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ILGA-Europa tagte in Wilna

Veröffentlicht am 9. November 2007
2007 hielt der europäische LSBT-Verband ILGA-Europa seine Jahreskonferenz in der litauischen Hauptstadt ab. Die HOSI Wien übernahm in Wilna die Konferenz-Fahne der ILGA, die jedes Jahr an die OrganisatorInnen der nächsten Konferenz weitergegeben wird. Für die LN 6/2007 verfasste ich nicht nur einen Tagungsbericht, sondern auch eine kurzen Reisebericht.

GERHARD LIEDL, ich, DANIELA TURIC und UTE STUTZIG übernehmen für die HOSI Wien als Gastgeberin der nächsten Jahreskonferenz 2008 die ILGA-Flagge, auf die jede gastgebende Organisation ihr Logo aufnäht.

Vom 24. bis 28. Oktober 2007 hielt die ILGA-Europa in der litauischen Hauptstadt Wilna ihre 11. Jahreskonferenz ab. Zugleich war es die 29. europäische Regionalkonferenz der International Lesbian and Gay Association – bekanntlich hat sich ILGA-Europa als eigenständiger Regionalverband erst 1996 gegründet. Gastgeberin war die litauische Lesben- und Schwulenliga, Lietuvos Gėjų Lyga (LGL).

Wie schon im Vorjahr in Sofia (vgl. LN 6/2006, S. 22 ff) haben sich auch heuer die lokalen und nationalen PolitikerInnen rar gemacht und damit das Feld ihren ausländischen KollegInnen überlassen. Auch Wilnas Bürgermeister Juozas Imbrasas von der „liberaldemokratischen“, indes populistischen Partei Tvarka ir teisingumas („Ordnung und Gerechtigkeit“) bereitete den fast 200 TeilnehmerInnen aus ganz Europa nicht gerade einen warmen Empfang.

 

Kein warmer Empfang

Schon im Vorfeld hatte Imbrasas eine im Rahmen der Tagung geplante öffentliche Kundgebung untersagt. Als Reaktion auf jüngste homophobe Vorkommnisse war für den 25. Oktober die öffentliche Ausbreitung einer 30 Meter langen Regenbogenfahne im Zentrum der Hauptstadt vorgesehen gewesen: Im Mai 2007 hatte der Bürgermeister nämlich den Informations-LKW der EU-Kampagne „Für Vielfalt. Gegen Diskriminierung.“ nicht in die Stadt gelassen, weil sich die EU-Kampagne auch gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung richtet und LGL sich mit einer eigenen Aktion sichtbar beim Truck-Stopp beteiligen wollte. Eine solche Nichtgenehmigung durch lokale Behörden ist der offiziellen EU-Kampagne, in deren Rahmen der LKW vier Jahre durch Europa tourte, nirgendwo sonst in Europa passiert. Die EU-Kommission bedauerte denn auch damals in einer Stellungnahme die Vorgangsweise der Wilnaer Behörden. Wie berichtet, machte der Truck auch zweimal in Wien Station, 2005 bei der Regenbogenparade am Heldenplatz (vgl. LN 4/2005, S. 16) und am 4. September 2006 neben dem Burgtheater (vgl. LN 6/2006, S. 6).

Ebenfalls im Mai 2007 mussten – nach Intervention der städtischen Behörden – die mit „Werbebotschaften“ gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz versehenen städtischen Busse in Wilna sowie in Kaunas, der zweitgrößten Stadt des Landes, in der Garage bleiben. Die EU-Kommission und die litauische Regierung hatten LGL für diese Social-Advertising-Kampagne fast € 5000,– zur Verfügung gestellt, aber die Stadtverwaltungen spielten da nicht mit.

