Seite wählen
  1. Blog
  2. Der „Genderwahn“ existiert tatsächlich

Der „Genderwahn“ existiert tatsächlich

Veröffentlicht am 5. Mai 2024

Bühne des Anstoßes: Podiumsdiskussion im Parlament am 27. 9. 2023 – v. l. n. r.: Moderator Manfred Wondrak (AGPRO), Trans-Aktivistin Steffi Stanković, Soziologe Kenan Güngör, Grünabgeordnete Ewa Ernst-Dziedzic, Journalist und Buchautor René Pfister und ich.

Selber ist man die personifizierte Mimose, aber zu Gewalt gegen andere wird aufgerufen! Hier bei der IDAHOBIT-Demo am 17. Mai 2022 in Wien.

Maximale Toleranz für sich selbst einfordern, aber selbst keinerlei Toleranz aufbringen für genderkritische Stimmen. Sie werden als TERFs (trans-exkludierende radikale Feministinnen) denunziert und als Scheißhaufen (turds) beschimpft (Wandschmuck im HOSI-Wien-Lokal „Gugg“).

Den von den Rechten ständig bemühten „Genderwahn“ gibt es wirklich – für mich etwa, wenn ernsthaft behauptet wird, es gebe mehr als zwei biologische Geschlechter. Die Leute, die diesen Unsinn vertreten, haben allerdings ganz schlechte Argumentations-Karten. Dies versuchen sie zu kompensieren, indem sie Kritiker, die diesem Unsinn widersprechen, mit übelsten Anfeindungen überschütten, wohl um sie zum Schweigen zu bringen. Wissenschaftliche Tatsachen zu betonen wird plötzlich zum Missbrauch der Meinungsfreiheit und zur Hassrede erklärt. Dabei wird ein peinliches Betroffenheits- und Mitleidspathos eingesetzt, das es unmöglich macht, sich dafür auch nur annähernd adäquat fremdzuschämen.

Diese äußerst aggressive Methode bekam bekanntlich in Österreich als erste die grüne Nationalratsabgeordnete FAIKA EL-NAGASHI zu spüren – vgl. meinen Blog-Beitrag vom 28. Oktober 2022. Faika ließ sich allerdings nicht mundtot machen.

Einen ähnlichen, allerdings bei weitem harmloseren Versuch der Einschüchterung gab es nach der Veranstaltung zum 25-Jahr-Jubiläum der AGPRO (Austrian Gay Professionals) am 27. September 2023 im Parlament in Wien. Zwei Vertreterinnen des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen der Wirtschaftsuniversität Wien beschwerten sich in einem Brief (E-Mail vom 12. 10. 2023) an die Organisatoren über zwei Podiumsdiskutanten und ihre Aussagen – René Pfister und mich.

Ich habe der Sache damals keine größere Bedeutung beigemessen, zumal der Beschwerde der beiden Gender-Schwurblerinnen keine öffentliche Aufmerksamkeit zuteilwurde. Es ist ja stets eine Abwägung: Wann und wie soll man diesen Leuten Paroli bieten, ohne sie dabei unnötig aufzuwerten und den berühmten Streisand-Effekt auszulösen? Und so beschränkte ich mich darauf, den beiden am 17. 10. 2023 eine entsprechende Antwort per E-Mail zu senden. Ihre Absicht ging allerdings insofern auf, als die AGPRO sofort den Schwanz komplett einzog.

Da nun René Pfister, „Spiegel“-Büroleiter in Washington, D. C, in seiner am 21. April 2024 veröffentlichten Kolumne über „Cancel Culture“ und Meinungsfreiheit kritisch Bezug auf besagte AGPRO-Veranstaltung nimmt, will ich den erwähnten Brief aus dem Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen der Wirtschaftsuniversität Wien und meine Antwort darauf hier in voller Länge wiedergeben. Denn die Angriffe auf Pfister und mich sind in der Tat ein Musterbeispiel für die Methoden, die diese Leute anwenden. Statt sich mit anderen Meinungen in einem Wettstreit der Argumente auseinanderzusetzen, versuchen sie, kritische Stimmen mit faschistoiden Methoden zum Schweigen zu bringen. Während sie selber maximale Intoleranz und erschreckenden Vernichtungswillen gegenüber Andersdenkenden an den Tag legen, fordern sie für sich und ihresgleichen hingegen Empathie, Verständnis und uneingeschränkte Solidarität.

