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Waltraud Riegler: Zehn Jahre Obfrau der HOSI Wien

Veröffentlicht am 23. April 2001
Im März 2001 stellte Waltraud Riegler nach zehn Jahren ihre Funktion zur Verfügung und kandidierte auf der Generalversammlung nicht mehr als Obfrau. Für ihr Verdienste um den Verein wurde ihr die Ehrenmitgliedschaft verliehen. In den LN 2/2001 verfasste ich eine Würdigung ihrer Arbeit für den Verein (hier Text auch als PDF). Im November 2009 erhielt Waltraud das Bundes-Ehrenzeichen für hervorragende Leistungen in den Bereichen Toleranz und Menschenrechte (vgl. Aussendung).

WALTRAUD und GUDRUN HAUER am 23. September 1992 bei Bundeskanzler Franz Vranitzky. Erstmals in der Geschichte wurden VertreterInnen der Lesben- und Schwulenbewegung von einem österreichischen Bundeskanzler zu einem Gespräch empfangen.

WALTRAUD bei der Befreiungsfeier in Mauthausen 1990

WALTRAUD beim Lesbenfußballmatch aus Anlass der „Lesbisch-Schwulen Festwoche“ 1991 (Achtung Tippfehler im Original-Layout!) – neben ihr HELGA PANKRATZ (1959–2014), ihre Nachfolgerin als HOSI-Wien-Obfrau

Am 16. November 2009 wurde Waltraud von Unterrichtsministerin Claudia Schmied das Bundes-Ehrenzeichen 2009 für hervorragende Leistungen in den Bereichen Toleranz und Menschenrechte verliehen.

WALTRAUD RIEGLER stieß 1982 zum Verein und engagierte sich in den ersten Jahren insbesondere in der Lesbengruppe, wurde ihre langjährige Delegierte bzw. Referentin im Vorstand sowie später auch Lesbensekretärin, kümmerte sich um die Anliegen der Frauen im Verein, hielt Kontakt zu anderen Lesbengruppe im In- und Ausland, organisierte vielfältige Aktivitäten inner- und außerhalb des Vereins, etwa 1984, 85, 87 bzw. 89 das Erscheinen des 2., 6., 9. und 12. (und letzten) Österreichischen Lesbenrundbriefs, der etliche Jahre herauskam, wobei die Herausgeberschaft unter verschiedenen Lesbenprojekten in Österreich „rotierte“. Waltraud arbeitete auch an mehreren Österreichischen Lesbentreffen mit (dem 6. 1987, dem 8. 1989 und dem 9. 1991). Und sie war auch schon beim (aller-)ersten gesamtösterreichischen Lesben- und Schwulentreffen 1983 in Linz mit von der Partie. 1990 initiierte sie schließlich das erste Lesbenfußballmatch in Wien.

Sie betreute auch den sogenannten „Gewista“-Fall, der 1988 großen Staub aufwirbelte: Die städtische Werbeflächen-Firma weigerte sich, gegen Bezahlung auf Straßenbahnen Spruchtafeln mit der Aufschrift Lesben sind immer und überall anzubringen.

Waltrauds Stärke ist immer das konsequente Durchziehen zum Teil höchst arbeitsintensiver Projekte und Veranstaltungen gewesen. Über die Jahre sind es wohl hunderte gewesen, an deren Durchführung sie beteiligt war. Waltraud hat sich dabei stets als große Organisatorin und „Checkerin“ erwiesen, auf die Verlaß war. Wenn sie involviert war, klappte alles, ging nichts schief. Und das traf sowohl auf die unzähligen kleineren und größeren Projekte, wie die Veranstaltungen im HOSI-Zentrum oder die Teilnahme an zahlreichen Demonstrationen und Regenbogenparaden genauso zu wie auf Dauerprojekte (z. B. die Mitarbeit an den Warmen Wochen und den LAMBDA-Nachrichten) und die auch nicht wenigen herausragenden Riesenprojekte, die die HOSI Wien in all den Jahren realisiert hat und an deren Durchführung Waltraud maßgeblich und unermüdlich beteiligt war – wie die ILGA-Weltkonferenz 1989, die ILGA-Osteuropakonferenz 1993, das ILGA-Europa-Seminar 1999, die beiden Buchprojekte der HOSI Wien 1989 und 1996, die Großrenovierungen des HOSI-Zentrums oder das 20-Jahr-Fest der HOSI Wien im Wiener Rathaus im Vorjahr – überall hat Waltraud ihre Ausdauer und organisatorischen Fähigkeiten voll eingesetzt.

