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Ergebnisse der EU-weiten LSBT-Studie präsentiert: Diskriminierung nach wie vor ein massives Problem

Veröffentlicht am 28. Juni 2013
2012 führte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) eine Studie über die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgenderpersonen in allen 27 EU-Staaten sowie Kroatien durch. Ich war einer der nationalen ExpertInnen, die die FRA dabei beraten und unterstützt haben. In den LN 3/2013 fasste ich die Ergebnisse zusammen, die am 17. Mai 2013 in Den Haag präsentiert wurden.

Morten Kjærum, Direktor der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), präsentierte die Ergebnisse der EU-weiten Umfrage am 17. Mai 2013 in Den Haag...

...im Anschluss daran gab es eine Podiumsdiskussion mit (v. l. n. r.) der polnischen Staatssekretärin Agnieszka Kozłowska-Rajewicz, ILGA-Europa-Geschäftsführerin Evelyne Paradis, der ungarischen EP-Abgeordneten Kinga Göncz (zugleich auch stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres), der irischen Gleichstellungsministerin Kathleen Lynch sowie mit Europarats-Expertin María Ochoa-Llidó. Die grüne EP-Abgeordnete ULRIKE LUNACEK schickte eine Video-Botschaft.

Im Vorjahr hatten Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgenderpersonen in allen 27 EU-Staaten sowie in Kroatien die Möglichkeit, einen Online-Fragebogen auszufüllen und dadurch an einer EU-weiten LSBT-Umfrage teilzunehmen (vgl. LN 2/2012, S. 33). Auch die HOSI Wien rührte die Werbetrommel für diese Studie, die von der in Wien ansässigen Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) durchgeführt wurde. Der Autor dieser Zeilen war übrigens einer der nationalen ExpertInnen, die die FRA dabei beraten und unterstützt haben.

Rund 93.000 Personen in allen EU-Mitgliedsstaaten sowie Kroatien haben sich schließlich an der Studie beteiligt. Sie ist damit die umfassendste Umfrage, die jemals in Europa zu diesem Thema durchgeführt wurde. Die Grundrechtsagentur hat bewusst den Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie (IDAHO) am 17. Mai gewählt, um im Rahmen einer Tagung in Den Haag die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Untersuchung zu präsentieren. Bei dieser Veranstaltung war die HOSI Wien durch den Autor dieser Zeilen vertreten. [Anmerkung: Die deutsche Fassung des Berichts steht hier zum Download bereit.]

 

Österreich nur im Mittelfeld

Und diese Resultate (siehe unten) sind nicht besonders erfreulich, auch nicht für Österreich. Bei den meisten Ergebnissen liegt Österreich gerade einmal am EU-Durchschnitt bzw. meist sogar knapp darunter. Diese Erkenntnisse müssen auch gerade der HOSI Wien zu denken geben, denn oft sind wir ja verleitet, aus unserer doch privilegierten Lage in Wien und unserem Umfeld als offen(siv) lebende AktivistInnen Schlussfolgerungen für den Rest des Landes zu ziehen. Aber offenkundig bewegt man sich in der LSBT-Bewegung in der Großstadt doch auch in einer Parallelwelt, die mit dem Alltag der „gewöhnlichen“ homosexuellen Frauen und Männer nicht immer viel gemein hat.

Trotz mancher methodischer Nachteile war daher gerade diese anonyme Online-Befragung eine besonders geeignete Form, eben auch die Erfahrungen von jenen Lesben, Schwulen und Transgenderpersonen zu erheben, die sich nicht vorwiegend in der LSBT-Community bewegen. Eine total repräsentative empirische Untersuchung unter LSBT-Personen wird es ja ohnehin nie geben können. Jedenfalls muss man die Kritik an dieser Methode, wie sie dann prompt auch in österreichischen Medien – etwa durch Michael Prüller in der Presse am 18. Mai – geäußert wurde, zurückweisen. Das ist ein etwas zu billiger Versuch, die Ergebnisse – und vor allem die sich daraus ergebenden Forderungen an die Politik, durch geeignete Maßnahmen Abhilfe zu schaffen – nicht ernst nehmen zu müssen. Diese umfangreiche Grundlagenforschung durch die FRA-Studie ermöglicht es nämlich erst, das Ausmaß der Diskriminierung besser einschätzen zu können.

