Seite wählen
  1. Diverse LN-Beiträge
  2. ILGA tagte in Köln: Am Rhein so schön…

ILGA tagte in Köln: Am Rhein so schön…

Veröffentlicht am 14. Oktober 1997
Vom 29. Juni bis 5. Juli 1997 fand in der heimlichen Schwulen- und Lesbenhauptstadt Deutschlands die 18. ILGA-Weltkonferenz statt. Mit der Verabschiedung entsprechender neuer Statuten stellte die International Lesbian and Gay Association endgültig die Weichen für ihre neue regionale Struktur. Ich berichtete in den LN 4/1997.

ANDRZEJ SELEROWICZ und JOHN CLARK auf Kurzbesuch in Köln, um auf der CSD-Parade mit dem „Re’uth"-Banner mitzumarschieren.

ILGA-Vorstandsmitglied DOUGLAS SANDERS aus Kanada in seinem Element am CSD im Anschluss an die ILGA-Weltkonferenz in Köln.

Sind tatsächlich schon wieder zwei Jahre vergangen seit der letzten Weltkonferenz der ILGA in Rio 1995 [vgl. LN 3/1995, S. 59 f]? Sagenhaft! Wie war das bloß früher, als die Weltkonferenz jährlich stattfand? Das Interesse hätte wohl größer sein können, die Gastgeberin, die lesbian and gay liberation front Köln e. V. (lglf), die heuer ihren 20. Geburtstag feiert, hatte sich mehr TeilnehmerInnen erwartet. Es kamen rund 200 Delegierte aus über 40 Ländern an den Rhein, was auf alle Fälle ein gute Durchmischung war. Die starken skandinavischen Delegationen scheinen ebenfalls der Vergangenheit anzugehören (die Sparpakete treffen dort auch die Subventionen an die Homobewegung), aus Norwegen war gar niemand gekommen. Vergleichsweise wenig Interesse auch aus dem Gastgeberland selbst. Daß genug Lesben und Schwule in Köln speziell und in Deutschland ganz allgemein zu mobilisieren sind, bewiesen die Christopher-Street-Day-Paraden, zu denen hunderttausende kamen. So auch zum Umzug durch Köln am 6. Juli, der auch für den ILGA-Kongreß den krönenden Abschluß darstellte.

Österreich war diesmal mit sechs regulären Delegierten vertreten – zwei von der HOSI Linz, drei vom Rechtskomitee Lambda und dem Autor dieser Zeilen. Außerdem lief Ex-Generalsekretärin REBECA SEVILLA dank ihrer neuen Wiener Adresse als Österreicherin; Kurzbesuche statteten der Tagung auch die emeritierten HOSI-Wien Aktivisten JOHN CLARK, ebenfalls Ex-Generalsekretärin der ILGA, und ANDRZEJ SELEROWICZ sowie ULRIKE LUNACEK ab.

 

Ernste Krise

Die ILGA hat in ihre fast 20jährigen Geschichte (nächstes Jahr ist dieses Jubiläum fällig) immer wieder Krisen gehabt, aber zur Zeit macht sie wirklich eine ernste Krise durch. Das leidige Problem ist die Finanznot und die offensichtliche Unmöglichkeit, für ein Projekt wie die ILGA Sponsorengeld oder größere Einnahmen aus Fundraising-Aktivitäten zu erhalten. Der neue Administrator, übrigens der einzige bezahlte (Halbtags-)Posten im ILGA-Büro, der seit Ende des Vorjahrs tätig sein sollte, enttäuschte durch seine Leistungen, sodaß sein Vertrag nicht verlängert wurde (es hätte aber ohnehin kein Geld gegeben, um ihn zu bezahlen). Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der ILGA in Brüssel sind ziemlich ausgebrannt und wollen zum Großteil nicht weitermachen. Leider ist zudem durch die vor vier Jahren eingeleitete Umstrukturierung, nämlich die Regionalisierung, die bisherige Arbeitsweise der ILGA zum Teil aufgegeben worden: Früher waren einzelne Mitgliedsorganisationen für bestimmte Bereiche (Aktionen, Finanzen, Frauen, Information, später Administration) zuständig, sie hatten jeweils ein stellvertretendes Sekretariat, das bei Notfällen einsprang. Und die Sache funktionierte einigermaßen, was vielleicht aber auch an dem größeren Engagement der einzelnen Gruppen lag. In den letzten Jahren vermißte man diesen Einsatz bei einigen Mitgliedsorganisationen, die spezielle Aufgaben übernommen hatten. Der Zerfall der bisherigen Strukturen kommt leider um einige Jahre zu früh, weil die geplante neue Struktur noch nicht implementiert ist. Sie wurde in Köln vorerst nur formal beschlossen.