Ich denke, es ist wichtig, diese Methoden aufzuzeigen, diesen Leuten nicht auf den Leim zu gehen und ihnen das Handwerk zu legen. Bei mir sind sie ohnehin an den Falschen geraten. Ich habe jedenfalls von den beiden Vertreterinnen des besagten Arbeitskreises nie wieder etwas gehört. Womöglich hat ihnen meine unsensible Antwort den vulnerablen Rest gegeben – oder besser: genommen.

Bedauerlicherweise hat dieser Genderwahn u. a. auch die HOSI Wien erfasst. Davon ein anderes Mal – Fortsetzung folgt garantiert!

 

Hier die entsprechende Passage aus René Pfisters Kolumne:

Im vergangenen September hielt ich auf Einladung eines Verbandes schwuler Unternehmer einen Vortrag im Wiener Parlament. Ich sollte in einer kurzen Rede die Kernthesen meines Buches zusammenfassen, in dem es um die Gefährdung der Meinungsfreiheit von links geht. Danach war ein Podium geplant, dessen Zusammensetzung kaum vielfältiger hätte sein können.

Neben mir saß eine grüne Nationalratsabgeordnete auf der Bühne, eine junge Trans-Aktivistin und Kurt Krickler, ein Veteran der österreichischen Schwulenbewegung. Die Debatte war kontrovers, aber höflich, und zum Schluss gingen alle mit dem guten Gefühl in einen strahlenden Wiener Spätsommertag, dass es möglich ist, respektvoll miteinander zu streiten. Das jedenfalls war mein Eindruck. Ich wusste nicht, wie sehr ich mich getäuscht hatte.

Ein paar Tage später erhielten die Organisatoren der Veranstaltung eine böse Mail vom Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen der Wirtschaftsuniversität Wien. Die Meinungsfreiheit sei natürlich ein hohes Gut, hieß es in dem Schreiben.

ABER!

»Aber die Meinungsfreiheit der einen Person endet, wo sie die Freiheit einer anderen Person einschränkt.« Krickler und ich hätten ganzen Menschengruppen das Existenzrecht abgesprochen. »Diese Aussagen auf einer Bühne im Parlament unmoderiert zuzulassen, geschweige denn ohne Kritik stehenzulassen, ist unverantwortlich. Wir haben uns als Gäst*innen wirklich gefragt, ob wir hier jetzt in der Verantwortung von Zivilcourage und Bürger*innenpflicht stehen, aufzustehen und laut zu protestieren.«

Was hatten wir uns zuschulden kommen lassen? Krickler hatte es gewagt, die These zu vertreten, es gebe nur zwei biologische Geschlechter: Mann und Frau. Ich hatte davor gewarnt, den Diskurs dadurch zu ersticken, indem man Meinungen, die man nicht teilt, gleich als rassistisch oder transphob oder sexistisch brandmarkt.

Man kann sich übrigens die ganze Veranstaltung auf YouTube anschauen und sich selbst ein Bild machen.

 

Beschwerde-Mail an AGPRO:

(Die etwas eigenwillige Interpunktion und Syntax sowie andere Fehler wurden nicht korrigiert.)

Wir – Vorsitzende und Referent*in des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen der Wirtschaftsuniversität Wien – waren am 27.09. 2023 auf Ihrer „25 Jahre AGPRO“-Jubiläumsfeier im Parlament und möchten uns herzlich für die Einladung bedanken. Die Veranstaltung hat uns mit vielen bekannten Gesichtern wieder einmal zusammengebracht und uns auch die Möglichkeit gegeben, außerhalb unseres Netzwerks neue Personen kennenzulernen.

