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Böses Blut, die zweite

Veröffentlicht am 29. Mai 2021

Seit 38 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema HIV/AIDS bzw. beschäftigt es mich – genauso lange bin ich selber HIV-positiv. Es hat mir immer Unbehagen bereitet, wenn von einem Teil der Schwulenbewegung und ihrer Vertreter der Ausschluss von Homosexuellen vom Blutspenden als „Diskriminierung“ bezeichnet worden ist. Denn das Wort „Diskriminierung“ hat eine ganz bestimmte Konnotation im Zusammenhang mit unserem Kampf um Gleichstellung und Gleichberechtigung. Ein Grundrecht darauf, dass das eigene Blut einer fremden Person transfundiert wird, besteht jedoch nicht. Insofern finde ich diese Analogie äußerst unpassend und pathetisch.

Tatsache ist, dass in Österreich Schwule (bzw. MSM, Männer, die Sex mit Männern haben) die Hauptrisikogruppe für HIV darstellen und als solche die höchste Durchseuchungsrate aufweisen. Von den 400 bis 500 Neuinfektionen jedes Jahr (2020 waren es – offenbar coronabedingt – nur 332) erfolgen immer noch mehr als die Hälfte in dieser Gruppe. Das mag in absoluten Zahlen nicht dramatisch viel sein, aber bei der Bewertung der HIV-Prävalenz muss man natürlich die Akkumulation der Infektionen über die Jahre und mittlerweile Jahrzehnte hinweg berücksichtigen.

Da sich eine HIV-Infektion durch Tests nicht sofort nachweisen lässt – man spricht von einem „diagnostischen Fenster“ –, gilt es, Blutspenden Frischinfizierter zu verhindern bzw. auszusondern. Den dafür zuständigen Behörden und Stellen – inklusive dem Roten Kreuz – sollte es unbenommen sein, welche zweckdienlichen Mittel sie einsetzen, um die Sicherheit der Blutkonserven zu gewährleisten, immerhin tragen sie die Letztverantwortung dafür.

Wenn mit dem pauschalen Ausschluss von Männern, die in den zwölf Monaten vor der Spende Sex mit einem Mann hatten – wie dies derzeit in Österreich vorgesehen ist –, die Hälfte des Problems aus der Welt geschafft werden kann, dann spricht für mich absolut nichts gegen eine solche Grobaussortierung. Der dadurch verursachte Spenderausfall scheint verkraftbar zu sein, wenn man bedenkt, dass es sich bei der Gesamtgruppe der schwulen Männer nur um rund fünf Prozent der Bevölkerung handelt.

Es geht also um rein statistische Wahrscheinlichkeiten und eine pragmatische, effiziente und vermutlich auch kostengünstige Vorgangsweise. Eine solche hat man bei anderen Gruppen ebenfalls gewählt. Der Ausschluss bei Erstspende ab einem Alter von 60 Jahren ist genauso willkürlich festgelegt, denn auch hier könnte man individuelle Faktoren bewerten, statt alle Menschen in dieser Altersgruppe pauschal über einen Kamm zu scheren. Personen, die von 1980 bis 1996 insgesamt mehr als sechs Monate im Vereinigten Königreich gelebt haben (Risikofaktor: Übertragung der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit durch Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch), werden ebenfalls generell von einer Blutspende ausgeschlossen. Da wird auch nicht extra gefragt, ob man vielleicht eh Vegetarier/in war. Und die Wochenend-TouristInnen, die sich nur von Burgern ernährten, oder jene, die es insgesamt auf nur fünfeinhalb Monate im UK gebracht haben, spielen bei diesen statistischen Überlegungen ebenfalls keine Rolle. Von diesen Gruppen ist indes noch kein Vorwurf der Altersdiskriminierung oder der „Britophobie“ erhoben worden.

