikaragua u. a. behandelte.

Die Idee, ein EEIP-Buch als Beitrag für das 1984er Aktionsjahr zu verfassen, gefiel uns natürlich außerordentlich gut, allerdings waren wir äußerst skeptisch, ob wir so ein Projekt so kurzfristig verwirklichen könnten; immerhin bedeutete es eine Menge Arbeit. Außerdem müßte ein Verlag gefunden werden. Den Gedanken, das Buch im Eigenverlag herauszugeben, verwarfen wir rasch wieder, hätten wir uns doch da auch um den Vertrieb selber kümmern müssen – und auch unsere ohnehin amtsmüden, überlasteten Kassiere hätten sich über die Mehrarbeit sicher schön bedankt!

Während der Antiklimax der Nach-Konferenz-Monate dösten Idee und Pläne still und friedlich vor sich hin – und wären wohl nicht so bald aus ihrem Schlummer gerissen worden, hätte da nicht Maddel von Frühlings Erwachen, einem Verlagsteil der Libertären Assoziation in Hamburg, im November 1983 beiläufig bei uns angefragt, ob wir uns nicht vorstellen könnten, ein Buch über die Situation von Homosexuellen in Osteuropa zu schreiben. Dieser „glückliche“ Zufall erlaubte kein Zurück. Wir entschlossen uns, uns dieses Projekt anzutun.

Nach vielen Gesprächen und Erörterungen trafen wir uns dann zum erstenmal im Februar dieses Jahres in einer Arbeitsgruppe, die ab damals regelmäßig zusammenkam – meist dann, wenn der Autor dieser Zeilen gerade von seinem achtmonatigen Studienaufenthalt in Paris auf Heimaturlaub in Wien weilte –, um den Aufbau und die Kapitel festzulegen, die Recherchearbeiten und Themenbereiche aufzuteilen auf die vier schreibenden Mitglieder der Arbeitsgruppe (DIETER SCHMUTZER, GUDRUN, MAREK* und den Autor dieser Zeilen) und JOHN CLARK, der sich aufs Recherchieren englischsprachiger Quellen verlegte, und um den Fortgang der Arbeit zu besprechen. Die Buch-Arbeitsgruppe war praktisch ident mit der Auslandsgruppe, die ja für den EEIP verantwortlich ist.

Die Zeit verging, die besonders fleißigen von uns begannen alsbald mit der Arbeit. Inzwischen wurden auch mit dem Verlag die Details für die Herausgabe des Buches vereinbart. Für die erste Auflage des Werkes (2000 Stück) verzichteten wir auf ein Honorar, weil da der Verlag noch nicht einmal sicher sein kann, keinen Verlust zu bauen. Sollte die erste Auflage verkauft werden, wird der Verlag wahrscheinlich pari aussteigen. Sollte es sogar zu einer zweiten Auflage kommen, wird für die Autoren ein geringes Honorar abfallen, das aber dem EEIP für seine Aktivitäten zugute kommen wird.

Marek, LN-Lesern bereits durch seine vielen Artikel über Osteuropa ein Begriff, opferte seine kurzen Aufenthalte in seiner alten Heimat, um tagelang in der Warschauer Nationalbibliothek herumzusitzen und für das Buch zu recherchieren. Außerdem hielt er Kontakt zu Freunden in Ungarn und der ČSSR, um möglichst viele Informationen über diese beiden Länder zu erhalten. In Laibach besuchte er BOGDAN LEŠNIK, einen der Organisatoren der Magnus-Ausstellung vom vorigen April (vgl. LN 3/1984, S. 38 f).