Dass Wilna kein leichter Pflaster ist, war also schon im vorhinein klar. Dass der Bürgermeister aber wirklich soweit gehen würde, das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit dermaßen massiv einzuschränken und sich und letztlich auch seine Stadt europaweit zum Gespött zu machen, überraschte dann doch. Die Nichtgenehmigung der Veranstaltung zur Ausbreitung einer Regenbogenfahne – sie war nicht einmal als Demonstrationszug oder gar als Parade geplant – hatte natürlich auch ein Nachspiel. LGL legte sofort gegen den Untersagungsbescheid Berufung ein, blitzte damit aber auch beim zuständigen Gericht ab. Jetzt geht die Sache wohl bis nach Straßburg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Dass LGL spätestens dort recht bekommen wird, steht nach dem EGMR-Urteil vom Mai 2007 gegen Polen wegen des Verbots der Gleichheitsparade in Warschau 2005 wohl außer Zweifel (vgl. LN 3/2007, S. 22 f). Übrigens herrschte auf der Konferenz große Freude und Erleichterung über die Wahlniederlage, die am Sonntag zuvor Jarosław Kaczyński im Nachbarland Polen eingefahren hatte. Etliche RednerInnen nahmen darauf Bezug.

Imbrasas rechtfertigte sein Verbot übrigens damit, dass der geplante Ort der Kundgebung – der Platz vor dem Rathaus – eine Baustelle sei und durch die Aktion die Sicherheit der PassantInnen gefährdet worden wäre. In der Tat wurden in der Didžioji gatvė, der „großen“ bzw. Hauptstraße im Zentrum (vgl. nachstehenden Bericht), an der das Rathaus und der Platz davor liegen, der Straßenbelag erneuert und die Gehsteige neu gepflastert, aber eine statische Kundgebung wäre dennoch ohne weiteres möglich gewesen.

Jedenfalls schien der Mehrheit der EinwohnerInnen Wilnas die Anwesenheit von rund 200 LSBT-AktivistInnen in ihrer Stadt ziemlich gleichgültig zu sein. Die negative Haltung des Bürgermeisters konnte nur ein paar aufrechte Fundis mobilisieren, die es nicht zu blöd fanden, sich mit ihren selbstgebastelten Spruchtafeln vors Konferenzhotel zu stellen. Etwas bedrohlicher war dann allerdings ein nächtlicher Rauchbombenangriff auf den Club Soho ganz in der Nähe des Hotels, in den etliche TeilnehmerInnen noch etwas trinken gegangen waren. Aufgrund der Rauchentwicklung hätte man meinen können, ein Großfeuer sei ausgebrochen. Es wurde jedoch niemand verletzt.

Ja, und so wurde stattdessen der Konferenzsaal des Tagungshotels mit der riesigen Regenbogenfahne geschmückt und die Veranstaltung in einen Empfang mit Büffet und Reden umfunktioniert. Zu den Delegierten sprachen bei dieser Gelegenheit Oskaras Jusys, Unterstaatssekretär im litauischen Außenministerium, und Marija Aušrinė Pavilionienė, Abgeordnete zum litauischen Parlament, dem Seimas. Sie war aus der liberaldemokratischen Partei wegen deren vorhin erwähnten homophoben Haltungen und Handlungen ausgetreten und erntete für ihre leidenschaftliche Ansprache großen Applaus. Nach ihr sprach Johan Tiedemann, schwedischer Staatssekretär für nordische Zusammenarbeit, der das Engagement seines Landes für LSBT-Menschenrechte überall in der Welt betonte. Er präsentierte auch eine kurze Videobotschaft von Tobias Billström, Schwedens offen bisexuellem Einwanderungs- und Asylminister (vgl. LN 6/2006, S. 29). Auch die BotschafterInnen Schwedens, Dänemarks und der Niederlande bekundeten durch ihre Teilnahme die Unterstützung für Litauens LSBT-Community.

Politische Unterstützung – in erster Linie aus dem Ausland – gab es dann auch auf den beiden hochkarätig besetzten Podiumsdiskussionen während der Tagung. Auf der ersten zum Thema „LSBT-Rechte in Europa: Wie die europäischen Institutionen ihrer Verantwortung für die Anerkennung und Achtung der Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen nachkommen können“ sprachen Gesa Böckermann von der EU-Kommission (Aktion gegen Diskriminierung, Referat Diskriminierungsbekämpfung und Beziehungen zur Bürgergesellschaft in der Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit), Anastasia Crickley (u. a. Vorsitzende des Verwaltungsrats der in Wien ansässigen EU-Agentur für Grundrechte und Persönliche Beauftragte des Amtierenden Vorsitzenden der OSZE für die Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung) sowie Michael Cashman, britischer Labour-Abgeordneter zum Europäischen Parlament und Vorsitzender der EP-Intergruppe für Lesben- und Schwulenrechte.

