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Kommentar in der Online-Zeitschrift Glocalist Review Nr. 100

Manfred Deix, übernehmen Sie!

Veröffentlicht am 13. Februar 2006
Wenn die dänischen Mohammed-Karikaturen tatsächlich als Provokation gedacht waren, dann haben sie ihren Zweck voll erfüllt. Sie haben die VertreterInnen einer Religion(sgemeinschaft) einmal mehr dazu gebracht, sich ihre Maske vom Gesicht zu reißen und ihr wahres Gesicht zu zeigen. Für das Online-Magazin Glocalist Review (Nr. 100) verfasste ich einen Kommentar dazu.

Die sogenannten Mohammed-Karikaturen, die die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ am 30. September 2005 veröffentlichte, lösten einen Sturm der Entrüstung in der islamischen Welt aus. In Dänemark wurden die Anzeigen wegen Blasphemie nach § 140 dänisches Strafgesetz zurückgelegt. (Der Paragraf wurde schließlich 2017 abgeschafft.)

Wenn die dänischen Mohammed-Karikaturen tatsächlich als Provokation gedacht waren, dann haben sie ihren Zweck voll erfüllt. Sie haben die VertreterInnen einer Religion(sgemeinschaft) einmal mehr dazu gebracht, sich ihre Maske vom Gesicht zu reißen und ihr wahres Gesicht zu zeigen. Dafür, daß jetzt wieder mehr Leute diese häßliche Fratze der Religionen erkennen können, kann man als Atheist eigentlich nur dankbar sein! Denn allzu viele Menschen sind geneigt, über die vergangenen und aktuellen Verbrechen, die im Namen der großen Religionsgemeinschaften begangen wurden und werden, hinwegzusehen – und auch zu verdrängen, welches Potential an dumpfer Manipulation und Mobilisierung der Massen in ihnen immer noch steckt. Und dieses Potential des Islams ist in der Tat beängstigend, darf aber den Kampf gegen – alle – Religionen, mit denen weltliche Politik jenseits demokratischer Regeln gemacht wird, nicht lähmen. Im Gegenteil!

In Europa ist es in jahrhundertelangem Kampf gelungen, den Einfluß des christlichen Glaubens und seiner VertreterInnen auf Politik und Gesellschaft entscheidend zurückzudrängen. Und es wäre fatal, ließe man es in Europa zu, daß irgendeine andere Religionsgemeinschaft die Rolle übernimmt, die hier die römisch-katholische Kirche im Mittelalter gespielt hat. In diesem Kampf darf man keinen Millimeter nachgeben und sich dabei auch nicht vom Killerargument „Islamophobie“ beirren lassen.

Es geht hier gar nicht so sehr um die Trennung von Staat und Kirche – auch in Dänemark ist die lutherische Kirche Staatskirche, ihr Oberhaupt ist Königin Margrethe II., und doch zählen die DänInnen wohl zu den „gottlosesten“ und aufgeklärtesten und damit auch zu den sympathischsten Völkern der Welt –, sondern vielmehr darum, der Religion die Macht über die Menschen und deren persönliches Leben zu entreißen.

Es geht hier auch nicht nur um die Pressefreiheit, sondern noch viel banaler schlicht um das Recht gewöhnlicher AtheistInnen, Glaubensdogmen nicht nur in Frage stellen, sondern sich über die in ihren Augen lächerlichen Glaubensinhalte auch in respektloser Weise lustig machen zu dürfen, auch wenn Gläubige dadurch beleidigt oder gekränkt werden. AtheistInnen kann doch nicht Respekt vor etwas abverlangt werden, was sie aus tiefster Überzeugung ablehnen. Sie wollen daher auch keine theologische Diskussion führen. Und derart lachhafte religiöse Vorstellungen, wie die primitive und verschwitzte (heterosexuelle!) Männerphantasie, Selbstmordattentäter im Auftrag des Islams würden im Paradies von einigen Dutzend Jungfrauen erwartet, haben in der Tat nichts anderes als Spott und Hohn verdient. (Und nebenbei bemerkt: Die etablierten Weltreligionen können ja von Glück reden, daß sie vor der Aufklärung entstanden sind. Versuchte heute jemand, mit den jüdischen, christlichen oder islamischen Dogmen und Glaubensinhalten eine neue Religion zu begründen, würden die Sektenbeauftragten in höchster Alarmbereitschaft auf den Plan treten.)

Auch MuslimInnen werden lernen müssen, mit Kritik und Kränkung gewaltfrei umzugehen. Und überhaupt: Wenn Menschen in ihrem Glauben gefestigt und authentisch davon überzeugt sind, woran sie glauben, kann dieser doch hoffentlich nicht durch Kritik oder gar ein paar Karikaturen von Ungläubigen erschüttert werden.

Als Atheist – oder z. B. als schwuler Mann – muß ich ja auch damit leben, wenn ich durch Aussagen und Handlungen der Religionsgemeinschaften beleidigt und gekränkt werde, was ja ziemlich häufig vorkommt. Und da geht es nicht darum, daß sich mein gesunder Menschenverstand beleidigt fühlt, wenn andere tatsächlich an einen Gott, ans Paradies oder an die Hölle glauben. Es geht auch nicht nur um Belästigungen wie das sonntägliche Glockengeläut, den verbalen Schwachsinn, den Bischöfe wie Andreas Laun regelmäßig absondern, oder das Androhen ewiger Verdammnis wegen meines Nichtglaubens und meiner Lebensweise. Da geht es auch nicht um Schwulenwitze (die bösesten und schärfsten werden ohnehin von den Schwulen selbst erzählt), sondern da geht es vielmehr um die tagtägliche homophobe Hetze der römisch-katholischen Kirche im Namen der Bibel insgesamt. Da geht es beispielsweise um die gewalttätigen An- und Übergriffe des katholischen Mobs auf Regenbogen-Paraden in Polen, wie in den letzten Jahren mehrfach geschehen, oder um die Hinrichtung Homosexueller in islamischen Ländern unter Berufung auf Scharia und Koran.

