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Turin: 3. IGA-Kongress

Veröffentlicht am 22. Juni 1981
1981 nahm die HOSI Wien erstmals an einer Tagung der damals noch International Gay Association (IGA) teil. Es war der Beginn eines jahrzehntelangen intensiven Engagements in diesem Dachverband. In den LN 2/1981 berichteten Obmann WOLFGANG FÖRSTER und ich über die erfolgreiche Teilnahme: Die HOSI Wien bekam den Zuschlag für die Ausrichtung der Jahreskonferenz 1983, und ihr Vorschlag, einen Osteuropa-Informationspool einzurichten, wurde ebenfalls angenommen. Hier mein damaliger LN-Bericht, leicht gekürzt.

Konferenzteilnehmer im Plenum. Ich sitze ganz rechts hinten, neben mir EGMONT FASSBINDER (1945–2023) aus Berlin (Nationale Arbeitsgruppe Repression gegen Schwule, NARGS, und Verlag rosa Winkel).

Konferenzplakate...

...waren überall in der Stadt wild plakatiert worden.

Vom 17. bis 20. April 2981 fand in Torre Pellice bei Turin die dritte Jahreskonferenz der International Gay Association (IGA) statt. Rund 200 bis 300 Delegierte, je nach Kongreßtag, nahmen an dieser Tagung teil; erstmals auch Vertreter der HOSI Wien – drei Leute waren nach Italien gefahren: WOLFGANG FÖRSTER, der Präsident, WERNER TAIBON, die First Lady mit italienischem Paß, und ich, meines Zeichens Auslandssekretär der HOSI. Gastgeber der Tagung war die italienische Schwulengruppe FUORI! („Raus!“), die ihr zehnjähriges Bestehen feierte.

Kurz zur Erinnerung: Die IGA wurde 1978 in Coventry (England) gegründet. Seither wurden Jahreskonferenzen, die das oberste und einzige beschließende Gremium der IGA sind, abgehalten: 1979 in Bergen bei Amsterdam, 1980 in Barcelona und heuer zu Ostern eben in Turin. Heute gehören der IGA bereits 70 Schwulen- und Lesbengruppen in 25 Länder auf vier Kontinenten an.

1983 wird sie in Wien stattfinden. Dies war für die HOSI Wien einer der wichtigsten Beschlüsse. Es gelang uns gegen harte Konkurrenz seitens der französischen Gruppen, die 5. IGA-Jahreskonferenz 1983 nach Wien zu holen. Die Gründe, die für Wien sprachen: die besonders strenge antischwule Gesetzeslage (es gehört zur Politik der IGA, durch Abhaltung von Konferenzen Gruppen in solchen Staaten zu unterstützen, z. B. Barcelona im Vorjahr), die Tatsache, daß die IGA 1983 zum Jahr der Menschenrechte der Homosexuellen erklären wird und Protestmärsche auf die Hauptquartiere internationaler Organisationen, die mit Menschenrechten zu tun haben, plant. Also gleichzeitig Märsche auf die UNO in New York, Genf, Wien, den Europarat in Straßburg und sein Pendant in der Neuen Welt, die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte in San José (Kostarika), sowie die Möglichkeit für Homosexuelle aus Osteuropa, eher nach Österreich zu reisen als in andere westeuropäische Länder. Die HOSI Wien hat sich nämlich bereit erklärt, einen Informationspool über die Lage der Homosexuellen in Osteuropa einzurichten, und hofft, daß 1983 einige Teilnehmer aus Osteuropa zur IGA-Konferenz kommen werden.

Frankreich hatte nur den Europarat zu bieten, ein diskriminierendes Mindestalter und die Behauptung, das vrai centre du monde zu sein. Sechs französische Gruppen werden dafür aber zu Ostern im nächsten Jahr ein Treffen der europäischen IGA-Gruppen in Straßburg organisieren, da die vierte IGA-Konferenz (bereits im Vorjahr an Washington vergeben) erst im Juni 1982 stattfinden wird. Vom 21. bis 23. August 1981 wird RFSL noch Gastgeber für eine europäische IGA-Konferenz (informell) in Stockholm sein.