An der zweiten Podiumsdiskussion zum Thema „LSBT-Rechte national und international unterstützen“ nahmen Hans Ytterberg, Schwedens Volksanwalt gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, Laima Vengalė, Mitglied der litauischen Gleichbehandlungskommission, Ben Baks, Beauftragter der niederländischen Regierung für LSBT-Fragen, Xavier Verdaguer i Ribes, Verantwortlicher für das Programa per al col·lectiu gai, lesbià i transsexual der Landesregierung Kataloniens, sowie ILGA-Europa-Vorstandsmitglied MARTIN CHRISTENSEN teil.

 

Neue EU-Initiative

Die EU lieferte dann auch einen der erfreulichen Höhepunkte der Tagung. Vladimír Špidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit, kündigte in einer Videobotschaft an, dass die EU-Kommission in ihrem Arbeitsprogramm für 2008 plane, neue Vorschläge für Rechtsvorschriften zum Verbot der Diskriminierung außerhalb der Arbeitswelt zu erarbeiten. Bekanntlich haben ja die diesbezüglichen EU-Richtlinien aus 2000 eine Hierarchie beim Schutz vor Diskriminierung geschaffen (siehe dazu auch Beitrag auf S. 14). Das die EU-Kommission für dieses Vorhaben allerdings einen langen Atem benötigen wird, erläuterte dann auch die in Wilna anwesende Belinda Pyke, Direktorin für Chancengleichheit von Männern und Frauen und Referatskollegin von Gesa Böckermann. Neue Richtlinien müssen ja vom Rat einstimmig beschlossen werden, das heißt, die Regierungen aller 27 Mitgliedsstaaten müssen zustimmen.

 

Generalversammlung

Die Jahrestagung mit ihren Plena, Podiumsdiskussionen, Workshops und informellen Arbeitskreisen dient aber nicht nur dem Informations- und Erfahrungsaustausch sowie der Vernetzung der TeilnehmerInnen untereinander, sondern auch als Generalversammlung der Organisation. Der Rechenschaftsbericht des Vorstands muss etwa ebenso verabschiedet werden wie der Jahresabschluss und das Budget. Die ILGA-Europa kann in dieser Hinsicht wieder auf ein absolut erfolgreiches Jahr zurückblicken. Mittlerweile beschäftigt sie neun Angestellte in ihrem Brüsseler Büro und verwaltet ein Jahresbudget von 1,5 Millionen Euro.

Wie jedes Jahr wurde auch heuer wieder ein wenig an den Statuten und der Geschäftsordnung des Verbands herumgebastelt. So wurde etwa als Neuerung beschlossen, ab nächstem Jahr die Funktionsperiode des Vorstands auf zwei Jahre zu verlängern, wobei jedes Jahr jeweils fünf Mitglieder des zehnköpfigen Vorstands gewählt werden. Dieses Jahr gab es nur wenig Fluktuation im Vorstand. RICCARDO GOTTARDI aus Italien, seit 2003 Vorstandsvorsitzender, kandidierte allerdings nicht mehr. JACKIE LEWIS, die im Vorjahr nach zehn Jahren aus dem Vorstand ausgeschieden war, wurde für ihre Verdienste um die ILGA-Europa die Ehren-Vizepräsidentschaft verliehen – eine Funktion, die auch der Autor dieser Zeilen seit seinem Ausscheiden aus dem Vorstand vor vier Jahren innehat.

