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AIDS-Life-Ball ’95

Veröffentlicht am 25. Juli 1995
1995 löste die HOSI Wien mit ihrer Forderung nach einem ÖVP-freien Life-Ball eine öffentliche Diskussion aus, die zu einem aufschlussreichen Test über politische und grundlegende Haltungen in der österreichischen Lesben- und Schwulenbewegung wurde. Ich berichtete in den LN 3/1995.

Die Appelle der HOSI Wien halfen nichts: ÖVP-Familienministerin Sonja Moser von der ÖVP ließ sich nicht davon abhalten, auf den Gefühlen und der Menschenwürde von AIDS-Betroffenen herumzutrampeln.

Wie in den LN 2/1995, S.26 f, berichtet, hat die HOSI Wien im Jänner dieses Jahres dazu aufgerufen, für einen ÖVP-freien Life-Ball zu sorgen. Dieser Appell stieß auf wenig Gegenliebe bei den OrganisatorInnen und NutznießerInnen des Balls. Auch Modeschöpfer und Life-Ball-Zugpferd Jean-Paul Gaultier, vom Autor dieser Zeilen auf einer Pressekonferenz am 7. April dazu befragt, meinte sinngemäß, der Zweck heilige die Mittel. Man wolle auch jene nicht ausgrenzen, die selbst Lesben und Schwule ausgrenzen. GERY KESZLER gab in diversen Medien zu Protokoll, je mehr ÖVPlerInnen zum Life-Ball kämen und ihre Solidarität mit AIDS-Betroffenen zeigten, desto besser sei es.

Die HOSI Wien, in 16jähriger politischer Arbeit geschult und reich an Erfahrungen mit der ÖVP, konnte einer solchen blauäugigen Argumentation freilich wenig abgewinnen und ließ sich daher von ihrer Haltung nicht abbringen. Am 5. Mai, dem Vortag des AIDS-Life-Balls im Wiener Rathaus, appellierten wir in einem offenen Brief an Familienministerin Sonja Moser, ihre geplante Ball-Teilnahme abzusagen, denn zuvor hatten sich bereits Leute bei uns gemeldet, die wegen der drohenden Teilnahme von ÖVP-PolitikerInnen erst gar keine Karten gekauft hatten bzw. ihre Karten nicht mehr in Anspruch nehmen wollten, weil sie unter keinen Umständen mit ÖVP-PolitikerInnen gemeinsam an einer AIDS-Benefizveranstaltung teilnehmen wollten.

In einer Presseaussendung am 5. Mai bedauerten wir, daß Betroffene durch die Anwesenheit von ÖVP-PolitikerInnen von einer Teilnahme am Life-Ball abgehalten werden: Schließlich sollte er doch nicht zuletzt ein Fest für die Betroffenen sein – und nicht für PolitikerInnen, um eine Haltung zur Schau zu stellen, die ohnehin im scharfen Kontrast zu dem steht, was ihre Partei vertritt. Wir finden es auch höchst unsensibel von den Veranstaltern, daß sie nicht durch eine deutliche Abgrenzungspolitik mehr Rücksicht auf die Menschenwürde der Betroffenen genommen haben.

 

Offener Brief an Bundesministerin Moser

Und in unserem offenen Brief an Familienministerin Moser hieß es:

Die Anwesenheit von ÖVP-RepräsentantInnen auf diesem Life-Ball wäre nicht nur eine widerwärtige Heuchelei, sondern auch ein unerhörter Affront gegen die anwesenden Betroffenen. Die Teilnahme von ÖVP-VertreterInnen würde den Ball entehren und wäre eine unerträgliche Kränkung der Betroffenen…

Wenn Sie, Frau Bundesminister, nur ein wenig sensibel sind für die Gefühle unterdrückter, benachteiligter und insbesondere an AIDS erkrankter Menschen, die dank Ihrer Partei tagtäglich unter den Folgen von Diskriminierung zu leiden haben, werden Sie diese leicht nachvollziehbare Haltung sicherlich auch verstehen. Die ÖVP trägt die Hauptschuld daran, daß schwule Männer, die in Österreich die am stärksten betroffene Bevölkerungsgruppe darstellen, nach wie vor massiv diskriminiert werden…

Nichts wäre unpassender, verlogener und verabscheuungswürdiger, als daß ausgerechnet ein/e Vertreter/in dieser Partei am Life-Ball Solidarität mit den Betroffenen, den Opfern der ÖVP-Politik, heucheln wollte.

