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Gnade für Groër

Veröffentlicht am 15. Januar 1998
Wohl kein Skandal hat die römisch-katholische Kirche in Österreich in den letzten 70 Jahren massiver und nachhaltiger erschüttert als die Affären um Hans Hermann Kardinal Groër (1919–2003). Darüber habe auch in den LN mehrere Beiträge verfasst, so auch in der Ausgabe 1/1998, in der ich auf eine vergleichsweise lässliche Verfehlung des Alt-Erzbischofs Bezug nahm, wegen der er jedoch von seiner letzten Funktion als Prior des Benediktinerklosters Maria Roggendorf zurücktreten musste. Ich plädierte für Gnade und Barmherzigkeit.

Hans Hermann Groër

Auch das noch: Neue Vorwürfe zwingen Groer zum Rücktritt titelte der KURIER am 4. Jänner 1997. Der Alt-Erzbischof muß als Prior von Maria Roggendorf gehen. Daß der Rücktritt des Priors des ziemlich bedeutungslosen Benediktinerklosters einer auflagenstarken Tageszeitung eine Schlagzeile wert ist, liegt natürlich an der Natur der Vorwürfe und an der Person des Priors.

Besonders sensationell oder überraschend sind die neuen „Vorwürfe“ nun ja nicht. Aber jetzt scheint Alt-Erzbischof Hans Hermann Groër endgültig in Ungnade gefallen zu sein, sowohl kirchenintern als auch in den Medien. Letztere gönnen ihm jetzt nicht einmal mehr das Trema über dem „E“ in seinem Namen.

Daß Groër homosexuelle Neigungen (gehabt) hat, ist ja nichts Neues. Sein Problem scheint zu sein, daß er zu unvorsichtig damit umgegangen ist zu einer Zeit – in den 70er und 80er Jahren –, als es kaum jemand wirklich störte, wenn ein Pfarrer oder ein höherer kirchlicher Würdenträger derartige Neigungen hatte und sie – Hauptsache diskret – auslebte. Die Leute sind ja nicht so dumm, wie man immer meint. Auch ihnen ist immer klar gewesen, daß der Klerus „verschwult“ ist. Ja, man erwartet ja geradezu von einem Pfarrer, daß er schwul ist. In keiner anderen Berufsgruppe ist der Anteil Homosexueller – laut niederländischen Untersuchungen 25 Prozent – höher, vielleicht noch unter Ballettänzern oder Innenarchitekten. Bis vor einigen Jahren konnten schwule Würdenträger auch dank der Macht der Kirche vor jedem Outing sicher sein. Ihr Einfluß hätte jede Berichterstattung und jede öffentliche Diskussion darüber verhindert. Erst der Verlust dieser Macht über die veröffentlichte Meinung und die Problematisierung dieses Themas durch Gruppen wie die HuK („Homosexuelle und Kirche“) zwangen die Kirche dazu, klar Stellung zu beziehen – und das konnte bei den herrschenden vatikanischen Verhältnissen nur negativ ausfallen. Man könnte fast sagen, daß die Enttabuisierung der Homosexualität im Klerus die Situation von schwulen Geistlichen erst verschärft und viel prekärer gemacht hat. Die heuchlerische, scheinheilige und augenzwinkernd duldende Haltung – solange nichts an die Öffentlichkeit drang – wurde durch eine programmatische, aber strikt ablehnende ersetzt.

Daß man früher viel relaxter auf Gerüchte um die Homosexualität hoher geistlicher Würdenträger reagierte, zeigt auch das Beispiel Papst Pauls VI.: Er wurde in ganz Rom „Mama Paola“ gerufen. Und ich erinnere mich noch an Hans Fädlers Film „Wiener Brut“ (vgl. LN 2/1985, S. 44), in dem Marie-Thérèse Escribano einen schwulen Bischof mimte, und das war damals schon eine sehr deutliche Anspielung auf Groër. Kein Mensch hat sich darüber aufgeregt. Außerdem: Jedem, der Groër das erstemal reden hörte, war klar: Der muß schwul sein!

Wenn sich die katholische Kirche jetzt gezwungen sieht, eine strikt anti-homosexuelle Haltung in der Kirche durchzusetzen, dann wird das nicht nur das alltägliche Leben vieler schwuler Geistlicher noch mehr beeinträchtigen, sondern möglicherweise auch dazu führen, daß etliche aus den geistlichen Berufen aussteigen (müssen) – wie etwa jene, die heiraten wollen. Vernünftiger wäre es allemal, die katholische Kirche würde ihre grundlegende Haltung der Realität anpassen, wenn sie jetzt schon bemüht ist, den verlogenen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufzugeben.

Verlogen ist es auch, wenn die Amtskirche, die vor zwei Jahren Groër noch die Mauer machte zu den Vorwürfen des sexuellen Mißbrauchs Minderjähriger (vgl. LN 2/1995, S. 33 ff), jetzt angesichts bedeutend „harmloserer“ Vorwürfe der „sexuellen Belästigung“ Erwachsener reinen Tisch machen und vollständig aufklären will. Falls es sich bei den neuen Vorwürfen um keine Belästigung von Untergebenen des Kardinals am Arbeitsplatz handelt, dann scheint es dabei ohnehin eher um eine Frage von Manieren und Umgangsformen als um kirchen- oder gar strafrechtliche Handlungen zu gehen. Oder will man jetzt sogar Erwachsenen verbieten, sich anzuflirten? Wenn es sich aber um Nötigung oder Vergewaltigung gehandelt hat, dann sollte man nicht von „Belästigung“ sprechen. Ansonsten muß der starke Eindruck entstehen, der Kirche geht es nur darum, die Homosexualität an sich an den Pranger zu stellen.

Groër ist in eine Lage geraten, wo er einem schon wieder leid tun könnte. Obwohl es schwer ist, Mitleid zu haben mit jemandem, der so hoch oben in der Kirchenhierarchie war und daher mitschuld ist am Zustand dieser Kirche und verantwortlich dafür, daß so viele Lesben und Schwule ein unglückliches Leben führen müssen. Andererseits ist er natürlich selbst Opfer der eigenen Kirchenideologie. Und daß sich jetzt Amtskollegen als Richter über ihn aufspielen, ist nur schwer erträglich angesichts des Umstands, daß sie genauso schuldig sind, auch an der Situation, in die Groër geraten ist. Solange diese Kirche ihre Einstellung zur Homosexualität und zu homosexuellen Menschen nicht um 180° ändert, hat sie jedes Recht verwirkt, über ihre Opfer zu richten.

Daher: Barmherzigkeit und Gnade für Groër, der in den letzten Jahren sicher ohnehin genug gebüßt hat – hauptsächlich für seine homosexuellen Neigungen!

 

Nachträgliche Anmerkung:

Mit Groër beschäftigte ich mich auch in meinen LN-Kolumnen in den Ausgaben 1/1987, 2/1998 („Katholische Kirche am Boden: Nützen wir die Chance!“) und 3/1998 („Groër deportiert“).

 

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