Dafür sprechen wir Ihnen unseren Dank aus!

Unsere E-Mail bezieht sich aber auch auf eine Kritik, die wir nun verschriftlichen, da sie seit der Veranstaltung in uns arbeitet und wir Ihnen daher auch gerne eine Rückmeldung zum ersten Podiumsgespräch „Zu schrill, zu provokant, zu hedonistisch? Regenbogen-Politik auf dem Prüfstand“ geben möchten. Uns ist bewusst, dass Veranstaltungen mit Podiumsdiskussionen immer ein gewisses Risiko für Entgleisungen in sich tragen. Deswegen haben wir nach langem Abwägen erst heute unsere Gedanken zu Papier gebracht und übermitteln Sie Ihnen nun unterhalb. Wir hoffen, dass Sie diese Zeilen mit der gleichen Aufmerksamkeit, Empathie und Betroffenheit lesen, wie wir sie versucht haben während der Diskussion an den Tag zu legen. Leider kommen wir nicht umher, Ihnen trotzdem Folgendes rückzumelden:

Alle Meinungsfreiheit in Ehren, die es braucht, um demokratische Entscheidungen zu fassen und Menschen in ihren Meinungen und Ansichten anzuhören. Aber die Meinungsfreiheit der einen Person endet, wo sie die Freiheit einer anderen Person einschränkt. Hierbei beziehen wir uns auf die offensichtlich transfeindliche Stimmung am Podium, die nicht zuletzt durch Kurt Krickler („Es gibt nur zwei biologische Geschlechter“) und René Pfister („Wir sollten uns davor hüten, jemanden als transphob, homophob oder rassistisch zu bezeichnen, nur weil er seine Meinung sagt“) angeheizt wurden. Unabhängig davon, welche Ansicht eine Person im Privatleben vertritt, sobald diese die Existenz einer ganzen Gruppe von Personen – in diesem Fall nicht-binäre, inter und trans Personen (tin) – verneint, ist es keine Meinungsäußerung mehr, sondern Gewalt. So werden nach und nach Gruppierungen ihrer Menschlichkeit beraubt und es wird nicht nur verbaler Gewalt Tür und Tor geöffnet. Diese Aussagen auf einer Bühne im Parlament unmoderiert zuzulassen, geschweige denn ohne einer Kritik stehenzulassen, ist unverantwortlich. Wir haben uns als Gäst*innen wirklich gefragt, ob wir hier jetzt in der Verantwortung von Zivilcourage und Bürger*innenpflicht stehen, aufzustehen und laut zu protestieren. Vor allem aber ist es noch schlimmer, dass die einzige trans Person am Podium das gezwungenermaßen erdulden musste, ohne dass eine*r ihrer Diskussionspartner*innen ihr auch nur im geringsten beigestanden hatte. In einer Demokratie sollte dieser Menschenhass keinen Platz haben. Schon gar nicht im Parlament. Tin Personen sind tagtäglich verbaler, physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt, eben weil sie nicht in das binäre Konstrukt einer Zweigeschlechtergesellschaft passen und wir sind daher in der Pflicht diese vulnerable Gruppe – wie alle vulnerablen Gruppen – besonders zu schützen und die Gewalt gegen sie zu stoppen anstatt sie anzufeuern.

Ad dem Kommentar von Kurt Krickler, der fälschlicherweise von einer Binarität der Geschlechter ausging: Es hat uns ebenfalls SEHR gewundert, dass weder die anwesenden Politiker*innen noch die Moderation dazu eingeworfen hat, dass es in Österreich seit 2019 verfassungsrechtlich bereits drei anerkannte Geschlechter gibt.