Wir fordern Sie dringend auf: Trampeln Sie nicht durch Ihre Anwesenheit auf der Menschenwürde von AIDS-Betroffenen, Schwulen und Lesben herum! Setzen Sie sich für eine Gesetzesreform und für die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ein. Erst wenn Ihre Partei dies verwirklicht hat, können Sie als glaubwürdige Mitstreiterin im Kampf gegen AIDS gelten – und dann, aber erst dann, wird man Sie und Ihre ÖVP-KollegInnen auch auf dem Life-Ball gerne sehen.

Moser blieb allerdings trotz unseres eindringlichen Appells dem Ball nicht fern. Die naive Hoffnung der Veranstalter, eine Teilnahme könnte zu einer Bewußtseinsänderung oder einem Umdenken bei den ÖVP-lerInnen führen, quasi ein Nachhilfe-Seminar in Humanismus und Toleranz sein, sollte sich nicht erfüllen: Nicht einmal drei Wochen später sagte Moser in der TV-Pressestunde (28. 5.) – geradezu, als wollte sie die Vorbehalte der HOSI Wien gegenüber der ÖVP anschaulich bestätigen –, gleichgeschlechtliche Partnerschaften könne sie nicht als Familie anerkennen!

 

Positives Medienecho

Die Haltung der HOSI Wien stieß jedenfalls auf unerwartet großes Medienecho. Ball-Chef Gery Keszler wurde in Interviews im CITY (12. 4.) und profil (29. 4.) mit der HOSI-Wien-Forderung nach einem ÖVP-freien Life-Ball ebenso konfrontiert wie Moser im Après-Ball-Bericht von NEWS (# 19 vom 11. 5.), wo sie sich wehleidig zu rechtfertigen versuchte: Sie verstehe nicht, warum jene, die Ausgrenzung anprangern, selber jemanden ausgrenzen wollen. Mittlerweile glaube ich ja, Moser kapiert tatsächlich intellektuell nicht, worum es uns geht, und meint das alles ernst, was sie sagt. Ihre Klage, daß sie von AIDS-Kranken ausgegrenzt wird, wurde postwendend mit einem HOSI-Wien-Leserbrief in NEWS # 21 bedacht: Damit hat sie sich endgültig als Heuchlerin entlarvt: Offenbar akzeptiert sie nur solche AIDS-Kranke, die brav ihre Rolle als willige Objekte für die medienwirksame Wohltätigkeit von Politikern spielen.

Auch der Falter # 19 schloß sich der HOSI-Wien-Haltung im wesentlichen an. Die Wiener Zeitung berichtete am 6. 5. lapidar über unseren offenen Brief an Moser. Einzig und allein Grün-Politikerin Madeleine Petrovic, die offenbar ein Herz für alle aussterbenden Arten hat, warf sich für die ÖVP ins Zeug und nahm sie vor der HOSI Wien in Schutz (CITY # 19). Sie machte sich aber damit trotzdem bei der ÖVP nicht beliebt, die „Strafe“ folgte auf dem Fuß: Es war gerade die Zeit, da ÖVP-Klubobmann Andreas Khol begann, die Grünen als die SympathisantInnen des Linksterrors durch die politische Landschaft zu prügeln.

 

Ziel erreicht

Die HOSI Wien hatte ihr mit dieser Aktion bezwecktes Ziel erreicht: eine öffentliche Diskussion über die unhaltbare Lesben- und Schwulenpolitik der ÖVP zu beginnen. Zusätzlich trat der eigentlich nicht erwartete Nebeneffekt ein, daß tatsächlich außer Moser keine namhaften ÖVP-PolitikerInnen am Ball teilnahmen. Zu den allseits überbewerteten und befürchteten Attacken gegen die anwesende ÖVP-Prominenz durch ACT-UP-Wien-AktivistInnen kam es nicht, da sich Moser offenbar aus den geschützten VIP-Räumen nicht hinauswagte…

Die Life-Ball-OrganisatorInnen hätten sich mit ein bißchen mehr politischem Gespür so manche Peinlichkeit ersparen können – was ihrer und unserer Sache mehr gedient hätte. Der Ball war jedenfalls ein Riesenerfolg, sowohl in ideeller als auch in materieller Hinsicht, und stieß auf beachtliches Medienecho. Man muß wirklich Hochachtung für den tollen Einsatz und die beeindruckende Arbeit von Gery Keszler und seinen MitarbeiterInnen haben. Schade, daß sie sich nicht unserer politischen Einschätzung, mit der wir recht behielten (siehe Strafrechtsreform), angeschlossen haben. Aber vielleicht tun sie es im nächsten Jahr…

 

Nachträgliche Anmerkungen: 

Im selben Heft widmete ich meinen Kommentar ebenfalls diesem Thema.

Einen kurzen historischen Abriss, wie es in dieser Frage weiterging, habe ich in einem Blog-Beitrag am 2. März 2020 zusammengestellt.

 

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