Der Autor dieser Zeilen konzentrierte sich auf die Kontakte in die DDR und nutzte die Zeit in Paris, um Hans Vonks Arbeit zu übersetzen, damit sie allen in der Autorengruppe zur Verfügung stehen konnte. Wir beschlossen schließlich auch, zwei Beiträge von Hans in unser Buch aufzunehmen. Darüber hinaus schleppte ich jede Menge Bücher zwischen Wien und Paris hin und her, wo die Infrastruktur der polnischen (Exil-)Literatur (Verlage, Buchhandlungen, Büchereien) besser ist und wo Marek Bekannte und Verwandte hat; seiner Kusine, der besonderer Dank gebührt, gelang es tatsächlich, die meisten der gewünschten Bücher aufzutreiben.

Während Marek seine Beiträge schon Ende Juni ablieferte, begannen die anderen drei erst ernsthaft mit den ihren. Mareks Aufsätze mußten noch in korrektes Deutsch gebracht werden und wurden bei der Gelegenheit ordentlich gestrafft, da Marek zur Weitschweifigkeit neigt – um es gelinde auszudrücken. Seine ebenso ausgereifte wie unleserliche Handschrift erleichterte diese Aufgabe keineswegs. Mareks Produktion wurde auch durch die Forderung des Verlags, ja nicht mehr als 128 Druckseiten zu fabrizieren, dezimiert. Obwohl wir Mareks Porträt des polnischen Komponisten Karol Szymanowski strichen, mußte der Umfang des Buches auf 144 Seiten erweitert werden.

Nachdem im Juli die Nr. 3 der LN fertiggestellt war, konnten sich Gudrun, Dieter und ich nun gänzlich dem Buch widmen, während Marek und John bereits im hohen Norden urlaubten. Die Zeit drängte: Für Anfang August hatten wir dem Verlag das Manuskript versprochen. Ein Monat war also noch Zeit. Dieter opferte zwei Wochen seines wohlverdienten Urlaubs, Gudrun ließ ihre Dissertation links liegen, und DORIS HAUBERGER und HELGA PANKRATZ, zwei der nicht allzu zahlreichen HOSI-Wien-Aktivlesben, lieferten trotz Wohnungsrenovierung und -übersiedlung ebenfalls einen Beitrag für das Buch rechtzeitig ab.

Für das Kapitel über die rechtliche Lage und ihre historische Entwicklung mußte noch ziemlich viel recherchiert werden. Mehr als eine Woche lang fiel ich den Bibliothekaren der rechtswissenschaftlichen Fakultät und des Ost- und Südosteuropa-Instituts auf die Nerven und lieh mir alles aus, was die Wiener Nationalbibliothek auf diesem Sektor zu bieten hat. Das umfangreichste Quellenmaterial, auf das wir zurückgreifen konnten, befand sich jedoch im Archiv des EEIP, das wir in zweieinhalbjähriger Tätigkeit aufgebaut haben. Die Arbeitstreffen fanden im Juli in immer kürzeren Abständen statt, das Buch nahm deutliche Formen an. Schließlich war alles da, das Verzeichnis über die relevante Literatur und über die in diversen Zeitungen zu unserem Thema erschienenen Artikel war fertig. Das Manuskript konnte getippt werden, was ich in zirka zehn Tagen besorgte, während derer der Haussegen leicht schief hing und die durch eine letzte zweitägige „Dienstreise“ nach Prag unterbrochen wurden.

So entstand also das erste Buch, das unseres Wissens jemals zur Lage der Schwulen und Lesben in Osteuropa geschrieben wurde. Ohne Übertreibung und ohne uns schmeicheln zu wollen, freilich mit einigem Selbstlob – weil wir sehr zufrieden mit und sehr stolz auf unser Buch sind – können wir sagen, daß ein kleines Standardwerk entstanden ist, in dem alle wichtigen Grund- und beträchtliche Detail- und Spezialinformationen über Homosexualität in Osteuropa zusammengetragen wurde. Das Buch enthält ausführliche Kapitel über die allgemeine gesellschaftliche Lage homosexueller Frauen und Männer in den neun „EEIP-Staaten“ (d. s. die Warschauer-Pakt-Länder Bulgarien, ČSSR, DDR, Polen, Rumänien, Sowjetunion und Ungarn sowie die beiden Blockfreien Albanien und Jugoslawien), über die historische Entwicklung der gesetzlichen Lage in bezug auf Homosexualität und ihren aktuellen Stand sowie eine eingehende historische Analyse der Situation in Rußland bzw. der Sowjetunion in den letzten hundert Jahren. Darüber hinaus werden in eigenen Kapiteln der Stand der autochthonen Sexualwissenschaften zur Homosexualität ebenso beleuchtet wie ihre Thematisierung in den Medien sowie in Kunst und Kultur. Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich ausführlich mit der noch sehr jungen Schwulen- und Lesbenbewegung in der DDR und der SU.

