Die Anfänge

Ende März 1979 las ich im Falter untenstehende Kleinanzeige. Seit ich im Herbst 1978 zum Studieren nach Wien gezogen war, war ich auf der Suche nach einer solchen Gruppe. Zuvor hatte ich schon einiges versucht. Ein angeblich in einem Lokal stattfindender Treff stellte sich als Fiktion heraus, als ich dort nachfragte. Und als es mir endlich gelang, mit der „CO“ (stand für „Coming-out“) telefonisch in Kontakt zu treten (ich glaube, die Nummer stand im Kleinanzeigenteil des WIENERs), teilte mir MICHAEL HOPP mit, dass diese (informelle) Gruppe, die zuvor immerhin mehrere Jahre bestanden und u. a. zwischen 1976 und 1978 fünf Ausgaben der gleichnamigen Zeitschrift herausgegeben hatte, sich gerade aufgelöst habe. Eine andere informelle Gruppe, von der ich aber nie gehört hatte, die „Arbeitsgruppen kultureller Initiativen (AKI)“, bestand in den Jahren 1977 und 1978 (vgl. Warme Blätter Nr. 1/1979, S. 4; LN 3/1984, S. 29 ff: „Subkultur verdirbt die Buben nur“; LN 2/1987, S. 25 ff).

Die Anzeige im Falter kam also gerade recht. Ich meldete mich bei WOLFGANG FÖRSTER, dem Urheber des Inserats. Er organisierte ein erstes Treffen im April für alle Interessenten. Zu dem Termin war ich jedoch verhindert. Aber zum zweiten Treffen der Gruppe am 2. Mai 1979 stieß ich dazu. Die Gruppe traf sich anfangs noch in Privatwohnungen, wurde aber rasch zu groß dafür. Sie fand Unterschlupf im „Treibhaus“, dem späteren „Rotstilzchen“, einem alternativen Lokal mit Extrazimmer in der Margaretenstraße 99 im 5. Wiener Gemeindebezirk.

In der Folge nahm ich regelmäßig an den wöchentlichen Gruppentreffen und den ersten Aktivitäten teil. Zu dem Zeitpunkt wurden vor allem die Ziele und der Zweck der Gruppe diskutiert, einige wollten bloß eine Selbsterfahrungsgruppe, die meisten jedoch politisch aktiv werden. Ich gehörte definitiv zu letzteren. Recht bald wurde die Vereinsgründung in Angriff genommen, ein Name gesucht, was Monate dauerte – man einigte sich schließlich auf „Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien“ –, und Statuten ausgearbeitet. 

Damals – und bis 28. Februar 1997! – sah § 221 StGB noch ein „Vereinsverbot“ vor: 

Wer eine Verbindung einer größeren Zahl von Personen gründet, deren wenn auch nicht ausschließlicher Zweck es ist, gleichgeschlechtliche Unzucht zu begünstigen, und die geeignet ist, öffentliches Ärgernis zu erregen, ferner, wer einer solchen Verbindung als Mitglied angehört oder für sie Mitglieder wirbt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.

Es musste also zuerst mit den Behörden abgeklärt werden, ob ein Verein überhaupt zugelassen würde. Zu diesem Zweck trafen am 26. Juni 1979 zwei Proponenten des Vereins, FLORIAN SOMMER und RUDOLF KATZER, einen Beamten des Justizministeriums – es handelte sich dabei um Sepp Rieder, damals Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit (vulgo: Pressesprecher des Ministers) und später Wiener Gesundheitsstadtrat und Vizebürgermeister. Dieser erklärte, der Gründung eines Vereins stünde nichts im Wege, sofern er kein öffentliches Ärgernis erregte. Um sich strafbar zu machen, müsste, so die Gesetzesauslegung, ein Verein beide im § 221 vorgesehenen Voraussetzungen erfüllen: Das oben in Fettschrift hervorgehobene Wörtchen „und“ war also entscheidend (vgl. Warme Blätter Nr. 2/1979, S. 1 – diese waren das Mitteilungsblatt der damals noch informellen HOSI Wien; mit der folgenden Ausgabe im Dezember 1979 wurden sie dann in LAMBDA-Nachrichten umbenannt).