Es drängt sich mir daher tatsächlich die Frage auf, warum sich ausgerechnet manche Schwule dermaßen diskriminiert und als Opfer fühlen. Durch die spezifischen Kriterien für MSM werden Schwule ja keineswegs unter Generalverdacht gestellt, HIV-Träger zu sein oder einen promiskuitiven Lebenswandel zu führen, was indes in der Empörung immer mitschwingt, speziell wenn dabei – etwas spießig – betont wird, dass ja viele Homosexuelle in monogamen Beziehungen lebten. Offenbar spielen da die eigenen Fantasien und Projektionen eine große Rolle, die man allerdings reflektieren sollte. Der Wunsch, als Schwuler als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden, dazuzugehören, ihr genauso nützlich sein zu dürfen wie alle anderen, ist ja durchaus verständlich, aber dass man die Erfüllung dieses Wunsches ausgerechnet daran festmacht, dass man unter den gegebenen Umständen Blut spenden darf, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Überdies ist zu bedenken: Wer sich mit soviel Vehemenz dagegen verwahrt, mit HIV-Infektion und Promiskuität in Verbindung gebracht zu werden, der sendet das klare Signal aus, dies selbst als negativ zu empfinden. Wer kein Problem damit hat, wird sich nicht aufregen, dass man es ihm (irrtümlich) unterstellt.

Wobei die Treue in der vermeintlich monogamen Beziehung ein Phänomen ist, bei dem die statistische Wahrscheinlichkeit wieder ins Spiel kommt. Man kann wohl getrost davon ausgehen, dass Schwule ihre Partner mindestens genauso häufig betrügen wie heterosexuelle Männer ihre Partnerinnen. Wer kann schon die Hand für den Göttergatten ins Feuer legen? Und da macht es einen statistisch relevanten Unterschied, ob 50 % der (Neu-)Infektionen unter 5 % oder unter 95 % der Bevölkerung diffundieren.

Der Druck auf bzw. der Anreiz für Schwule, sich durch die Blutspende-Kriterien des Roten Kreuzes diskriminiert zu fühlen, entsteht bzw. verstärkt sich durch die LSBT-Bewegung, die hier ein entsprechendes Angebot macht. Sie ist aufgrund ihres eigenen Erfolgs – alle „großen“ und wesentlichen Forderungen konnten mittlerweile durchgesetzt werden – nicht nur in eine Sinnkrise geraten, sondern muss ihre weitere Existenzberechtigung unter Beweis stellen. Die einzelnen Organisationen stehen zudem unter Konkurrenzdruck, die LSBT-Gruppierungen von SPÖ, Grünen und NEOS wiederum buhlen um die Gunst der LSBT-Wählerschaft. Da kann es sich kein Verein und keine der genannten Parteien leisten, vom ideologischen Bewegungs-Mainstream auch nur ein Jota abzuweichen. Selbst die Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien, die größte Lesben- und Schwulenorganisation des Landes, für die der Blutspende-Ausschluss von MSM bis 2018 eigentlich kein Thema war und die bis dahin Verständnis für die Haltung des Roten Kreuzes gezeigt hatte, konnte und wollte sich dieser Dynamik nicht länger entziehen und hat mittlerweile umgeschwenkt.

Sicherlich gibt es ressourcenintensivere Methoden für eine Feinaussiebung von SpenderInnen, wodurch sich die Sicherheit der Blutspenden allerdings nicht unbedingt erhöhen würde. Zudem stellt sich die Frage, ob diese Methoden den SpenderInnen tatsächlich zumutbar sind und sich der Mehraufwand dafürsteht. Fragt man etwa statt nach dem Geschlecht der SexualpartnerInnen nach den Sexualpraktiken – wie das ernsthaft vorgeschlagen wird –, dann hieße dies, dass alle – egal, ob homo, bi oder hetero – die eigenen Sexualgewohnheiten vor dem Roten Kreuz darlegen und im Falle von Zweifeln und Unklarheiten mit dessen MitarbeiterInnen das individuelle Risikoverhalten erörtern müssten. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele dann lieber aufs Blutspenden verzichten, als ihr Sexualleben detailreich vor dem Roten Kreuz auszubreiten. Man könnte es ihnen nicht verdenken.