Selbstverständlich kann das Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, denn viele Aspekte mußten außer acht gelassen werden oder kamen wegen des beschränkt zur Verfügung stehenden Platzes einfach zu kurz und konnten daher nur angeschnitten werden. Außerdem ist zu erwarten, daß in nächster Zukunft auch in Osteuropa einiges auf diesem Gebiet in Bewegung geraten wird, nicht zuletzt durch die im Entstehen begriffene Schwulen- und Lesbenbewegung, wie es schon seit mehr als zwei Jahren in der DDR der Fall ist, wo jetzt schon mehr Schwulen- und Lesbengruppen existieren als in Österreich. Dennoch, so glauben wir, wird das Buch seine Aktualität behalten, das darin an Historischem Enthaltene wird ohnehin seine Gültigkeit nicht verlieren. Irgendwann muß man eben mit den Recherchen für ein Buch aufhören. Bereits einen Monat nach Fertigstellung des Manuskripts haben wir schon wieder eine Menge neues Material. Marek könnte seinen Beitrag über Homoerotik in der polnischen Literatur noch erheblich ausbauen, aus der DDR kam uns eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema „Homosexuelle in der Kirche?“ von Manfred Punge [1931–2014] vom Mai 1984 in die Hände. Sie ist die erste ihrer Art in der DDR und dient als Diskussionsgrundlage innerhalb der Kirche; sie enthält viele interessante Hinweise auf weitere Quellen.

Was sollen wir hier lang und breit über den Inhalt unseres Buches schreiben? Wir hoffen, daß das Interesse daran groß ist und sich viele das Buch besorgen werden.

 

Nachträgliche Anmerkungen:

* Bei Marek handelt es sich um ANDRZEJ SELEROWICZ. Er konnte damals seinen echten Namen nicht preisgeben, um seine Arbeit in Osteuropa nicht zu gefährden.

1986 erschien eine zweite Auflage, immer noch als FRÜHLINGS ERWACHEN Nr. 7, aber im Verlag Christiane Gemballa, Kiel. Es handelte sich dabei aber eigentlich um einen Nachdruck, weil zirka die Hälfte der ersten Auflage einem buchbinderischen Missgeschick zum Opfer gefallen war.

Ein bedauerlicher Fehler ist mir in diesem Buch leider in Sachen strafrechtliche Situation in Albanien unterlaufen. Ich schrieb damals, in Albanien bestehe seit Inkrafttreten des neuen Strafgesetzbuches aus 1977 kein Totalverbot homosexueller Handlungen mehr. Ich verließ mich dabei auf die Informationen des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg im Breisgau, das mir dies auf meine entsprechende ausdrückliche Nachfrage schriftlich nochmals bestätigte – aufgrund anderer Informationen war ich nämlich äußerst skeptisch. Diese Skepsis formulierte ich trotz dieser Informationen auch im Buch: Es scheint fast unglaublich, daß das Gesetz von 1977 Homosexualität nicht einmal erwähnt (S. 37). Ich sollte indes mit meiner Skepsis recht behalten: Später stellte sich heraus, dass das Totalverbot der Homosexualität nur in einen anderen Abschnitt des Strafrechts verschoben wurde, jedoch weiterbestand. Bei passender Gelegenheit habe ich das auch richtiggestellt, etwa in einem Leserbrief an die Berliner die tageszeitung (taz).

 

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