Im Herbst 1979 wurden die Statuten bei der Vereinspolizei eingereicht. Am 12. Dezember 1979 traf der offizielle Nichtuntersagungsbescheid ein. Am 29. Jänner 1980 fand schließlich die konstituierende Generalversammlung der HOSI Wien im „Rotstilzchen“ statt.

Zuvor hatte Wolfgang noch Werbung für die neue Gruppe im Club 2 gemacht (für die Nachgeborenen: Der Club 2 war eine legendäre Diskussionssendung des ORF mit open end, eine echte Talk-Show, nicht zu vergleichen mit den gähnend langweiligen heutigen Formaten). Am 25. September 1979 widmete er sich (übrigens nicht zum ersten Mal!) dem Thema Homosexualität. Wolfgang hielt im Laufe der Sendung ein Taferl mit der Adresse der neuen Gruppe in die Kamera, was ÖVP und FPÖ, damals in Opposition, erzürnte – Taferln in die Kamera zu halten wurde jedenfalls nicht von Jörg Haider erfunden! 

Abgeordnete von ÖVP und FPÖ, darunter der spätere FPÖ-Vizekanzler Norbert Steger, stellten sogar parlamentarische Anfragen an den damaligen Justizminister Christian Broda (1916–1987) von der alleinregierenden SPÖ. Sie wollten wissen, ob tatsächlich ernsthaft beabsichtigt sei, die Gründung eines Homosexuellenvereins zu erlauben. In seiner Beantwortung bestätigte Broda die Rechtsmeinung, dass einer Vereinsgründung nichts im Wege stünde, solange kein öffentliches Ärgernis erregt würde (vgl. LN 1/1980, S. 5 ff).

Es kam zu einem ersten kleinen Medienhype um die bevorstehende Gründung (vgl. LN 1/1979, S. 2 ff). Bei dieser Gelegenheit vielleicht ein kleiner Exkurs darüber, unter welchen Bedingungen Medien- und Öffentlichkeitsarbeit damals stattfand: Man darf ja nicht vergessen, welche technischen Möglichkeiten zur Verfügung standen. Es gab weder Computer noch Internet, daher auch keine E-Mails, noch Handys, nicht einmal Faxgeräte. Presseaussendungen erfolgten etwa über die öffentliche Fernschreibstelle im damaligen Hauptpostamt am Börseplatz im 1. Bezirk. Man diktierte dort einer Amtsperson den Text der Aussendung, der dann per Telex separat in jede einzelne Redaktionsstube gesendet wurde. Das dauerte jedes Mal Stunden!

Jeder Brief musste auf einer Schreibmaschine getippt (mit Durchschlag mittels Blaupapiers für die eigene Ablage – Kopiergeräte waren eine Seltenheit) und eigenhändig zur Post gebracht (wenn eingeschrieben) bzw. eingeworfen werden.

Volle Kraft voraus

Nach der Vereinsgründung ging die vielfältige Arbeit des Vereins jedenfalls mit vollem Tempo los. Damals ahnte wohl niemand bzw. malte sich wohl niemand in den kühnsten Träumen aus, dass dieser Verein eine derartige Erfolgsgeschichte werden sollte. Ich habe es immer als „historischen Zufall“ bezeichnet, dass sich damals eine Gruppe Menschen am selben Ort zur selben Zeit zusammenfand, die quasi auf gleicher Wellenlänge waren, bei allen Unterschieden und Differenzen, die es selbstverständlich auch gab, dennoch mehr oder weniger dieselben politischen Vorstellungen und Ideale teilten und bereit waren, ihre Freizeit, mitunter sogar ihre berufliche Karriere zu opfern, um sich für diese Sache zu engagieren.

Im Laufe der vier Jahrzehnte haben hunderte Menschen aktiv an dieser Erfolgsgeschichte mitgewirkt, ob sie nun über viele Jahre oder nur kurze Zeit engagiert waren, ob an vorderster Front oder im Hintergrund, ob in Vorstands- oder sonstigen Funktionen oder in den vielen Arbeitsgruppen, ob als „Generalisten“ (und ab 1981 auch als „Generalistinnen“) oder nur bei ganz bestimmten Projekten bzw. für ganz spezifische Aufgaben.