Promiskuität unter Heterosexuellen war in Österreich in den letzten 40 Jahren nie ein Risikofaktor für die Ausbreitung von HIV. Sie jetzt künstlich zu einem machen zu wollen, damit sich Schwule nicht diskriminiert fühlen müssen, halte ich nicht nur für übertrieben und unangemessen. Es ist in meinen Augen ein weiteres Beispiel für anti-aufklärerisches Obskurantentum – Fakten werden ignoriert, wenn sie nicht mit der eigenen ideologischen Agenda kompatibel sind.

Die objektive Selbsteinschätzung ist zudem generell eine eher problematische Sache und stellt bei einem komplexen Thema wie sicherem Sex zweifellos einen großen Unsicherheitsfaktor dar – bedenkt man, dass viele Menschen schon mit viel harmloseren Dingen überfordert sind. Das zeigt sich gerade anschaulich in der Corona-Pandemie, in der sich seit mehr als einem Jahr täglich hunderte Menschen in Österreich mit dem Covid-19-Virus anstecken, weil sie offenbar ihr Risikoverhalten falsch einschätzen.

Der krampfhafte Versuch politisch korrekter Gleichbehandlung aller potentiellen BlutspenderInnen hat in der Vergangenheit bereits unsinnige Kompromiss-Blüten getrieben. So gilt besagte Wartefrist fürs Blutspenden von zwölf Monaten nicht nur für MSM, sondern generell für alle Personen, die mehr als drei SexualpartnerInnen hatten, also auch für Lesben, die nur mit Frauen, aber eben mit mehr als drei in diesem Zeitraum Sex hatten – obwohl ihr Risiko, sich dabei mit HIV anzustecken, zu den allergeringsten überhaupt zählt. Hier hätten lesbische Frauen allen Grund, sich aufzuregen und eine Ausnahme zu fordern!

Dieser zwölfmonatige Ausschluss aller (also auch Heterosexueller), die mehr als drei SexualpartnerInnen hatten, scheint ja bereits ein Zugeständnis gewesen zu sein, um die Diskriminierungsschreier zu besänftigen, denn für die Sicherheit der Blutspenden ist er wohl irrelevant. Die Information darüber versteckt das Rote Kreuz in seiner Liste der Ausschlussgründe wohl deshalb in der Rubrik „Männer, die Sex mit Männern hatten“, die die meisten potentiellen heterosexuellen SpenderInnen vermutlich ohnehin gar nicht lesen.

Mich können weder das Diskriminierungsgetöse, das mir immer mehr zu einer selbsterfüllenden Stigmatisierung zu werden scheint, noch die ins Treffen geführten Argumente davon überzeugen, dass durch die Praxis des Roten Kreuzes ein himmelschreiendes Unrecht geschieht. Und ich hoffe, dass ein Durchsetzen besagter Forderung nicht in einem Pyrrhussieg für die Bewegung endet, falls dann doch eine Blutspende eines infizierten Schwulen „durchrutschen“ und jemand damit angesteckt werden sollte. Wobei: Die Verantwortung dafür tragen ja dann andere und nicht die Bewegung und ihre VertreterInnen.

 

Anmerkungen:

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien auch in der Printausgabe des Standards vom 29. Mai 2021. Siehe auch hier.

Hier der Link zu meinem Kommentar in den LN 4/2007. Damals, 2007, war Andrea Kdolsky von der ÖVP Gesundheitsministerin. Schon sie hatte eine eigene Blutkommission eingesetzt. 13 Jahre später haben dann die Grünen die Einsetzung einer Arbeitsgruppe als Erfolg gefeiert, als sie – gleichzeitig – im April 2020 in Koalitionsräson gemeinsam mit der ÖVP einen Entschließungsantrag der NEOS ablehnten, der auf die Beseitigung der vermeintlichen „Diskriminierung“ schwuler Männer beim Blutspenden abzielte. Siehe dazu einen Beitrag auf zackzack.at, in dem ich mit meiner abweichenden Meinung zitiert werde.