 

ÖVP blockiert

Es ist der FRA auch hoch anzurechnen, dass sie auch gleich Empfehlungen an die Politik abgibt, wie diese massiven Diskriminierungen durch gesetzliche und andere Maßnahmen bekämpft werden können. „Eine dieser vorgeschlagenen Maßnahmen ist die Vereinheitlichung beim Diskriminierungsschutz, der auch in Österreich immer noch im Argen liegt“, was CHRISTIAN HÖGL in einer Aussendung der HOSI Wien am 17. Mai betonte: „Trotz Aufforderung durch den UNO-Menschenrechtsrat und jetzt durch die Schlussfolgerungen der EU-Studie steht die ÖVP auf der Bremse und weigert sich nach wie vor standhaft, Lesben und Schwulen denselben gesetzlichen Diskriminierungsschutz einzuräumen, wie er aufgrund des Geschlechts, der ethnischen Herkunft oder einer Behinderung bereits gilt. Die ÖVP muss sich daher den Vorwurf gefallen lassen, mit schuld am schlechten Abschneiden Österreichs zu sein. Wir fordern die ÖVP daher einmal mehr dringend auf, diesem sogenannten Levelling-up beim Schutz vor Diskriminierung außerhalb der Arbeitswelt zuzustimmen.“

 

DIE WICHTIGSTEN ERGEBNISSE IM ÜBERBLICK

 Etwa die Hälfte (47 %) aller LSBT-Personen, die an der Umfrage teilnahmen, haben innerhalb eines Jahres vor der Umfrage persönlich Diskriminierung oder Belästigung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erfahren.

 Mehr als 80 % der UmfrageteilnehmerInnen in allen EU-Mitgliedstaaten erinnerten sich an negative Bemerkungen oder Mobbing gegenüber jugendlichen LSBT-Personen in der Schule.

 Zwei Drittel (67 %) aller UmfrageteilnehmerInnen haben ihre sexuelle Orientierung während ihrer Schulzeit bis zum Alter von 18 Jahren häufig oder immer verheimlicht bzw. verschwiegen.

 Jede/r fünfte Teilnehmer/in, die/der in den 12 Monaten vor der Umfrage beschäftigt und/oder auf Stellensuche war, fühlte sich hierbei diskriminiert. Bei der Gruppe der Transgenderpersonen erhöht sich diese Zahl auf ein Drittel.

 Von den TeilnehmerInnen, die im Jahr vor der Umfrage ein Café, ein Restaurant, eine Bar oder einen Nachtclub besucht hatten, gab etwa ein Fünftel (18 %) an, sich in diesem Zeitraum dabei aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert gefühlt zu haben.

 Ein Viertel (26 %) aller UmfrageteilnehmerInnen war in den vorangegangenen fünf Jahren Opfer von Angriffen oder Gewaltandrohungen geworden.

 Etwa ein Drittel aller teilnehmenden Transgenderpersonen ist im Jahr vor der Umfrage mehr als drei Mal Opfer von Gewalt oder Gewaltandrohungen geworden.

 Eine Mehrheit der UmfrageteilnehmerInnen, die in den 12 Monaten vor der Umfrage Gewalt erfahren hatten (59 %), gab an, dass der letzte Angriff bzw. die letzte Gewaltandrohung teilweise oder vollständig deshalb stattgefunden habe, weil sie als LSBT-Person wahrgenommen worden seien.

 Weniger als ein Fünftel (17 %) brachte den jüngsten Vorfall von hassmotivierter Gewaltanwendung ihnen gegenüber bei der Polizei zur Anzeige. Etwa 66 % der UmfrageteilnehmerInnen in allen EU-Mitgliedsstaaten wagen es nicht, in der Öffentlichkeit die Hand ihres gleichgeschlechtlichen Partners zu halten. Bei homo- und bisexuellen Männern lag dieser Anteil bei 74 % bzw. 78 %.

 Mehr als vier Fünftel aller UmfrageteilnehmerInnen gaben an, dass beiläufige Witze über LSBT-Personen im Alltag weit verbreitet seien.

 Knapp die Hälfte aller TeilnehmerInnen an der Umfrage war der Meinung, dass beleidigende Äußerungen gegenüber LSBT-Personen durch PolitikerInnen in ihrem Heimatland weit verbreitet seien.

 

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