Ich kann die AktivistInnen nicht alle namentlich anführen, aber wenn es sich ergibt, werde ich wichtige und prägende Persönlichkeiten der Bewegungsgeschichte erwähnen, und zwar in VERSALIEN. Das wird natürlich willkürlich sein, und ich entschuldige mich jetzt schon, wenn ich jemanden vergessen sollte, der/die es eigentlich ebenfalls verdiente, genannt zu werden – aber in Wahrheit verdienten dies ja alle, die im Laufe der Vereinsgeschichte in irgendeiner Form aktiv waren… Aber wie schon in meinem Einleitungstext geschrieben (Fussnote **), will und kann ich hier nicht die gesamte Vereinsgeschichte in allen Einzelheiten erzählen. Diese lässt sich indes in den 40 Jahrgängen der LAMBDA-Nachrichten nachlesen.

Ein in meinen Augen wesentlicher Grund für die Erfolgsstory der HOSI Wien war auch der Umstand, dass es im Verein – wie vorhin beschrieben – möglich war, sich in unterschiedlichster Weise und im selbstbestimmten Ausmaß zu engagieren – und es gab im großen und ganzen keine Dünkel wegen der Herkunft, der Ausbildung, der Fähigkeiten oder anderer Merkmale. Es fand sich stets für jeden und jede ein Einsatzgebiet, wenn man wollte. Auch die Mischung aus Kontinuität und immer wieder neuem Elan ist über die Jahrzehnte hinweg Teil des Erfolgsrezepts gewesen.

Eine Gruppe sei hier noch erwähnt: diejenigen, die den Verein finanziell unterstützt haben. Die kleinen und großen Spenden waren für die HOSI Wien über all die Jahre eine wichtige Einnahmequelle, die ihr vor allem ihre Unabhängigkeit garantierten. So war der Verein nicht auf Subventionen angewiesen, nahm diese aber gerne für einzelne Projekte und später auch zur Basisfinanzierung gerne in Anspruch.

Und natürlich haben die AktivistInnen viele Ausgaben im Rahmen ihrer ohnehin ehrenamtlichen Vereinstätigkeit aus der eigenen Tasche bezahlt – ob Telefonrechnungen, Porto, Fahrscheine, Benzin, Kopier- und andere Sachkosten usw. Gerade diese vielen kleinen Ausgaben so nebenher haben sich sicherlich auf beträchtliche Beträge summiert. Und auch ich habe wohl über die Jahrzehnte ein kleines Vermögen in die Vereinsarbeit gesteckt, zumal ich mir in den ersten 20 Jahren – wie alle anderen auch – die „Dienstreisen“ ausnahmslos selber bezahlte.

Und dann gab es noch einige Großspender wie JOHANNES WEIDINGER, der nicht nur selber aktiv mitarbeitete – u. a. einige Zeit als Vorstandsmitglied –, sondern auch sehr großzügig etliche Projekte der HOSI Wien unterstützte (u. a. finanzierte er den Gedenkstein in Mauthausen). Später stellte er „seed money“, Anstoßfinanzierung, für weitere Projekte der Schwulenbewegung zur Verfügung.

FRANZ XAVER GUGG (1921–2003) wiederum hinterließ – allerdings viel später in der Vereinsgeschichte – der HOSI Wien testamentarisch die Hälfte seines Nachlasses. Ohne jemals Mitglied zu werden oder selber aktiv mitzuarbeiten, war er der HOSI Wien – ihre Arbeit wohlwollend beobachtend und kommentierend – über mehr als 20 Jahre freundschaftlich verbunden gewesen und hatte sie in dieser Zeit regelmäßig mit Spenden unterstützt. Mit seinem Erbe, das der HOSI Wien erst nach sechsjährigem Rechtsstreit zugesprochen wurde, konnte sie dann das neue Vereinszentrum in der Heumühlgasse finanzieren, das seinen Namen trägt.

