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EuroPride-Nachlese

Veröffentlicht am 31. Juli 2001
2001 fand zum ersten Mal der EuroPride in Wien statt, damals vom Verein „CSD Wien“ organisiert (die HOSI Wien sollte die Durchführung der Regenbogenparade erst 2003 übernehmen). In den LN 3/2001 berichtete ich ausführlich über die äußerst erfolgreiche Veranstaltung.

Im bis zum Bersten gefüllten Veranstaltungsraum der Secession fand die Diskussion zum Film „Paragraph 175“ mit KLAUS MÜLLER, GUDRUN HAUER und (hier im Bild) Moderatorin Danielle Spera, mir und Zeitzeuge PIERRE SEEL statt.

Europa-Kolloquium im Wiener Rathaus, am Podium (v. l. n. r.): JOKE SWIEBEL, Mitglied des Europäischen Parlaments (SP, Niederlande) und Vorsitzende der EP-Intergruppe für die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen; Harald Trettenbrein, Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich; MARK BELL, Universitätslektor aus dem Vereinigten Königreich; Moderator CATHAL KELLY, Aktivist aus Irland, ich in meiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der ILGA-Europa sowie Baroness Sarah Ludford, ebenfalls MdEP (Liberale Fraktion, Vereinigtes Königreich)

Auf der EuroPride-Regenbogenparade am 30. Juni 2001 hatte die HOSI Wien auch die ILGA-Europa-Fahne auf ihrem Truck gehisst.

EuroPride war in jeder Hinsicht ein Riesenerfolg. Einerseits hat die österreichische Lesben- und Schwulenbewegung und -Community ein beeindruckendes Programm auf die Beine gestellt, das keinen Vergleich mit bisherigen EuroPrides oder anderen Großveranstaltungen zu scheuen braucht. Imponierend die Vielzahl der Veranstaltungen, wobei an dieser Stelle nur einige genannt (und nicht hervorgehoben!) sein sollen: das Wien ist andersrum-Festival, der Eröffungs-Regenbogenball, das identities-Queer-Filmfestival, die Riesen-Regenbogenflagge am Donauturm, die Herausgabe dreier einschlägiger Bücher (Der andere Blick, vgl. S. 52 in diesem Heft, Wien lesbisch. Die Stadtverführerin und Männer mag Mann eben – letztere beiden werden wir in den nächsten LN rezensieren) und natürlich die Parade mit anschließender Celebration auf dem Heldenplatz und der EuroPride-Night im Museumsquartier – jede einzelne Veranstaltung ein Ereignis für sich. Über einzelne Projekte und Veranstaltungen – Tanzturnier, Tuntathlon, Labellas, Aufschlag-Turnier, Paragraph 175-Diskussion, NS-Ausstellung, Europa-Kolloquium – berichten wir an anderer Stelle in diesem Heft (Special bzw. Feuilleton-Teil). Leider können wir aus Platzgründen nicht sämtliche EuroPride-Ereignisse und -Aktivitäten in den LN Revue passieren lassen. Ganz besondere Hochachtung muß – neben den OrganisatorInnen all dieser Einzelprojekte – dem CSD-Wien-Team um CONNIE LICHTENEGGER und VEIT GEORG SCHMIDT und ihren vielen ehrenamtlichen HelferInnen gezollt werden. Besonders erfreulich war auch die Zusammenarbeit der verschiedenen Gruppen und Initiativen, wobei sich deutlich zeigte, welche tatsächlich etwas auf die Beine stellen können und welche eher nur ein virtuelles Dasein fristen.

 

