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Groër deportiert

Erschienen am 17. Juli 1998

Eigentlich wollte ich ja das Thema Groër vermeiden, zumal ich dazu schon in den letzten beiden Ausgaben der LN (und auch schon früher) geschrieben habe, aber die jüngsten Vorkommnisse und Heucheleien zwingen mich geradezu, dieses Thema wieder aufzugreifen. Und selbst auf die Gefahr hin, nach meinem Beitrag „Gnade für Groër“ (LN 1/1998, S. 26) abermals als Verteidiger des gefallenen Kardinals mißverstanden zu werden, muß ich doch kritisieren, wie hier das offizielle Österreich zuschaut, wie ein österreichischer, inzwischen vor allem der Amtskirche mißliebiger Staatsbürger einfach ins Ausland deportiert wird. Als im April bekannt wurde, daß Groër ins Exil nach Schweden abgeschoben werden sollte, schrieb ich in diesem Sinne folgenden Leserbrief an einige Zeitungen und Zeitschriften:

„Will Österreich wirklich, daß H. H. Groër in Stockholm aus dem Flugzeug steigt wie weiland zu Breschnjews Zeiten die sowjetischen Dissidenten in Wien oder jetzt die chinesischen in den USA? Wo bleibt die Rechtsstaatlichkeit Österreichs? Wir können uns doch nicht vom Vatikan und seinen inländischen Handlangern zu einer Bananenrepublik machen lassen, in der die Menschenrechte mit Füßen getreten werden! Der Vatikan weiß schon, warum er keine einzige internationale Menschenrechtskonvention unterschrieben hat. Aber Österreich hat es getan. Hier ist es wohl höchste Zeit, daß Regierung und Kanzler Klima ein Machtwort sprechen. Wenn es keine strafrechtliche Handhabe gegen Groër mehr gibt, dann muß man sich damit abfinden und sollte die Gesetze entsprechend reparieren. Aber eine solche mittelalterliche Maßnahme wie eine erzwungene Verbannung eines österreichischen Staatsbürgers ins Ausland ist nicht nur menschenrechtswidrig, sondern skandalös, inakzeptabel und muß dem Ansehen Österreichs gewaltig schaden.“

NEWS (# 18 vom 29. April) und profil (# 20 vom 11. Mai) veröffentlichten Auszüge daraus. Bekanntlich wurde aus den schwedischen Gardinen nichts, Groër hat sich offensichtlich erfolgreich dagegen gewährt, statt dessen verschlug es ihn in die Nähe von Dresden, sicherlich nicht weniger freiwillig. Dort steht die örtliche katholische Kirche noch aus DDR-Zeiten in der Schuld der österreichischen Kirche und kann dieser jetzt nicht den Wunsch abschlagen, als Verbannungsort für Groër zu fungieren.

Und siehe da: Im NEWS # 20/98 vom 14. Mai hatte plötzlich auch Alfred Worm menschenrechtliche Bedenken. Worm, jahrelang einer der gnadenlosesten Groër-Jäger, der ihn sogar als Pädophilen bezeichnete (Worm scheint hier wohl Definitionsprobleme zu haben, denn daß sich Groër an vorpubertäre Knaben herangemacht hätte, hat man in all den Jahren ja nicht gehört!), heuchelte: Irgendwer muß es einmal sagen: Niemals zuvor wurde so eklatant gegen Menschenrechte verstoßen. Und vor dieser Schlußfolgerung: Nach jahrelanger Vertuschung waren es legistische Laien, die den Beschuldigten ohne Gerichtsverfahren schuldig gesprochen und lebenslang hinter Gitter gebracht haben. Der schwerkranke Greis wurde zudem auf eine Gefängnisinsel deportiert. Die erhobenen Vorwürfe waren nach weltlichem und kirchlichem Recht verjährt. Das Schweigen – minimales Recht jedes Angeklagten – wirkte strafverschärfend.

Ein typischer Fall von: Wer hat mir in die Hosen geschissen?

Der meiner Meinung nach bedeutsamste Aspekt in der ganzen Affäre wurde aber immer noch viel zu wenig beleuchtet: Mindestens genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger als der sexuelle Mißbrauch, den Groër wohl begangen hat, ist der spirituelle Mißbrauch, diese Gehirnwäsche bei labilen Jugendlichen, die sich Groër offenbar auf Art eines Sekten-Gurus geistig-intellektuell und spirituell hörig und abhängig gemacht oder verstoßen hat. Das finde ich jedenfalls mindestens genauso schlimm und verdammenswert. Und gerade jetzt angesichts dieses allgemeinen Geschreis um dubiose Sekten wie Scientology und ihres schädlichen Einflusses auf – nicht nur jugendliche – Menschen, wirkt es umso augenfälliger und befremdlicher, daß in diesem Zusammenhang die offiziell anerkannten Religionsgemeinschaften nicht genannt werden. Sie haben scheinbar einen Freibrief – daß sich dort ebenfalls in manchen Gruppierungen ein Sektenunwesen breitgemacht hat, ist ja nicht zu leugnen.

Daher sollte jetzt endlich Schluß sein sowohl mit dem zweierlei Maß, mit dem nicht anerkannte und offiziell zugelassene Sekten gemessen werden, als auch mit dem heuchlerischen Bedauern über das Unrecht, das Groër widerfahren ist, durch genau jene, die maßgeblich daran Schuld tragen, daß Groër dieses Unrecht zuteil wurde. Warum soll sich die weltliche Gesellschaft von der Kirche dafür einspannen lassen, einen Mann zu verfolgen, der juristisch nicht mehr belangt werden kann, und damit höchstens ein massives und allgemeines Glaubwürdigkeitsproblem einer ohnehin durch und durch unglaubwürdig gewordenen Institution zu übertünchen helfen?

Kurts Kommentar LN 3/1998