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Sprachpolizei

Erschienen am 27. April 2012

Für mich warf ein Teil der Reaktionen auf Jan Feddersens Einwurf in den LN 1/2012 (vgl. Editorial auf S. 8) in erster Linie wieder einmal ein Schlaglicht auf den meiner Ansicht nach äußerst problematischen Umgang mit Sprache. Einerseits muss ich immer wieder mitleidig den Kopf schütteln, wenn ständig neue, meist jedoch völlig lächerliche oder dumme Begriffe erfunden werden, um die alten – und offenbar allein weil als verbraucht und abgenützt zugleich auch als negativ und pejorativ empfundenen – Begriffe zu ersetzen. Damit haben wir uns in den LN übrigens schon öfter auseinandergesetzt, am umfassendsten in einem Schwerpunkt in den LN 3/1997 (S. 78–86). Andererseits stört es mich, wenn LSBT-AktivistInnen sich kämpferisch von bestimmten Begriffen distanzieren, ohne dabei zu bemerken, dass sie damit andere Gruppen noch weiter ausgrenzen. Und zum dritten gibt es dann das etwas harmlosere Phänomen des gedankenlosen Gebrauchs von Sprache.

Natürlich wissen auch wir in der LN-Redaktion, dass der politisch korrekte Ausdruck „Geschlechtsanpassung“ heißt und „Geschlechtsumwandlung“ verpönt ist. Dennoch weigern wir uns, letzteren Begriff völlig aus unserem Sprachschatz auszumerzen und werden ihn auch weiterhin – allein wegen der sprachlichen Abwechslung – verwenden. Ist diese Kritik seitens dogmatischer Hardliner noch nachvollziehbar und verständlich, ist die auch in den Leserbriefen geäußerte Ablehnung, Wörter wie „Patient“ oder „(um-)operieren“ zu verwenden, mehr als problematisch. Da tappt man in eine Falle, denn was ist so schlimm daran, „Patient/in“ zu sein oder sich einer Operation zu unterziehen? Das führt direkt zu (weiterer und verstärkter) Stigmatisierung von anderen, in diesem Fall eben von Kranken. Das sollte man sich schon überlegen.

Nur milde lächeln kann ich, wie gesagt, über gequälte modische Neuschöpfungen. Selten habe ich etwa ein dümmeres Wort gehört wie „transident“. Was soll das sein? Ident(isch) heißt doch „völlig gleich“ bzw. „gleichbedeutend“. Das kann doch wohl nicht gemeint sein? „Ident“ hat doch mit „Identität“ nichts zu tun. Sprachlich ist zumindest für mich „transident“ daher völliger Schwachsinn. Das erinnert mich an die ewigen Bemühungen, alle paar Jahre ein neues Wort für „schwul“ zu kreieren. Wir haben uns sowohl als HOSI Wien als auch in den LN gegen diese Modeerscheinungen erfolgreich gewehrt. So haben wir etwa nie „gay“ verwendet, diese übelste aller Strategien zur Vermeidung des S-Wortes – daher verwenden wir auch „LSBT“ und nicht „LGBT“! Und wir weigern uns auch – außer eben gelegentlich zwecks Variation, aber nie als Ersatz für „schwul“! –, das blödsinnige Konstrukt „gleichgeschlechtlich“ (oder auch „anders) l(i)ebend“ zu benutzen. Während man sich unter „gleichgeschlechtlich liebend“ – à la rigueur – ja noch etwas vorstellen kann, ist es wohl schwierig, „gleichgeschlechtlich zu leben“ – außer im hermetisch abgeschlossenen Nonnen- oder Mönchskloster. Und leben die Heteros dann verschiedengeschlechtlich?

Auch gewisse Formen sprachlicher Zeichen, wie etwa das unterstrichene Spatium zum Gendern bzw. zur Benennung aller Minderheiten jenseits heterosexueller Männer, wie es seit einiger Zeit in vermeintlich politisch korrekten Texten vorkommt, werden wohl stets ephemere Phänomene bleiben. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sich Minderheiten auf Dauer durch eine unterstrichene Leerstelle repräsentiert sehen (wollen). Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sich jemand etwas Neues ausdenken und mit besten akademischen Argumenten diese aktuell angesagte Form wieder in Grund und Boden verteufeln wird. Wir in der LN-Redaktion haben indes beschlossen, weiterhin mit einem Binnen-I zu gendern, und finden, dass es keine sprachliche Form gibt, mit der man alle Minderheitengruppen (von Behinderten bis MigrantInnen) in einzelnen Wörtern sichtbar machen könnte. Der unterstrichene Zwischenraum kommt uns also nicht ins Heft!

Ein ähnliches Phänomen gibt es ja jetzt in Verbindung mit Trans(gender)personen: Im bemühten Versuch, die vielfältigen Formen von Transsexualität und „Transgenderismus“ sprachlich zu erfassen, schreiben viele jetzt von „Trans*“, und zwar egal, ob als Adjektiv oder in zusammengesetzten Hauptwörtern verwendet. Ich frage mich indes, warum ausgerechnet ein Asterisk (*) und keine Raute (#) oder ein Plus (+) – es gibt doch heute so viele Sonderzeichen auf einer PC-Tastatur? Wer darf das eigentlich bestimmen und festlegen?

Natürlich beeinflusst Sprache das Denken – und umgekehrt. Aber jemand, der/die nicht weiß, was „transsexuell“ oder „transgender“ bedeutet, wird „transident“ oder „Trans*“ nicht besser verstehen oder möglicherweise vorhandene Vorurteile mit der Verwendung neuer Begriffe gleich ablegen. Wir sollten uns diesbezüglich keinen Illusionen hingeben, nicht ständig neue Begriffe erfinden, was die Leute ohnehin bloß mehr verwirrt, sondern die dafür eingesetzte Energie für sinnvollere Aktivitäten verwenden.

Que(e)rschuss LN 2/2012