Mediale Festwochen

Schier unglaubliches Medienecho löste EuroPride ebenfalls aus. Es waren in der Tat massenmediale Homo-Festspiele, wie sie bisher höchst selten in Österreich stattgefunden haben. Wobei die reine EuroPride-Coverage kongenial ergänzt wurde durch die Berichterstattung über etliche andere Ereignisse, etwa die Diskussion über die Wiedergutmachung homosexueller NS-Opfer (vgl. Bericht S. 6), über den Paragraph 209, immer wieder neu aufs Tapet gebracht durch aktuelle Entwicklungen (vgl. Bericht ab S. 28), die Diskussion über die Lesben- und Schwulenehe (vgl. Berichte ab S. 19 und S. 22) oder über die Erwärmung von Teilen der ÖVP (vgl. Bericht ab S. 25). Und wer dachte, nach dem 1. Juli sei alles vorbei und die Sache für einige Zeit erstmals wieder ausgereizt, der hatte nicht mit der katholischen Männerbewegung gerechnet, die EuroPride fast nahtlos in eine neue Debatte über die Anerkennung gleichgeschlechtlicher PartnerInnen überführte. In Hinblick auf die öffentliche Präsenz des Themas Homosexualität muß man fast dankbar sein, daß im Opferfürsorgegesetz homosexuelle NS-Opfer immer noch nicht berücksichtigt werden, der § 209 immer noch existiert und die eingetragene Partnerschaft immer noch aussteht. Hätten wir all das schon, kein Zeitungs- und TV-Hahn würde mehr nach Lesben und Schwulen krähen!

Spitzenreiter unter den Medien in Sachen Berichterstattung waren wohl der Falter und der Standard, wobei letzterer eine spektakuläre EuroPride-Abteilung auf seinem Website einrichtete. Mit Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen hatte der Falter, der in seiner EuroPride-Auftakt-Ausgabe # 22 vom 30. 5. zwei Kerle aufs Cover rückte und Wien, Hauptstadt des schwulen Europa titelte. Abgesehen vom Genitiv-Fehler erboste diese männerzentrierte Aufmachung begreiflicherweise die Lesben und trug dem Falter auch einen Leserinbrief der HOSI-Wien-Obfrau HELGA PANKRATZ ein (abgedruckt in der # 23 vom 6. 6.). Jedenfalls besserte sich der Falter in den darauffolgenden Wochen. Kaum ein Juni-Tag verging, ohne daß der Standard zum Thema Homosexualität berichtete. Anlässe gab es, wie gesagt, genug.

Auch andere Medien widmeten dem Thema ihren Spaltenplatz – mit mehr oder weniger guten Beiträgen. profil brachte zum EuroPride-Auftakt in seiner # 23 vom 1. Juni einen vierseitigen gut recherchierten Artikel, der seinen Schwerpunkt indes auf die Geschichte legte und in einem Fall unfreiwillige Komik lieferte (die Gestapo habe die homosexuellen „Volksschädlinge“ zur Selbstkastration aufgefordert, hieß es da – darauf bestand indes nicht einmal die Gestapo). FORMAT wiederum läutete am selben Tag EuroPride mit einer FORMAT-Debatte ein. Zu Wort kam das auf solche Gelegenheiten abonnierte Stammpersonal: ALFONS HAIDER und Heide Schmidt (überraschenderweise fehlte GÜNTER TOLAR). Ebenfalls mit dabei LN-Kolumnistin ULRIKE LUNACEK und FP-Bundesrat John Gudenus, der „einige respektable Persönlichkeiten“ in seinem Bekanntenkreis hat, die homosexuell sind: „Ich habe kein Problem mit Homosexuellen, solange sie eine gewisse Diskretion wahren. (…) Paraden und Outings tragen meiner Ansicht nach jedoch eher zur Ausgrenzung der Homosexuellen bei.“ Also zurück in den Schrank zur besseren Integration!

Unter den veröffentlichten Peinlichkeiten sind hervorzuheben ein Gastkommentar eines gewissen Werner Milota in der Presse vom 30. 6. und eine Glosse des Psychologen und Psychotherapeuten Heinz Zangerle in der Tiroler Tageszeitung vom 20. Juli, der offenbar in Anspielung auf die Regenbogenparade die bange Frage stellte: Muß man der heranwachsenden Generation geradezu einhämmern, eine lasziv ausgelebte und in der Öffentlichkeit möglichst offen zur Schau gestellte Sexualität zu leben? und tatsächlich meinte: Homosexualität kann durch die Verführung seitens eines älteren Mannes ausgelöst werden. Steht zu hoffen, daß hier die zuständigen Berufsverbände aktiv werden und gegen Kollegen, die derartigen Schwachsinn verzapfen, entsprechend vorgehen. Es kann ja wohl nicht sein, daß Leute mit solchen Auffassungen als Psychotherapeuten praktizieren dürfen.

Der Presse muß man indes zugute halten, daß sie auch sehr positive Gastkommentare zum Thema veröffentlichte, etwa von Eva Weissenberger am 18. 6., Hermann Polz am 9. 7. und Kurt Becker am 11. 7.

