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All-inclusive Konsumhaltung

Erschienen am 10. Dezember 2010

Die von der österreichischen Post AG herausgegebene Sonderbriefmarke zur Jubiläums-Regenbogenparade

Sicherlich – alles lässt sich verbessern, man sollte nie mit dem Erreichten zufrieden sein, Ausruhen auf Lorbeeren bedeutet Stillstand. Das gilt natürlich auch für Veranstaltungen wie die Regenbogenparade.

Dennoch muss man auch als Paradenveranstalter/in nicht allen unverschämten Ansprüchen und der totalen Konsumhaltung von Leuten nachgeben, die eine Demo offenbar mit einem All-inclusive-Urlaub in der Dritten Welt verwechseln, wo sie von ausgebeuteten DienstbotInnen von vorn und hinten bedient werden. Denn neben konstruktiver und berechtigter Kritik in der Online-Umfrage zur Parade gab es einige Rückmeldungen, über die ich jedenfalls nur den Kopf schütteln konnte. Da wünschen sich tatsächlich manche Kritiker auch entlang der gesamten Paradenstrecke alle paar hundert Meter Mobilklos. Und natürlich immer wohlgekühlte Getränke auch bei 30 Grad im Schatten. Was kommt als nächstes? Abholung von zu Hause mit dem Limousinenservice und Transfer zum Paradentreffpunkt, wo man nur mehr auf den fertig dekorierten Truck klettern muss?

Entlang der Paradenstrecke gibt es nicht nur alle paar Meter Imbissbuden jeder Art und sonstige Verkaufsstellen für Getränke, sondern auch genug (öffentliche) Toiletten in U-Bahnstationen, Museen, Lokalen, Hotels, der Universität etc. Und ich frage mich, wie diese Leute eigentlich ihren Alltag bewältigen. Waren die noch nie auf einer Wanderung? Kommen die nicht auf die Idee, zu Hause ein paar wichtige Utensilien, wie Sonnenhut, Regenschirm und vielleicht eine Flasche Wasser einzupacken, bevor sie auf die Parade gehen?

Ein anderes Kapitel ist die Kritik am Showprogramm bei der Celebration. Abgesehen davon, dass ich persönlich ohnehin erst gar nicht erwarte, dass die Musikauswahl für eine solche Veranstaltung meinen Musikgeschmack treffen könnte (wobei ich dann doch immer wieder auch sehr positiv überrascht bin), finde ich die offenbar weitverbreitete Vorstellung, dass es für ein derart heterogenes Publikum überhaupt ein Musikprogramm geben könnte, das allen gefällt, nachgerade grotesk. Bei der Celebration handelt es sich ja nicht um ein Konzert, zu dem nur ausgewiesene Fans der auftretenden KünstlerInnen gezielt hingehen.

In obige Kategorie fällt für mich auch der mehrfach geäußerte Wunsch nach noch größeren Namen für das Showprogramm – als spielten Jazz-Gitti, Rounder Girls, Jimmy Somerville, Marianne Mendt, Marla Glen, Right Said Fred, Kosheen, Lutricia Mc-Neal oder Lou Bega, die in den letzten Jahren auf der Celebration-Bühne standen, in der Unterliga des Show-Biz!

Aber selbst wenn die HOSI Wien bzw. die Lesben- und Schwulenbewegung in Geld schwömme und sich absolute Superstars leisten könnte, was sie ja leider nicht tut, müsste man trotzdem überlegen, ob man Unsummen für große Namen auf der Celebration ausgeben will oder dieses Geld doch besser für wichtigere Dinge verwenden sollte, etwa zur Unterstützung von Projekten oder Paraden in Ländern, wo die Bewegung einen schlechteren Stand hat als in Österreich. Noch dazu, wo es eine Woche vor der Parade mit dem Donauinselfest immerhin drei Tage lang einen Gratis-Konzertmarathon gibt, bei dem ohnehin schon alles, was in der Musikszene Rang und Namen hat, aufgetreten ist. Da muss man eine Woche später auf der Celebration nicht unbedingt um jeden Preis schon wieder ein Konzertprogramm der Superlative bieten!

Ich fürchte, dass sich diese Spirale – egal, welche Ausgaben noch getätigt und welche Anstrengungen noch unternommen werden, um die immer absurderen Forderungen der Motz-Fraktion nach einer allumfassenden Rundumbetreuung zufriedenzustellen – nie zu drehen aufhören wird. Daher sollte man den Leuten beizeiten wieder zu Bewusstsein bringen, dass die Parade eine Demo ist und die Celebration deren Abschlusskundgebung (und kein Open-Air-Popkonzert) – und dass daher jedenfalls abzuwägen ist, welche Finanzmittel wofür verpulvert werden oder nicht – ganz unabhängig davon, ob sie vorhanden wären oder nicht. Das nennt man Prioritätensetzung. Auf den hemmungslosen Konsumtrip politisch „bewusstloser“ Schwuler Rücksicht zu nehmen stellt für mich jedenfalls keine oberste Priorität dar.

Que(e)rschuss LN 5/2010