Die aufreibende Kleinarbeit entzieht sich ja meist völlig der Wahrnehmung durch die Umwelt. Es ist völlig ausgeschlossen, all die Projekte hier aufzuzählen, an denen Waltraud in den 19 Jahren ihres Engagements in der HOSI Wien und in den zehn Jahren ihrer Obfrauschaft federführend beteiligt war. Allein die Podiumsdiskussionen, Ausstellungen und anderen Veranstaltungen, die sie mit vorbereitet hat, sind viel zu zahlreich. Und da wären ja auch noch die vielen PR- und anderen Öffentlichkeits- sowie Vortrags- und Medientermine aufzuzählen, die sie selber wahrgenommen hat. Unmöglich – auch sie sind zahllos gewesen. Und nicht zu vergessen sind die vielen Kontakte und Kooperationen mit anderen Gruppen und Initiativen der Bewegung. Rechnet man all die damit verbundenen Treffen und Besprechungen zusammen, fehlt in Waltrauds Terminkalendern dieser Jahre wohl kaum viel auf ein volles Tausend an Terminen, die sie für die HOSI Wien eingetragen hat.

Trotzdem: Ein paar Highlights der von ihr mitorganisierten und betreuten Veranstaltungen im HOSI-Zentrum sollen hier erwähnt werden. Sie hat dafür gesorgt, daß Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen wie Krista Beinstein, Christa Biedermann, Hanna Hacker, Ilse Kokula, Anke Schäfer und Ulrike Hänsch im HOSI-Zentrum zu Gast waren, aber auch für „überrannte“ AIDS-Info-Veranstaltungen nur für Frauen, Theateraufführungen und Videofilmabende.

Durch ihren umfangreichen Schriftverkehr machte Waltraud die HOSI-Wien-Lesbengruppe auch im deutschsprachigen Raum bekannt, und sie engagierte sich in der ILGA, vertrat die HOSI Wien auf etlichen ILGA-Tagungen (Zürich 1987, Oslo und Amsterdam 1988, Budapest 1989, Leipzig und Stockholm 1990, Prag 1991, Linz 1998). Und sie war maßgeblich an der Herausgabe des 1. Frauenbulletins der ILGA beteiligt.

Im Februar 1990 wurde Waltraud schließlich zur Obmannstellvertreterin gewählt – Obmann war damals Reinhardt Brandstätter. Im folgenden Jahr sollten die Vereinsfrauen eine der wichtigsten Statutenreformen in der Geschichte der HOSI Wien forcieren: Für die drei Vorstandsfunktionen Obmann, Schriftführer und Kassier sollten keine StellvertreterInnen mehr gewählt werden, sondern zwei gleichberechtigte FunktionärInnen, wobei beabsichtigt war, die Funktionen geschlechterparitätisch zu besetzen. Diese Statutenänderung, die bis heute gilt, wurde dann 1991 auf der Generalversammlung verabschiedet. Seither gibt es zwei Obleute, zwei SchriftführerInnen und zwei KassierInnen ohne Rangfolge innerhalb der jeweiligen Funktion.

Zur ersten Obfrau des Vereins wurde dann Waltraud im März 1991 auf der „legendären“ Marathon-Generalversammlung gewählt – diese dauerte insgesamt 16 Stunden und mußte an zwei Sonntagen abgehalten werden. Waltraud übernahm das Kommando in der HOSI Wien damals in einer eher schwierigen Phase, aus der sie den Verein geschickt hinausmanövrierte. Gemeinsam mit den Ko-Kapitänen DIETER SCHMUTZER, HENNING DOPSCH und CHRISTIAN HÖGL sollte sie dann in den folgenden zehn Jahren das Flaggschiff der österreichischen Lesben- und Schwulenbewegung noch durch so manch bewegte See steuern.

Aufgrund ihrer HOSI-Wien-Tätigkeit wurde Waltraud 1993 Vorstandsmitglied der Initiative Minderheitenjahr 1994, die danach zur Initiative Minderheiten wurde, deren Vorstand Waltraud bis heute angehört. Im Februar 1994 wurde Waltraud bei der konstituierenden Sitzung des Österreichischen Lesben- und Schwulenforums (ÖLSF) zu dessen stellvertretender Vorsitzenden gewählt. 1996 kandidierte sie aus Zeit- und Ressourcenmangel nicht mehr für die Funktion. Kurz danach sollte es mit dem ÖLSF, das es heute nur mehr auf dem Papier gibt, bergab gehen.