Abgesehen davon ist die Existenz von inter Personen ein Faktum und kein*e Expert*in wird dies verneinen. Wie dies also als Meinungsäußerung und nicht als Verbreitung falscher Fakten gelten kann, ist uns ein Rätsel. Nachdem wir nun auch dessen Webauftritt gesehen und seine Einstellung zu tin Personen gelesen haben (Zitat: „[…] halte ich für reaktionären Humbug“), fragen wir uns schon, wie dieser Person eine Bühne im Parlament gegeben werden konnte.

Wir hoffen deshalb, dass wir vielleicht nicht die einzigen anwesenden Personen waren, die sich aufgrund dessen bei Ihnen gemeldet haben. Wir hoffen auch, dass wir bei Ihnen auf Verständnis für unsere Kritik stoßen, da sie uns doch seit einiger Zeit in unserem Arbeitskontext verfolgt und belastet hat. Dies ist keine leichtfertige E-Mail, die wir hier verfasst haben; sie geht uns an Mark und Bein. Als Queer Community & Allies müssen wir mehr dafür tun, dass wir zusammenstehen und unsere Vielfalt auch innerhalb der Community als bereichernd und positiv sehen. Die Natur ist kein binäres System; es gibt mehr Farben als schwarz & weiß und wir wissen doch, dass wir besser sind, wenn wir wir selbst sein können.

Von Seiten der politischen Rechten erleben wir zurzeit massive Angriffe auf alle queeren Lebensentwürfe und sollten uns daher eher noch enger miteinander verbünden als auszugrenzen und anzugreifen.

In diesem Sinne möchten wir Ihnen nochmals für die Organisation und die Einladung zu Ihrem Event danken und Ihnen für die AGPRO & all ihren Mitstreiter*innen nur das Allerbeste für ihre Arbeit wünschen!

Liebe Grüße

Charlotte Khan & Lee Seklehner

 

Meine Antwort

Danke für die Weiterleitung der Rückmeldung von Charlotte Khan und Lee Seklehner betreffend die Veranstaltung „25 Jahre AGPRO“. Als darin angesprochener Teilnehmer erlaube ich mir, dazu Folgendes festzuhalten: Die Aussage, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt, ist keine Meinung oder Ansicht, sondern eine wissenschaftliche Tatsache (vgl. hier). Darin einen Anschlag auf die Freiheit einer Person zu sehen ist ebenso an den Haaren herbeigezogen wie die Schlussfolgerung daraus, durch diese Feststellung würde die Existenz ganzer Gruppen von Personen negiert, was wiederum Gewalt sei. Bei Trans- und Intersexualität bzw. Nichtbinärsein handelt es sich nun einmal um keine biologischen Geschlechter, aber das heißt ja nicht, dass Trans- und Intersexualität nicht existieren. Die Behauptung, es gebe mehr als zwei biologische Geschlechter, ist ungefähr so ernst zu nehmen wie die Berufung auf die Schöpfungsgeschichte laut Bibel bei gleichzeitiger Leugnung der Evolution. Bei diesem esoterischen Gender-Geschwurbel fällt mir immer ein Spruch aus der Zeit ein, als die Corona-Schwurbler Hochkonjunktur hatten: „Jeder hat ein Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat ein Recht auf eigene Fakten.“ 

Es gibt sicher auch religiöse Fundis, die sich durch die wissenschaftlichen Fakten als Gewaltopfer sehen, aber solch lächerliches Pathos kann in keiner Debatte weder Argumente ersetzen noch wird es dem anti-aufklärerischen Obskurantismus zum Durchbruch verhelfen. Da helfen weder Unterstellungen noch inquisitorische Verfolgung mittels medialen Prangers oder eines Shitstorm-Scheiterhaufens in den sozialen Medien.

Diese hanebüchene Aufregung über meine Aussage ist mehr als durchschaubar, ist doch meinen diesbezüglichen Texten ohne große intellektuelle Anstrengung zu entnehmen, was genau ich für reaktionären Humbug bzw. Schmarrn halte.

