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Russland: Conchita-Wurst-Demo nicht genehmigt

Veröffentlicht am 4. Juli 2014
Im Mai 2014 hielt ich mich eher zufällig in Moskau auf, als – wie nunmehr schon seit 2006 jedes Jahr – wieder eine Gay-Pride-Demo abgehalten werden sollte. Diesmal zu Ehren von Conchita Wurst, die drei Wochen zuvor in Kopenhagen den Eurovision Song Contest gewonnen hatte und in Osteuropa zu einer veritablen Ikone für Schwule und Transgender-Personen wurde. Der neuerliche Versuch einer Demo scheiterte ebenso wie die Versuche davor. Ich berichtete in einer Kurzmeldung darüber in den LN 3/2014.

Der Regenbogen-PKW fuhr nur kurz vorbei.

Seit 2006 (vgl. LN 4/2006, S. 25 f) versuchen LSBT-AktivistInnen jedes Jahr im Mai, eine CSD-Demo in Moskau zu organisieren. Bisher wurde eine solche von den Behörden stets untersagt, wobei Russland deswegen schon in drei Fällen wegen Verletzung der Menschenrechtskonvention vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg verurteilt worden ist. Auch die Versuche, trotz Nichtgenehmigung eine Kundgebung abzuhalten bzw. einfach mit Regenbogen-Accessoires auf neuralgischen Plätze zu stehen, wurden jedes Mal von den Polizeikräften im Keim erstickt, welche die AktivistInnen sofort verhafteten.

Heuer war am 31. Mai eine Demo zu Ehren von Conchita Wurst geplant, aber einmal mehr nicht genehmigt worden. Dennoch war eine Aktion für 13 Uhr am Twerskaja Ploschtschad angekündigt, dem Platz vis-à-vis des Rathauses, auf dem eine riesige Statute des Stadtgründers Jurij Dolgorukij steht. Wie jedes Jahr fanden sich mehr Medienleute als AktivistInnen ein. Auffällig anders als in früheren Jahren war allerdings, dass keine GegendemonstrantInnen vor Ort waren, daher endlich einmal nur die AktivistInnen von den rund 6-7 Kamerateams, darunter auch russischen, interviewt worden sind – und nicht nur die GegnerInnen eine Plattform für ihre homophoben Statements geboten bekamen wie stets in den letzten Jahren.

Der Autor dieser Zeilen, der dieses Jahr im Zuge eines 14-tägigen Russland-Urlaubs eher zufällig an besagtem Wochenende in Moskau weilte, vermisste seine alten Bekannten richtiggehend, die ja in keinem Jahr gefehlt hatten (ich war ja insgesamt fünfmal dabei gewesen, 2006, 2007, 2008, 2009 sowie noch einmal 2011): das ältere Mütterchen, das tapfer Kreuz und Ikone dem Bösen, den sündigen LSBT-AktivistInnen, entgegenstreckte, oder den etwas aus der Sowjetzeit gefallenen graubärtigen orthodoxen Nationalisten in Militärklamotten. Aber wahrscheinlich mussten sie anderweitig demonstrieren – gegen die faschistische Junta in Kiew!

Kurz nach 13 Uhr kam auf der Twerskaja uliza, einer zehnspurigen Verkehrsader mit Mittelsperrlinie, auf der gegenüberliegenden Richtungsfahrbahn ein mit Regenbogenaufklebern geschmückter PKW gefahren, in dem zwei AktivistInnen Regenbogenfahnen schwenkten und aus dem laut Rise Like a Phoenix über Megaphon schallte. Der PKW konnte langsam vorbeifahren, ohne von der Polizei aufgehalten zu werden. Es war auch relativ wenig Polizei vor Ort, nur zwei Einsatz- bzw. Arrestantenwägen.

Als das Auto außer Sicht- und Hörweite war, passierte eine Zeitlang gar nichts. Die Umstehenden unterhielten sich, fotografierten, gaben Interviews und wurden von den Polizisten nicht weiter behelligt. Als dann zwei Aktivistinnen eine Regenbogenfahne mit Aufschrift entrollten, kam wieder Unruhe in die Menge, aber es dauerte nur Sekunden, bis sie von den Polizisten abgeführt und in den Arrestantenwagen verfrachtet wurden. Auch danach passierte nicht viel, die wenigen anderen AktivistInnen, die interessierten ZuschauerInnen und die Medienleute zerstreuten sich dann alsbald und spazierten unbehelligt vom Ort des (Nicht-)Geschehens. Gay Pride in Moskau 2014!

 

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