Erste öffentliche Auftritte

Im April, Mai und Juni 1980 hatten HOSI-Wien-Aktivisten dann die ersten öffentlichen Auftritte: Am 26. April nahmen sie – dank riesiger Transparente unübersehbar – an einer großen antifaschistischen Demonstration durch die Wiener Innenstadt teil, am 1. Mai am Umzug über die Ringstraße. Damals gab es noch drei Aufmärsche, jenen der SPÖ, jenen der KPÖ und dann einen der ganz linken sowie alternativen Gruppierungen, in dem u. a. die revolutionären Marxisten-Leninisten, die Frauenbewegung und die kurdische Community mitmarschierten – und diesem schloss sich die HOSI Wien an. In den folgenden Jahren war die Teilnahme am Mai-Aufmarsch Fixpunkt in ihrem Jahreskalender. Es gab ja noch keine Regenbogenparade.

Reumannplatz 1980

Ein nicht nur für die HOSI Wien, sondern wohl auch für die Wiener Stadtpolitik einschneidendes Ereignis waren die Wiener Festwochen alternativ vom 23. Mai bis 15. Juni 1980. Rund 30 Alternativgruppen, darunter die HOSI Wien, und KünstlerInnen waren eingeladen worden, an verschiedenen Wiener Plätzen drei Wochen lang Infostände bzw. Infobuden zu betreuen und ihre Arbeit zu präsentieren. Die HOSI Wien suchte sich den Reumannplatz in Wien-Favoriten aus, damals als „Arbeiterbezirk“ bezeichnet. Offenbar störte unsere Anwesenheit einige Lokalpolitiker, und es gab sicherlich auch einige Beschwerden aus der Bevölkerung, aber nicht wirklich einen Grund, unseren Infostand zu entfernen. Doch genau das wurde von der SPÖ-Stadtverwaltung nach einer Woche veranlasst.

Der spätere Bürgermeister Helmut Zilk (1927–2008) war zu der Zeit als Kulturstadtrat auch für die Wiener Festwochen zuständig. Anfangs war er nicht zu überreden, die Schließung rückgängig zu machen, er drohte sogar einen „Aufmarsch“ der Anker-Brot-Belegschaft („5000 Leut’“) an. Schließlich wurde die Bude der HOSI Wien nach acht Tagen von der MA 48 mit einem Kranwagen abtransportiert.

Doch dies löste eine große Unterstützung bei den anderen Gruppen, Initiativen und KünstlerInnen aus, die aus Solidarität ihre Infostände ebenfalls dichtmachten bzw., wenn sie durch ihre Verträge mit den Festwochen verpflichtet waren, ihre Stände regelmäßig geöffnet zu halten, diese kurzerhand zu HOSI-Wien-Infobuden umfunktionierten. Es gab gemeinsame Plena, bei denen die weitere Vorgangsweise besprochen und ein gemeinsames Manifest – „Für eine neue Liebesunordnung“ – verabschiedet wurde. Nach einer Woche des gemeinsamen Protests und der breiten Solidaritätswelle durch die anderen Initiativen und viele KünstlerInnen und einem weiteren, dramatischen Gespräch mit Zilk passierte, was niemand für möglich gehalten hatte: Gegen den erklärten Widerstand des mächtigen Favoritner Bezirksvorstehers ordnete Zilk die Wiederaufstellung der HOSI-Wien-Bude an, was auch geschah. Sie blieb dann, wie ursprünglich vorgesehen, die eine Woche bis zum Ende der Festwochen alternativ geöffnet – ohne nennenswerte Vorkommnisse (vgl. LN 2/1980, S. 4 ff).

Im nachhinein betrachtet, finde ich, dass die Ereignisse dieses Favoritner Frühlings (und deswegen erzähle ich sie hier so ausführlich) die Arbeit der HOSI Wien nachhaltig – bis heute – geprägt haben. Denn seither ist die Kooperation mit anderen Bewegungen, der Blick über den eigenen Tellerrand tief in die DNS der HOSI Wien eingeschrieben, was sich später immer wieder manifestieren sollte – ob bei den riesigen Friedensmärschen 1982 und 1983, ob bei der Mitarbeit in der Initiative Minderheiten, ob beim Engagement für ein umfassendes Antidiskriminierungsgesetz bzw. der Umsetzung der EU-Richtlinien gegen Diskriminierung oder schließlich in der Widerstandsbewegung gegen Schwarz-Blau in den Jahren 2000–2006. Und eine Zusammenarbeit mit der Frauenbewegung lag spätestens mit der Gründung der HOSI-Wien-Lesbengruppe im Herbst 1981 ohnehin auf der Hand.