Dieselben Leute, die nichts dabei finden, Religionsgemeinschaften anzugehören, die die größten Verbrecherorganisationen in der Menschheitsgeschichte gewesen sind, und denen kein Wort des Protests oder des Bedauerns über die Lippen kommt, wenn etwa im Iran oder in Saudi-Arabien wieder einmal im Namen des Islams Homosexuelle hingerichtet werden (zumindest ist mir nichts Dergleichen seitens der islamischen Glaubensgemeinschaften in Österreich in Erinnerung), wollen jetzt eine Entschuldigung, weil sie sich durch ein paar läppische Karikaturen subjektiv beleidigt und gekränkt fühlen? Ich glaub’s einfach nicht! Unfaßbar! Was kommt als nächstes? – Diese Leute sollten sich lieber in Grund und Boden schämen für ihre Religion bzw. deren VertreterInnen. Und einmal selbstkritisch beginnen, sich für all die im Namen ihrer Religion begangenen Verbrechen zu entschuldigen. Da hätten sie ganz schön viel zu tun.

So wenig ich mit der derzeitigen dänischen Rechtsregierung sympathisiere, so sehr ist die standhafte Haltung Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussens zu begrüßen, diesem frivolen Ansinnen von MuslimInnen nach einer Entschuldigung nicht nachzukommen. Im übrigen hat sich entgegen anderslautender Berichte Jyllands-Posten, mit der ich grundsätzlich genauso wenig sympathisiere (die bürgerliche Tageszeitung hat wegen ihrer konservativen Blattlinie unter den fortschrittlicheren DänInnen den Spitznamen „Jyllands-Pesten“, „die Pest Jütlands“), für den Abdruck der Karikaturen auch nicht entschuldigt, sondern bloß bedauert, daß sich MuslimInnen dadurch gekränkt fühlen.

Die einzig adäquate Reaktion auf solche obszönen Aufforderungen nach einem Kniefall, wie moderat sie auch vorgetragen werden, ist jene der französischen Zeitschrift Le canard enchaîné, die in ihrer jüngsten Ausgabe die Entwicklungen satirisch auf die Schaufel nimmt und jedem Versuch von Religionsgemeinschaften, die Denk- und Meinungsfreiheit einschränken zu wollen, eine mehr als deutliche Absage erteilt. In dieser Frage kann und darf es kein Nachgeben und keinen Kompromiß geben.

Die wichtigsten Forderungen in einer säkularen Gesellschaft müssen vielmehr sein: Zur Religionsfreiheit muß auch die Freiheit von Religion gehören, also als Nichtgläubiger von religiöser Indoktrination und Bigotterie verschont zu werden. Religion muß reine Privatsache sein und bleiben. Und Religion muß wie eine Ideologie behandelt werden. Sie darf nicht einfach jeglicher Kritik entzogen werden, indem sie für „sakrosankt“ erklärt oder ihre Protagonisten mit einem Darstellungsverbot, einem Tabu belegt werden.

Durch die aktuellen Entwicklungen könnte womöglich auch die katholische Kirche auf die Idee kommen, ihre Glaubensdogmen wieder verstärkt durch staatliche Gewalt schützen zu lassen.

Daher muß die klare Forderung der aufgeklärten Gesellschaft auf die jüngsten Ereignisse sein: Weg mit dem Blasphemie-Paragraphen im Strafrecht! Wird zu Gewalt gegen eine religiöse – oder eine nicht religiöse Gruppe – aufgerufen, dann reicht ja der Verhetzungsparagraph des Strafgesetzes. Der muß allerdings dann auch auf Religionsgemeinschaften angewendet werden. Und spätestens wenn eine solche zum Töten Anders- oder Nichtgläubiger aufruft, dann ist wohl ernsthaft und dringend zu überlegen, ob diese Religion – genauso wie eine mörderische Ideologie, etwa der Nationalsozialismus – nicht zu verbieten ist.

Und weil manche über die schlechte Qualität der dänischen Karikaturen die Nase gerümpft haben: Das mag durchaus zutreffen, aber Qualität kann ja niemals ein Kriterium für Pressefreiheit sein, denn sonst müßten ja auch die meisten der peinlichen Kommentare des Chefredakteurs der Wiener Zeitung – und vieler anderer – der Zensur zum Opfer fallen. Um die Qualität der Karikaturen zu verbessern, kann der Auftrag daher höchstens lauten: „Manfred Deix, übernehmen Sie!“ Und für die gekränkten und beleidigten Gläubigen darf das friedfertige und gewaltfreie Motto gerne lauten: „Da hilft nur noch beten!“

 

Nachträgliche Anmerkungen: Glocalist Review, die digitale Wochenzeitschrift für NGO- & NPO-Management, Politik, Ökonomie und Kultur, besteht nicht mehr.

Chefredakteur der Wiener Zeitung war damals Andreas Unterberger.