 

Starke Medienpräsenz der HOSI Wien

Die Kommentarseiten waren in den meisten Printmedien voll von analytischen und zusammenfassenden Beiträgen über die politische Situation und die Weigerung von FPÖVP, die Anliegen von Lesben und Schwulen ernst zu nehmen. Hervorzuheben: Elisabeth Pechmann im Standard vom 2. Juli, Christopher Wurmdobler im Falter # 27 vom 4. 7., aber auch der sonst vom Autor dieser Zeilen nicht besonders geschätzte Joachim Riedl mit seinem „Schlußpunkt“ im FORMAT # 24 vom 8. Juni. Gut gemeint, allerdings nicht besonders gut war hingegen der Kommentar von Peter Michael Lingens in profil # 29 vom 16. 7.

Auch für die HOSI Wien und ihre MitarbeiterInnen waren es mediale Festwochen. Immer wieder wurden sie in den einschlägigen Zeitungsberichten zitiert, speziell im Falter und Standard. CHRISTIAN HÖGL kam außerdem in zwei Beiträgen im Ö1-Mittagsjournal am 1. und 9. Juni zu Wort, der Autor dieser Zeilen in einem Beitrag des Deutschlandradios Köln am 14. 6. Außerdem nahm er an einer von TIV am 6. Juni aufgezeichneten Echtzeit-Diskussion teil. GUDRUN HAUER wurde auf ATV in den vorbereiteten Beiträgen über das lesbisch/schwule Leben in Wien und Österreich interviewt, die die Direktübertragung der Parade auflockerten (siehe auch Bericht im Special auf S. VI).

Mehr anstrengen hätte sich übrigens der ORF können. Zwar gab es im Hörfunk und Fernsehen immer wieder Kulturberichte, insbesondere über die einzelnen Programmpunkte des Wien ist andersrum- und des Queer-Filmfestivals, aber insgesamt war die Berichterstattung im ORF dem Ereignis nicht angemessen. Die Sendung Heimat, fremde Heimat befaßte sich am 10. Juni zur Gänze mit dem Thema Homosexualität. Obwohl HOSI-Wien-Obfrau Helga Pankratz der Redaktion viel Zeit für Informationsüber- und GesprächspartnerInnen-Vermittlung widmete, kam die HOSI Wien im fertigen Beitrag mit keinem Wort vor. Manchmal ist die Ignoranz von ORF-JournalistInnen unübertrefflich. Der ORF konzentrierte sich, wie offenbar auch NEWS, eher auf den Life-Ball.

Die HOSI Wien meldete sich auch mit zwei Presseaussendungen zu Beginn des EuroPride-Monats und am Tag vor der Parade zu Wort, um vor allem auch den politischen Aspekt des Event zu unterstreichen. Auf jeden Fall konnte im Juni vom „Tabuthema Homosexualität” (NEWS # 24 vom 13. 6.) längst keine Rede mehr sein! Homosexualität war das Thema des Monats! Es ist schon erstaunlich, wie manche JournalistInnen ewig in den gleichen ausgetretenen Pfaden „weiterschreiben“ und dadurch ihre eigenen Klischees immer weiter verfestigen.

 

Pierre Seel in Wien

Im Rahmen dieser EuroPride-Nachlese möchte ich auch noch einige Anmerkungen zu den beiden Projekten machen, die die HOSI Wien mitorganisiert hat und für die im LAMBDA special nur Platz für kurze Fotoberichte gewesen ist.

Vor allem möchte ich auf diese Weise im Namen der HOSI Wien nochmals PIERRE SEEL, dem überlebenden Zeitzeugen aus dem Film Paragraph 175, dafür danken, daß er die Strapazen einer insgesamt dreitägigen Zugreise von Toulouse nach Wien und zurück auf sich genommen hat, um an der Podiumsdiskussion am 11. Juni in der Wiener Secession teilzunehmen. Nach seiner Ankunft in Wien mußte er sich tagelang ausrasten, er hat das Hotel während seines gesamten Aufenthalts von Donnerstagabend bis Mittwochfrüh außer für die Veranstaltung am Montagabend nicht verlassen (können). Er hat mir beim Abschied auch gesagt, daß es seine letzte Reise als Zeitzeuge war, er könne es nicht mehr machen, es sei zu anstrengend.