Die HOSI Wien hat stets Bündnispartner gesucht und sich breiten Allianzen angeschlossen. Dass Mehrfachdiskriminierung und Mehrfachbetroffenheit existieren, wusste sie schon damals. HOSI-Wien-Gründungsmitglied GEORG PAIRST etwa engagierte sich auch in der Demokratischen Psychiatrie, die sich für eine umfassende Psychiatriereform einsetzte. Georg hatte selbst wegen seiner Homosexualität fünf Jahre als Opfer der Zwangspsychiatrie in verschiedenen Anstalten verbringen müssen, darunter in der berüchtigten Außenstelle des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien in Ybbs an der Donau. Zuvor verbrachte er sechs Monate am Steinhof, wo er insgesamt zwölf Behandlungen mit Elektroschocks über sich ergehen lassen musste und dem berüchtigten Psychiater Heinrich Gross (1915–2005) vorgeführt wurde (vgl. LN 4/1985, S. 30 f), der in der Nazi-Zeit an der Ermordung von sogenannten „lebensunwerten“ Kindern in der Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ (heute Otto-Wagner-Spital auf der Baumgartner Höhe) mitgewirkt hatte.

Diesem Euthanasieprogramm am Spiegelgrund fielen mindestens 789 Kinder zum Opfer. Gross wurde vorgeworfen, an der Ermordung von mindestens 200 dieser Kinder beteiligt gewesen zu sein und mindestens 14 davon eigenhändig zu Tode gespritzt zu haben. Dass Gross für seine Taten nie zur Verantwortung gezogen wurde und nach dem Krieg zum meistbeschäftigten Gerichtspsychiater des Landes avancieren konnte, war einer der größten Justiz- und Medizinskandale der Zweiten Republik. Gross’ unmittelbarer Vorgesetzter wurde nach dem Krieg von einem Gericht der sowjetischen Besatzungsmacht für seine Taten zum Tode verurteilt und hingerichtet (vgl. LN 3/1997, S. 30, sowie meinen Kommentar).

Die zweite grundlegende und nachhaltige Lehre bzw. Erfahrung, die die HOSI Wien aus den Ereignissen auf dem Reumannplatz mitnahm, war, dass sie siegen kann, wenn sie konsequent und offensiv für ihre Anliegen kämpft – selbst gegen die mächtige Stadt Wien. Dazu muss man wissen, dass die Verhältnisse damals nicht mit jenen heute zu vergleichen sind. Die SPÖ regierte in Wien quasi absolutistisch und war es in ihrem totalen Machtanspruch keineswegs gewohnt, irgendwelchen Initiativen nachgeben zu müssen.

Dass sich die HOSI Wien gegen die Stadt Wien durchsetzte, hat wohl nicht nur bei der SPÖ in Favoriten, sondern in der Stadtpartei ganz allgemein nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Mit Homosexuellen ist nicht zu spaßen! Ich persönlich glaube ja, dass dieses den Stadtroten zugefügte „Trauma“ Reumannplatz zumindest mit ein Grund war, warum die 1982 besetzte Rosa Lila Villa – im Gegensatz zu allen anderen zur selben Zeit in Wien besetzten Häusern – nie geräumt, sondern später sogar von der Stadt Wien großzügig unterstützt wurde. Man wollte sich wohl nicht wieder mit Schwulen und Lesben anlegen…

1979/80 wurden jedenfalls bereits diese und viele Weichen für die weitere Entwicklung und für die breite Palette der zukünftigen Arbeitsfelder der HOSI Wien gestellt. Und in die meisten dieser Arbeitsbereiche war ich in der einen oder anderen Form involviert.