Blog-Beitrag vom 28. 10. 2022

Gastkommentar in Die Presse vom 6. 2. 2023

Im erstverlinkten Blog-Beitrag habe ich auch bereits gesagt, was ich von der Transphobie- und sonstigen Keulen halte: „Ich finde es nicht nur ziemlich primitiv, sondern auch eine Beleidigung jeglicher Intelligenz, sich mit solchen Killerargumenten und solch billiger Rhetorik gegen Kritik immunisieren zu wollen.“

Diese Methode der künstlichen Empörung/Gekränktheit geht mitunter auch in die Hose – ich zitiere aus der Rückmeldung: „Wie dies also als Meinungsäußerung und nicht als Verbreitung falscher Fakten gelten kann, ist uns ein Rätsel.“ Entweder etwas ist Fakt oder etwas ist falsch. Aber was, bitte, sollen „falsche Fakten“ sein? In der Tat: rätselhaft. Aber vielleicht projizieren die Verfasser dieser Rückmeldung ja ihre eigene Produktion „alternativer Fakten“ (Vorsicht Trumpismus!) auf andere.

Abgestanden und ranzig

Aber zurück zum Inhaltlichen: Der VfGH spricht in seiner Entscheidung G 77/2018 betreffend den Personenstandseintrag für intersexuelle Personen durchgängig von „Geschlechtsidentität“ – er hat also bei dieser Gelegenheit kein „drittes (biologisches) Geschlecht“ „geschaffen“ (auch der VfGH kann die Naturgesetze nicht außer Kraft setzen). Gegenteiliges zu behaupten ist wohl eine bewusste Verkürzung in der Berichterstattung – von bestimmter Seite aus bestimmten Gründen forciert.

Manchmal denke ich, wir reden aneinander vorbei, weil wir die Begriffe unterschiedlich definieren bzw. vermischen. Im Deutschen hat „Geschlecht“ ja mehrere Bedeutungen. Es bezeichnet etwa Herrscherfamilien, z. B. das Geschlecht der Habsburger; es wird auch synonym für Geschlechtsorgan verwendet. Und Magnus Hirschfeld hat seinerzeit die Homosexuellen als „Drittes Geschlecht“ bezeichnet. Die Bedeutung von Geschlechtsidentität wohnt dem Begriff Geschlecht jedenfalls nicht inne.

Meine Kritik richtet sich gegen die alles andere als emanzipatorischen Definitionen und Beschreibungen von Geschlechtsidentität, die ausgerechnet und erst recht auf traditionelle, eben binär verfasste Geschlechterrollen rekurrieren (müssen). Dabei werden längst überwunden geglaubte Geschlechterrollenklischees bedient, verfestigt und einbetoniert; und ja, solche Vorstellungen halte ich in der Tat für ziemlich abgestanden und ranzig.

Personen, die solchen Vorstellungen anhängen, müssen diese Kritik aushalten. Sie ist kein Angriff auf Leib und Leben dieser Personen, niemand wird deswegen seiner/ihrer Menschlichkeit beraubt, das ist kein Menschenhass. Kann man bitte die Kirche im Dorf lassen. Diese maßlos pathetische Gekränktheit ist nur mehr lächerlich und kindisch – ja, sie erinnert mich tatsächlich an diese Tyrannenkinder, die so lange quengeln und schreien, bis sie damit bei den (zermürbten) Eltern ihren Willen durchsetzen. Höchste Zeit, in der Realität der Erwachsenen anzukommen! Außerhalb geschützter Werkstätten und Blasen, wie etwa Universitäten, Diversitätsabteilungen großer Konzerne oder LSBTIQ-Gruppen gewisser Parteien (die dann nicht zuletzt durch Wählervertreibung aus genau diesem Grund scheitern) funktioniert diese orwellsche und totalitäre Methode Gott sei Dank eh nicht. Jedenfalls ersetzt dieses wehleidige Pathos, wie schon gesagt, keine Argumente und keinen aufgeklärten rationalen Diskurs.