Pierre Seel war Juni 1996 das erstemal in Wien, zum erstenmal wieder in einem deutschsprachigen Land nach dem Krieg. Er besuchte „unseren Gedenkstein“ in Mauthausen und berichtete im HOSI-Zentrum über seine Erlebnisse während des Kriegs (vgl. LN 4/1996, S. 59 ff). Er besuchte das Grab von Josef K., dem Mann hinter „Heinz Heger“, auf dem Baumgartner Friedhof in Wien und lernte dessen Lebensgefährten kennen. Insgesamt nahm er so gute Erinnerungen von Wien mit, daß er sich danach entschloß, auch nach Deutschland zu fahren und als Zeitzeuge zu berichten. HOSI-Wien-MitarbeiterInnen trafen ihn auch später wieder, Gudrun Hauer bei einer Tagung in Saarbrücken im Oktober 1996, ich bei der Europa-Premiere des Films Paragraph 175 im Februar 2000 in Berlin (vgl. LN 2/2000, S. 43) und im Juli des Vorjahrs bei der Euro-Mediterranen Sommeruniversität der Homosexualitäten in Marseille. Und so hat er wohl aus Freundschaft zur HOSI Wien die heute für ihn viel anstrengendere Reise nach Wien nochmals auf sich genommen. Wer übrigens sein Buch Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen (Jackwerth-Verlag, Köln 1996) noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt nachholen – es ist wirklich eine beeindruckende Lebensgeschichte, die Pierre Seel hier erzählt.

Erfreulich jedenfalls, daß so viele – insbesondere auch junge – Leute zu der Veranstaltung gekommen sind, die ansonsten von DV8-Film, dem Organisator des identities-Filmfestivals, vorbereitet wurde. Für die Übernahme der Reise- und Aufenthaltskosten Pierre Seels konnte die HOSI Wien übrigens das Bildungsministerium gewinnen, das ein eigenes Budget für derartige Aufwendungen für ZeitzeugInnen, die zu Veranstaltungen eingeladen werden, verwaltet.

 

Europa-Kolloquium

Enttäuschend dagegen der geringe Publikumsandrang beim Europa-Kolloquium am 24. Juni im Wiener Rathaus (siehe auch Bericht im Special auf S. XI) – es verirrten sich wohl nicht mehr als 25 BesucherInnnen in den Wappensaal. Lag es daran, daß es der erste schöne Sonntag dieses Sommers war? Oder doch eher, wie wir vermuten, am Desinteresse an Politik im allgemeinen und europäischen Themen im besonderen oder gar am EuroPride-Event-Overkill im Juni? An der Bewerbung kann es nicht gelegen haben, denn außer in den offiziellen EuroPride-Infos war das Kolloquium z. B. auch im Falter, Standard (2. 6.) und FORMAT (11. 6.) angekündigt worden. Schade war das geringe Interesse allemal, denn es waren zwei sehr interessante Diskussionen – und nicht zuletzt auch wegen des mit dem Kolloquium verbundenen beachtlichen organisatorischen und finanziellen Aufwands – immerhin war auch für Simultanübersetzung Deutsch-Englisch gesorgt worden.

Und es war gar nicht so einfach, die beiden hochkarätigen Podien zusammenzustellen und Europa-Abgeordnete und ExpertInnen nach Wien zu bekommen. Unsere Anfragen wurden zum Teil auch ignoriert (z. B. reagierten die beiden EP-Abgeordneten der SPÖ Maria Berger und Hannes Swoboda auf unsere beiden E-Mails nicht), und es gab auch viele Absagen – begründete und unbegründete. Bezeichnenderweise schickte auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit in Wien keine/n Vertreter/in – wir hätten gerne den Stand der Dinge in Sachen Umsetzung der EU-Richtlinie in Österreich, durch die Diskriminierung u. a. aufgrund der sexuellen Orientierung in Beschäftigung und Beruf verboten werden muß, erfahren.

 

Resümee

EuroPride war wirklich ein Ereignis, das gezeigt hat, daß sich Österreichs Lesben und Schwule nicht länger verstecken wollen und gegen Diskriminierung vor- und auf die Straße gehen. EuroPride ließ aber auch die Regierungsparteien und allen voran den Vorsitzenden der drittstärksten Partei armselig und fast schon bemitleidenswert aussehen in ihrer Ewiggestrigkeit. Und das ist gut so!

 

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