1990 begannen für Waltraud die zahlreichen Politikerbesuche – den Anfang machte sie bei Frauenstaatssekretärin Johanna Dohnal (31. 10. 90), danach folgten Sektionschef Roland Miklau und Ministerialrat Harald Tiegs im Justizministerium (24. 5. 91), ÖVP-Familienministerin Ruth Feldgrill-Zankel (10. 10. 91), ÖVP-Generalsekretärin Ingrid Korosec (23. 10. 91), SPÖ-Justizsprecherin Elisabeth Hlavac (5. 11. 91) und Franz Vranitzky (23. 9. 92) – wohl der Höhepunkt dieser Gespräche, erstmals empfing ein österreichischer Bundeskanzler VertreterInnen der Lesben- und Schwulenbewegung. Weiters gab es Gespräche mit SPÖ-Klubobmann Willi Fuhrmann (22. 3. 93), seinem Nachfolger Peter Kostelka (12. 12. 94), mit ÖVP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat (17. 5. 95), Nationalratspräsident Heinz Fischer (9. 10. 95), Frauenministerin Barbara Prammer (19. 2. 97), LiF-Vorsitzender und Abgeordneter Heide Schmidt (26. 2. 97), der Wiener Stadträtin Renate Brauner (17. 3. 97), Justizminister Nikolaus Michalek (18. 3. 97), Sozialministerin Lore Hostasch (3. 4. 97), Innenminister Karl Schlögl (28. 10. 97), der Wiener Vizebürgermeisterin Grete Laska (27. 10. 98) und dem SP-Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas (29. 6. 99).

Im Oktober 1995 war Waltraud als Lesben- und Schwulenvertreterin auch zur ExpertInnen-Anhörung im Justiz-Unterausschuß zur Erörterung der Reform der §§ 209, 220 und 221 geladen.

Waltraud Riegler zählt ganz sicher zu jenem Kreis von AktivistInnen, die die Geschichte der HOSI Wien maßgeblich geprägt und mitgestaltet und ungeheure Ressourcen und viel persönliches Engagement in die Vereinsarbeit investiert haben. Die hier präsentierte Übersicht kann nur ein grober Abriß all dieser Aktivitäten sein. Unterstützt wurde sie dabei von ihrer langjährigen Partnerin Sissi, was hier nicht unerwähnt bleiben soll. Denn ohne großes Verständnis, Nachsicht und Unterstützung der Partnerin wäre solcher Einsatz und derartiges ehrenamtliches, also unbezahltes Engagement nicht möglich gewesen.

2001 ist von der UNO zum Internationalen Jahr der Freiwilligen ausgerufen worden – Waltrauds ehrenamtliches Engagement ist sicherlich auch in diesem Zusammenhang ein leuchtendes Beispiel innerhalb der österreichischen NGO-Szene und Zivilgesellschaft, das eigentlich auch breitere gesellschaftliche Anerkennung als nur durch die Lesben- und Schwulenbewegung verdiente – aber wir leben ja in Österreich! Eines muß nämlich auch bedacht werden: Ein Engagement wie in der HOSI Wien dient nicht nur dazu, politische Ziele zu erreichen, sondern erfüllt auch ganz wichtige soziale Funktionen. Nicht nur durch ihre persönlichen Gespräche mit vielen Lesben, sondern auch durch ihren Anteil an der Aufrechterhaltung einer Infrastruktur wie der HOSI Wien im allgemeinen und der Lesbengruppe im besonderen hat Waltraud vielen jungen Menschen bei einem problemfreien und positiven Coming-out geholfen und dadurch sicherlich so manches Abgleiten in Unglücklichsein, Depression, Sucht oder gar Freitod verhindert.

Waltraud wird auch weiterhin der HOSI Wien zur Verfügung stehen und – in geringerem Ausmaß – im Verein mitarbeiten. Dennoch soll ihr an dieser Stelle für ihre bisherige Tätigkeit nochmals ganz herzlich gedankt werden. Und auch Sissi für ihre Unterstützung.

 

Nachträgliche Anmerkung:

Informationen und Fotos zu Waltrauds Tätigkeit in der HOSI Wien finden sich an vielen Stellen dieser Website. Zum Auffinden dieser Stellen am besten ihren Namen in das Suchfeld eingeben.

 

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