Zudem wählte die Jahresversammlung die Gastgeberin für die übernächste Tagung im Jahr 2009. COC Haaglanden wollte die Tagung nach Den Haag holen, konnte sich aber gegen Malta Gay Rights Movement nicht durchsetzen. Nach der Tagung in Wien nächstes Jahr wird also Valetta an der Reihe sein, was sicherlich politisch korrekt ist, hat doch noch nie eine ILGA-Tagung in Malta stattgefunden – und die letzte Tagung in Südeuropa – nämlich Lissabon 2002 – liegt auch schon länger zurück.

Die HOSI Wien war in Wilna – nicht zuletzt, weil sie Gastgeberin der nächsten Jahrestagung sein wird – durch eine ungewöhnlich starke Delegation vertreten, nämlich durch UTE STUTZIG, DANIELA TURIC, GERHARD LIEDL, GOTTFRIED GRUBER und den Autor dieser Zeilen.

 

Nachträgliche Anmerkung: Belinda Pyke sollte recht behalten mit ihrer Aussage, die EU-Kommission werde einen langen Atem für die Verabschiedung einer neuen Richtlinie benötigen: Obwohl 2008 vorgeschlagen, brüten die Mitgliedsstaaten bis heute darüber. Siehe auch meinen Blog-Beitrag vom 3. Februar 2020.

 

Die Kathedrale mit ihrem freistehenden Glockenturm ist eines der Wahrzeichen Wilnas.

Wilna weist höchste Kirchendichte auf: Selbst das Ost-Stadttor, das „Tor der Morgenröte“ (Aušros Vartai), wurde in eine Kapelle umgebaut.

Häuserzeile in der Aušros Vartų gatvė

Litauen: Barock und Bernstein

Die litauische Hauptstadt Wilna (Vilnius) ist für MitteleuropäerInnen alles andere als exotisch. Von ihrem Hausberg aus betrachtet, erinnert sie stark an Graz oder Salzburg. Statt Mur bzw. Salzach fließt unten an der Altstadt die Neris vorbei – und ein noch kleineres Flüsschen, die Vilnia, die der Stadt ihren Namen gab. Dies wiederum erinnert an Wien und die Wien! Auf diesem Hügel thront die Gediminas- oder Obere Burg. Ihr Westturm beherbergt ein kleines Museum und eine Aussichtsplattform, von der aus man einen herrlichen Rundblick über die gesamte Altstadt genießen kann. Und dabei können nicht die geringsten Zweifel aufkommen: Wilna ist die nördlichste Barock-Hochburg des Kontinents – und weist wohl auch eine der höchsten Kirchendichten auf, die vielleicht noch von italienischen Städten übertroffen wird! Wiewohl es Kirchen vieler Konfessionen gibt, ist Wilna dabei unübersehbar katholisch.

 

Stadt der Kirchen

Gleich am Fuß des Burghügels stehen auf dem Kathedralenplatz (Katedros aikštė) großzügig die Kathedrale und ihr freistehender Glockenturm, ein Wahrzeichen Wilnas. Von hier führt die Pilies gatvė (Burgstraße) in die Altstadt. Ihre Fortsetzung, die Große Straße – Didžioji gatvė –, die ihrerseits in die Aušros Vartų gatvė übergeht, durchschneidet die gesamte Altstadt. Dieser Straßenzug bildet eine der touristischen Adern der Stadt. Hier steht eine Sehenswürdigkeit neben der anderen, Paläste, Botschaften, das Rathaus, die Universität – und natürlich jede Menge Kirchen. Von hier aus kann man links und rechts die Seitengässchen und die – oft noch nicht renovierten – Innenhöfe der Gebäude erkunden. Hier finden sich viele Läden voller – mitunter unglaublicher – Schmuckstücke und Gegenstände aus Bernstein, wofür Litauen berühmt ist.

Renoviert und gebaut wird jedenfalls an allen Ecken und Enden – der Nachholbedarf ist aber auch riesig. Und man merkt, dass sich die Stadt darauf vorbereitet, 2009 – neben Linz – Europäische Kulturhauptstadt zu sein. Auch die Untere Burg neben der Kathedrale ist noch Großbaustelle. Fast abgeschlossen scheinen hingegen die Bautätigkeiten entlang der zweiten innerstädtischen Lebensader, des Gedimino prospektas. Dieser Pracht- und Einkaufsboulevard führt im 90-Grad-Winkel zur Pilies gatvė vom Kathedralenplatz zum Parlamentsgebäude am Ufer der Neris. Vor dem Seimas sind – mittlerweile hinter Glas – Teile der Barrikaden aus den Tagen des Unabhängigkeitskampfes im Jahre 1991 aufgestellt. Damals gelang es den LitauerInnen, die sowjetische Besatzung endgültig abzuschütteln.