Ich will niemanden bekehren oder missionieren. Wenn z. B. Heteros sich nicht aus ihren Geschlechterrollen befreien können oder wollen, muss man das (obwohl kritikwürdig) ja genauso hinnehmen wie etwa den Umstand, dass religiöse Lesben und Schwule an Gott glauben, was für mich als radikalen Atheisten wirklich nicht nachvollziehbar ist. Ich kann’s indes nicht ändern und werde mich deshalb nicht weiter grämen. Aber ich möchte meine Ansicht äußern dürfen, dass es keinen Gott gibt, und da lasse ich mich sicher nicht mit dem Totschlagargument mundtot machen, eine solche Aussage sei Gewalt gegen Gläubige und würde deren religiöse Gefühle verletzen (das gilt analog für die Islamophobie-Keule).

Und dasselbe gilt in der gegenständlichen Debatte. Bei allem Verständnis für individuelle Lebensentwürfe, persönliche Problemlagen sowie für die meisten Forderungen und Anliegen, etwa von Transsexuellen, wie sie Steffi Stanković in der Talkrunde ja ausführlich darlegen konnte (auch ohne paternalistischen „Beistand“), will ich mich mit den Begründungen und Argumenten dafür nicht unbedingt und in allen Aspekten identifizieren.

Wer meine Biografie kennt, weiß, dass mir masochistische Unterwürfigkeit nicht liegt und mich Einschüchterungsversuche nicht beeindrucken und anfechten – im Gegenteil, sie stacheln mich nur zu noch mehr Widerstand an.

Bei dieser Gelegenheit noch ein paar Anmerkungen zur vielstrapazierten Solidarität, inzwischen als hohle Phrase Bestandteil jeder billigen Wahlkampfrhetorik heimischer LSBT-PolitikerInnen, die ich auch nicht mehr hören kann. Wir müssen diese Solidarität nicht ständig beschwören. Ich habe in 45 Jahren in der Bewegung niemanden erlebt, der/die sich grundsätzlich gegen Solidarität ausgesprochen hätte. Aber blinde, uneingeschränkte Solidarität? Ich erinnere mich noch daran, wie die Schwulen- und Lesbenbewegung vor 40 Jahren solidarisch mit Pädophilen war (teilweise auch die Frauenbewegung sowie progressive politische Strömungen und Parteien – Stichwort deutsche Grüne/Daniel Cohn-Bendit; die österreichischen Grünen gab es damals noch nicht). Diese Solidarität hat einfach dem damaligen Zeitgeist in linken Kreisen entsprochen; kaum jemand, der/die ein Unbehagen dabei verspürte, hat es gewagt, dieses laut zu äußern. Es hat dann z. B. für die ILGA mehr als 25 Jahre gedauert, bis die letzten negativen Spätfolgen dieser falsch verstandenen Solidarität beseitigt waren.

Ich nehme für mich jedenfalls in Anspruch, im Einzelfall zu prüfen, womit ich solidarisch bin – und womit nicht. Und in Wirklichkeit tun das eh die meisten. Oder ist jemand bedingungslos solidarisch mit der offen lesbischen Alice Weidel und der Homo-Gruppe der AfD, bis deren Anliegen alle umgesetzt sind?

Für viele scheint mir die Solidarität zudem bloß eine Einbahnstraße zu sein. Solidarität und Toleranz werden immer nur von/für bestimmte/n Gruppen gefordert. Aber was ist mit der Solidarität mit und der Toleranz gegenüber jenen, die der wissenschaftlich belegten Tatsache nicht abschwören wollen, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt? Oder die sich bei der geschlechtergerechten Sprache an die Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung halten wollen?

Selbstgerechtigkeit, sektoides Gender-Geschwurbel und opportunistisches Mitläufertum haben leider in der Bewegung überhandgenommen.

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert