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„Rückfallstäter“ Kirche

Erschienen am 8. April 1988

Nun sind sie wieder vorbei, die Gedenkfeiern und die allerorten und allseits zur Schau getragene offizielle Zerknirschung über das, was vor fünfzig Jahren und in den sieben danach geschah.

Hätte die HOSI Wien nicht S 40.000,– investiert – die homosexuellen Opfer des (machen wir uns trotz aller Gedenkfeierlichkeit nichts vor:) von der Mehrheit der Österreicher mit Jubel willkommen geheißenen Greuelregimes wären im Gedenktaumel völlig untergegangen. Durch die Plakataktion ist es uns wenigstens in Wien gelungen, diese Opfer einigermaßen ins öffentliche Bewußtsein zu rücken.

Während das offizielle Österreich also Betroffenheit zumindest vorgab, war nur eine Institution offenkundig der Meinung, auch hier nicht im Trend liegen zu müssen und auf den letzten Schrei der diesjährigen Frühjahrsmode, das reuige Büßergewand, verzichten zu können: die katholische Kirche. Dabei stünde es gerade ihr nun wirklich besonders gut (an)! 2000 Jahre hat die katholische Kirche durch ihre Zwangsdoktrin, durch Antisemitismus und Antihomosexualität den Boden für den Haß und die Vorurteile aufbereitet, die dann schließlich direkt zum Holo- und Homocaust führten.

Das Gedenkjahr 1988 hätte ein idealer Anlaß für die Kirche sein können, in sich zu gehen und sich der eigenen Sünden bewußt zu werden. Aber was tun die katholische Kirche und ihre öffentlich in Erscheinung tretenden Funktionäre? Sie haben im Gedenkjahr nichts Besseres zu tun, als weiter Haß und Vorurteile zu säen. Der Teufel reitet wieder. Angesichts des bevorstehenden Papstbesuches wittert man sichtlich Morgenluft

Katholische Kreise wollen ausgerechnet in diesem Gedenkjahr mit aller Macht die Verankerung von Ehe und Familie in der Verfassung durchsetzen. Katholische Kreise verhinderten just im Gedenkjahr die Herabsetzung des diskriminierenden Schutzalters für Homosexuelle von 18 auf 16 Jahre. Katholische Kreise haben mit dem ihnen eigenen Taktgefühl mitten im Gedenken nichts Wichtigeres zu tun, als dafür zu sorgen, daß die HOSI Wien wegen „Werbung“ angezeigt wird, weil sie sich „erdreistete“, Briefe an die Schulsprecher zu schicken. Die Abweisung des Individualantrags gegen § 209 StGB durch den Verfassungsgerichtshof fügt sich da natürlich bestens ins feierliche Gedenk-Bild und entlarvt es als verlogene potemkinsche Fassade.

Es ist höchst an der Zeit, wieder vehementer die Trennung von Kirche und Staat zu fordern. Ich habe nichts gegen Katholiken und ihren Glauben, aber wenn sie glauben, sie müßten diesen allen Einwohnern dieses Landes aufoktroyieren und Österreich in eine fanatische, fundamentalistische Republik im Stile von Khomeinis islamischer in Persien verwandeln, dann habe ich sehr wohl etwas dagegen.

 

 

 

Kurts Leidartikel LN 2/1988

Nachträgliche Anmerkungen

Bei der erwähnten von der HOSI Wien finanzierten Plakataktion handelte es sich um die Affichierung von rund 1000 Plakaten (siehe Faksimile) von Mitte März bis Mitte April 1988 auf den entsprechenden Werbeflächen in den städtischen Bussen und Straßenbahnen in Wien.

Was die Sabotage der Strafrechtsreform betrifft, spiele ich auf folgenden Vorfall an: Der Entwurf des Justizministeriums für ein Jugendgerichtsgesetz 1988 sah die Herabsetzung der Altersgrenze im § 209 auf 16 Jahre und die Aufhebung des § 210 vor. Nachdem ein Bischof diesbezüglich bei ihr angerufen hatte, legte ÖVP-Familienministerin Marilies Flemming ihr Veto im Ministerrat ein. Vergleiche auch die Chronik der Bemühungen zur Abschaffung von § 209. „Zur Strafe“ besetzte der „Rosa Wirbel“ am 1. Dezember 1988 Flemmings Büro.

Die Verankerung von Ehe und Familie in der Verfassung konnte indes verhindert werden, nicht zuletzt durch eine damals ideologisch noch gefestigte SPÖ. Johanna Dohnal war Frauenstaatssekretärin im Bundeskanzleramt, es regierte eine große Koalition. Auf ihrer 9. ordentlichen Generalversammlung hatte die HOSI Wien eine Resolution gegen dieses Vorhaben der ÖVP verabschiedet (vgl. LN 2/1988, S. 7).

Der von mir hier verwendete Begriff „Homocaust“ war ein schwerer Fauxpas, ein Vergleich mit dem Holocaust völlig daneben. Aber in den Anfängen waren uns die Dimensionen nicht so wirklich klar. Erst mit der einsetzenden wissenschaftlichen Forschung änderte sich das. Anfangs,1980, gingen wir auch mit einem Transparent auf die Straße, auf dem zu lesen war: „300.000 Homosexuelle in Nazi-KZs gemordet“. Das stimmte zwar inhaltlich, wenn man von einem Anteil von 5 % Homosexuellen an der Gesamtbevölkerung und von 6 Millionen in den Konzentrationslagern ermordeten Menschen ausgeht (aufgrund dieser Rechnung kam offenbar die evangelische Kirche Österreichs zu dieser Zahl, die meines Wissens von ihr in Umlauf gebracht worden war), aber natürlich ist diese Zahl irreführend. Wegen ihrer homosexuellen Orientierung wurden – wie man später erforschte – weit weniger Menschen ermordet (man schätzt rund 16.000); vergleiche dazu die Sektion zum Nationalsozialismus auf dieser Website.