Selbst in der Altstadt sind noch viele Kirchen verfallen und harren ihrer Renovierung. Wieviel in der Stadt jedoch insgesamt noch herzurichten ist, wird besonders deutlich, wenn man sich bloß ein paar Schritte aus dem unmittelbaren Altstadtkern hinausbewegt. Hier sind viele alte Häuser heruntergekommen und in einem traurigen Zustand, wobei diese Schäbigkeit und dieser Verfall durchaus einen gewissen Charme versprühen – ebenso wie die altmodisch wirkenden Trolleybusse, die sich durch die Stadt quälen.

 

Winzige Szene

Als kleines katholisches Land mit 45 Jahren Sowjet-Vergangenheit hat Litauen natürlich nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine prosperierende lesbisch-schwule Szene. Eine solche existiert auch nicht. Umso mehr imponieren daher die Zähigkeit und Hartnäckigkeit der litauischen Lesben- und Schwulenliga Lietuvos Gėjų Lyga (LGL) im allgemeinen und ihrer beiden Pioniere und langjährigen Aktivisten EDUARDAS PLATOVAS und VLADIMIRAS SIMONKO im besonderen, die nun schon seit fast 15 Jahren in einem oft feindseligen Umfeld engagiert und vehement für die schwul-lesbische Sache kämpfen. Gastgeber der 11. ILGA-Europa-Konferenz zu sein war wohl ein Höhepunkt ihrer vielfältigen und zahlreichen Aktivitäten in all diesen Jahren.

 

Phallisches Gesamtkunstwerk

Wilna verfügt über zwei Homo-Klubs, wobei man sich bei einem Aufenthalt in der Stadt die Men’s Factory keinesfalls entgehen lassen sollte. Das Interieur dieses Klubs, der sich in den Katakomben einer ehemaligen Fabrik in einer tristen Vorstadtgegend befindet, ist ein veritables Gesamtkunstwerk der Dildo- und Penisverehrung und zugleich ein Juwel schmiedeeiserner Handwerkskunst. Man ist geneigt zu vermuten, dass ganze Generationen oder Heerscharen von Handwerkern daran gearbeitet haben müssen, um all die verspielten, detailverliebten penisförmigen Dekorationen an Wänden, Tischen, Stühlen und jedem Quadratzentimeter Oberfläche herzustellen. Diese trashige Geschmacklosigkeit ist dermaßen vollendet, dass sie schon wieder genial ist.

Wie in die anderen beiden baltischen Staaten Lettland und Estland fährt man sicherlich auch nach Litauen nicht wegen der schwul-lesbischen Szene. Der Reiz dieser Länder liegt vielmehr im Umstand, dass sie noch so unbekannt sind. Obwohl von Wien aus näher als Paris, London, Rom oder Barcelona, erscheint Wilna wohl den meisten viel entfernter am Rande Europas gelegen. Immer noch besuchen viel zu wenige ÖsterreicherInnen ihre neuen litauischen EU-Nachbarn. Wer jedoch die baltischen Staaten einmal bereist hat, kommt bestimmt gerne wieder zurück.

Litauen hat auch eine herrliche Küste an der Ostsee zu bieten. Besonders reizvoll ist die Kurische Nehrung, eine fast 100 Kilometer lange und maximal vier Kilometer breite Halbinsel, die das Kurische Haff von der Ostsee trennt. Der Südteil gehört zum Kaliningrader Oblast und ist somit russisches Territorium. Thomas Mann lebte hier von 1930 bis 1932 im Ort Nida (zu deutsch Nidden). In seinem Haus befindet sich heute ein Museum.