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IGA-Tagung in Straßburg

Veröffentlicht am 21. Juni 1982
Die IGA-Tagung zu Ostern 1982 in Straßburg war ein ziemlicher Aufreger. Sie wurde aus dem gebuchten Tagungsheim ausquartiert und stand quasi auf der Straße. Der Bischof der Stadt wetterte gegen die schwul-lesbische Zusammenkunft und bezeichnete Homosexualität als Krankheit. Ich berichtete darüber in den LN 3/1982. Die Aussagen des Bischofs waren im übrigen einer der Auslöser für Pierre Seel, als Homosexueller und auch als KZ-Überlebender herauszukommen (vgl. LN 4/1996, S. 59 ff).

REINHARDT BRANDSTÄTTER (1952–1992), JUAN ESTEBAN LÓPEZ und JOHN CLARK, Teil der vierköpfigen HOSI-Wien-Delegation, froren auf dem Campingplatz in Straßburg.

Ausschnitt aus der „Wochenpresse“ vom 13. April 1982. Die geplante Blumenstraußniederlegung war aufgrund der im Beitrag geschilderten widrigen Umstände allerdings ausgefallen.

Vom 9. bis 12. April 1982 fand in Straßburg das europäische Vorbereitungstreffen der International Gay Association – Internationalen Vereinigung lesbischer Frauen und schwuler Männer (IGA) für ihre 4. Jahreskonferenz, die vom 12. bis 17. Juli 1982 in Washington abgehalten wird, statt. Von der HOSI Wien waren vier Leute in Frankreich.

Das Treffen begann leicht chaotisch: Denn vier Tage vor Beginn der Tagung hatte der Bischof der Stadt die Tagung aus dem Heim „des jungen christlichen Arbeiters“, wo das Treffen abgehalten und die Teilnehmer untergebracht werden sollten, aus „sittlichen Gründen“ ausquartiert.

Léon-Arthur Elchinger [1908–1998], der Bischof, gerade aus dem Vatikan zurückgekehrt, hatte erklärt: Ich betrachte Homosexualität als Krankheit („infirmeté“). Ich respektiere die Homosexuellen, wie ich die Kranken respektiere. Aber wenn sie ihre Krankheit in Gesundheit verwandeln wollen, dann kann ich nicht mehr zustimmen.

In der gaullistisch regierten Hauptstadt des Elsaß, einer der schwärzesten Gegenden Frankreichs, war auch kein Ersatzquartier aufzutreiben. Alle dafür in Frage kommenden Lokalitäten gehören entweder der Kirche oder der Gemeinde oder sind Luxushotels. Schließlich schickte der Innenminister die Armee, die mit Zivilschutzausrüstung am Campingplatz ein paar große Zelte mit Betten aufstellte. Angesichts der ungemütlichen Temperatur (in der Nacht fror es) zogen es die HOSIaner vor, sich in einem Hotel einzumieten.

Die Medien stiegen sofort ein. Sechs Tage lang berichteten Zeitungen, Radio und TV über die IGA-Tagung. Gierig stürzten sie sich auf die Äußerungen des Bischofs, der für seine extremen Haltungen in ganz Frankreich berühmt-berüchtigt ist, und machten die Heuchelei der Kirche von wegen Nächstenliebe und Nichtabweisung von Herbergssuchenden zum Gegenstand ihrer ironischen Polemiken. Selbst der Leitartikler der Monde spottete über Theorie und Praxis der Kirche hinsichtlich ihrer eigenen Lehren.

Bischof und Stadtverwaltung haben es wahrscheinlich angesichts der einhelligen Negativpublizität in den französischen Medien bitter bereut, die Homosexuellen rausgeschmissen zu haben. Straßburg, das so auf seinen Ruf als europäische Stadt bedacht ist, hat sich von einer Seite gezeigt, die eher an ein Provinzkaff erinnert.

Den Rest gab den Stadtvätern wohl die Presseaussendung des Präsidenten des Sozial- und Gesundheitsausschusses des Europarats, Peter Büchner [SPD; 1943–2009], in der er die Vorfälle beklagt, die den Prinzipien der Toleranz und der Menschenrechte Hohn sprechen, für die sich die Kirche für gewöhnlich so sehr einsetzt, und die umso ernster sind, als sie in Straßburg passiert sind, einer Stadt also, die ständig an ihre europäische Berufung und die Bedeutung der Menschenrechte erinnert.

Den Bischof verklagten einige Gruppen und rund hundert Einzelpersonen wegen übler Nachrede („diffamation“), da er Homosexuelle als krank bezeichnet hat.

Am Samstagmorgen fand das erste Plenum im ungeheizten Pavillon des Campingplatzes statt. Man kam zum Schluß, daß man in dieser Atmosphäre nicht arbeiten könne. Man beauftragte die Organisatoren daher, Konferenzräume zu finden. Angesichts des Durcheinanders wurde auch auf die geplante Gedenk-Blumenstraußniederlegung an jener Stelle in Straßburg, an der vor drei Jahren Außenminister Willibald Pahr (SPÖ) während eines nächtlichen Spaziergangs überfallen worden war, verzichtet [vgl. „Presseausschau“ auf S. 15 ff in diesem Heft bzw. obenstehendes Faksimile]. Allein die Ankündigung habe – laut Le Matin und Libération vom 8. April – in diplomatischen Kreisen Straßburgs für Aufregung gesorgt.

Am Nachmittag wurde die Konferenz dann in den Räumen des Vier-Sterne-Hotels Sofitel fortgesetzt. Die Tagung, an der übrigens auch die belgische Lehrerin ELIANE MORISSENS (vgl. LN 2/1982, S. 27 f) teilnahm, verlief von da an ohne Komplikationen. Am Karsamstagabend hielten die Kongreßteilnehmer eine Kundgebung vor dem Straßburger Münster ab. Wir führten ein Transparent mit – „Schöne Grüße von den Kranken. Auf Wiedersehen in Lourdes“ – und verteilten rosarote Flugblätter an die Gläubigen, die die Kathedrale nach der Messe verließen.

Sonntag und Montag wurde in den Workshops gearbeitet. Diskutiert wurden vor allem IGA-Strukturen und die schlechten Finanzen. Organisationen und Städte wurden für die nächste Runde im IGA-Sekretariate-Ringelspiel genannt. Andere Arbeitskreise beschäftigten sich mit künstlicher Befruchtung für lesbische Frauen, Adoption und Elternschaft und Konferenzplanung. Die HOSI Wien präsentierte ihren Vorbericht zum Eastern Europe Information Pool (EEIP). Die IGA beschloß auch, bei den Vereinten Nationen um Beraterstatus anzusuchen – die Frist dafür lief am 1. Juni ab.

 

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