Die Turiner Konferenz fand in einem Hotel statt, das über eine Dolmetschanlage (beide Plenarsitzungen wurden auf Italienisch, Französisch, Spanisch und teilweise Deutsch simultanübersetzt), etliche Räume für die verschiedenen Workshops und auch eine Unterhaltungsinfrastruktur (Disco, Swimmingpool) verfügte.

Am ersten Halbtag und am letzten Tag der Konferenz fanden die Plenarsitzungen statt, in denen alle Entscheidungen getroffen werden. Um aber auch in der Zeit zwischen den Jahreskonferenzen Aktionen im Namen der IGA durchführen zu können, wurde in Turin die Schaffung eines Notaktionskomitees beschlossen, das aus drei Mitgliedsorganisationen besteht und einstimmig beschließen kann, daß notfalls verschiedene Mitgliedsorganisationen im Namen der IGA Aktionen durchführen können. Zwischen den Plena arbeiteten zwölf verschiedene Arbeitskreise. Einer beschäftigte sich mit der Arbeitsweise und den Satzungen der IGA. Hier wurden u. a. die endgültigen Statuten und Abstimmungsmodalitäten ausgearbeitet. Die IGA änderte wieder ihren Namen, d. h. ihren Untertitel, der jetzt heißt: International Gay Association – International Association of Lesbians/Gay Women and Gay Men (IGA). Für die deutsche Übersetzung ändert sich allerdings nichts – sie bleibt weiterhin Internationale Vereinigung lesbischer Frauen und schwuler Männer.

Außerdem wurden neue Sekretariate geschaffen: ein Frauensekretariat in Amsterdam, nachdem das International Lesbian Information Secretariat auf seiner Konferenz vom 14. bis 17. April, ebenfalls in Turin, beschlossen hatte, aus der IGA auszuscheiden und eine autonome Organisation zu werden. Kontakte zur IGA will das ILIS inoffiziell über jene Lesben aufrechterhalten, die sowohl im ILIS als auch in der IGA engagiert sind. Das ILIS bleibt auch vorläufig in Amsterdam. Dort sitzt auch das neugeschaffene Sekretariat für politische Aktionen, während das Finanzsekretariat nach Kopenhagen übersiedelt. Das Informationssekretariat und die International Gay Archives verbleiben in Dublin.

(…)

Für die HOSI Wien war die Konferenz sehr erfolgreich. Wir konnten viele persönliche Kontakte knüpfen und die HOSI voll ins internationale „Geschäft“ integrieren. Wir konnten viele Mitstreiter über die mißliche Lage in Österreich informieren, über ein Land, das bisher ein weißer Fleck für den internationalen Schwulenkampf war. Ich gab auch dem Stockholm Gay Radio, RFSLs lokaler Radiostation, ein Interview und berichtete über die einzigartige Diskriminierung Homosexueller in Österreich.

Auch in Italien fand der Kongreß eine breite Mediendeckung. Die größten Zeitungen berichteten vor und nach der Konferenz ausführlich. Und nicht nur der Privatsender der Radikalen Partei, der FUORI! angeschlossen ist und für die FUORI!-Boß ANGELO PEZZANA im römischen Parlament sitzt, kam nach Torre Pellice, sondern auch die staatliche RAI schickte ein Kamerateam.

 

Nachträgliche Anmerkung:

In den LN wird das jeweilige Erscheinungsdatum erst ab der Ausgabe 1/1982 im Impressum angeführt. Da das von mir für diesen Website verwendete Programm aber die Eingabe eines genauen Datums verlangt, habe ich das Erscheinungsdatum für diese Ausgabe nur „schätzen“ können.