 

Neue regionale Strukturen

Die ILGA hat sich neue Statuten gegeben, die sich sehr an jenen orientieren, die der europäische ILGA-Regionalverband vergangenen Dezember verabschiedet hat. Sie sehen als wesentliche Neuerung vor, daß ab nun zwischen den alle zwei Jahre stattfindenden Weltkonferenzen (= Generalversammlungen) ein Vorstand die Geschicke des Vereins ILGA lenkt. In diesem Vorstand werden je eine Vertreterin und ein Vertreter der sieben in Köln festgelegten ILGA-Regionen entsandt: Afrika, Asien, Australien/Ozeanien, Lateinamerika/Karibik, Nordamerika, Osteuropa und Westeuropa. Was Ost- und Westeuropa betrifft, ist in Köln leider eine satzungswidrige Panne passiert. Da auf der Europatagung in Madrid (vgl. LN 1/1997, S. 46 f) ein gemeinsamer ILGA-Regionalverband für ganz Europa gegründet wurde, gibt es natürlich keine zwei Regionen West- und Osteuropa und daher auch nicht vier, sondern nur zwei VertreterInnen Europas im ILGA-Weltvorstand. Diese Panne wird wohl auf der Tagung von ILGA-Europa, die vom 9. bis 13. Oktober 1997 in London stattfindet, behoben werden.

Die neue Verfassung des ILGA-Weltverbands sieht darüber hinaus vor, daß die beiden VertreterInnen der einzelnen Regionen im ILGA-Welt-Vorstand von den Regionalverbänden gewählt werden. Damit werden die einzelnen Regionen mit mehr oder weniger sanfter Gewalt gezwungen, ihre regionale Struktur – sprich ihren Regionalverband – unter Dach und Fach zu bringen. Ob dieser sanfte Zwang helfen wird, wird sich weisen. Jedenfalls hat seit der Tagung in Rio vor zwei Jahren nur Europa einen Regionalverband gegründet. Am ehesten sind Asien und Lateinamerika imstande, rasch ihre regionale Struktur zu verwirklichen. In Nordamerika wird das wohl nie funktionieren, weil die ILGA dort nur wenige bedeutende Mitgliedsorganisationen hat, obwohl dort das größte Potential wäre, gerade auch, was Fundraising betrifft. In Köln wurden die RepräsentantInnen der einzelnen Regionen jedenfalls nur provisorisch gewählt. Ob man in zwei Jahren deren Wahl für bestimmte Regionen noch einmal improvisieren wird müssen, wird man 1999 in Südafrika sehen, wohin die 19. ILGA-Weltkonferenz vergeben wurde. Bis dahin wird man auch sehen, ob – wie zu befürchten steht – die europäische ILGA-Organisationen den ILGA-Weltverband vernachlässigen und sich hauptsächlich auf ILGA-Europa konzentrieren werden. Dies wäre auf alle Fälle sehr schade, denn Europa wird auch in Zukunft die stärkste Säule der ILGA sein.

Aus den Reihen der Vorstandsmitglieder wählt laut neuem Statut die Weltkonferenz auch die und den Generalsekretär/in. Diese beiden Funktionen soll es auch in Zukunft geben. Die beiden halten zur Zeit das Werkel ILGA tapfer und aufopferungsvoll am Leben. In Köln wurde JORDI PETIT aus Barcelona wiedergewählt, zu seinem weiblichen Pendant wurde JENNY WILSON aus Australien bestellt – sie war vor zwei Jahren gegen die Belgierin INGE WALLAERT unterlegen, die aber heuer nicht mehr kandidierte.

 

ILGA-Routine

Neben den Workshops über die neuen Statuten gab es eine Reihe von Arbeitskreisen zu verschiedenen Themen. Interessant ist, daß immer weniger Protestaktionen beschlossen werden – eine der wenigen betraf unseren alten Ladenhüter § 209: Protestbriefe an Bundespräsident Thomas Klestil, die Bundesregierung und den Nationalrat wurden verabschiedet. Die politische Arbeit erfolgt immer mehr in konkreter Lobbying-Arbeit. So beschäftigten sich Arbeitskreise mit dem Lobbying bei den europäischen Organisationen (EU, Europarat, OSZE) oder der UNO, wo es immer noch darum geht, den Status der ILGA als anerkannte NGO beim Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) der UNO zurückzuerlangen.

AIDS war ebenfalls wieder Thema, wobei JEFFREY STANTON, Koordinator der AIDS-Arbeitsgruppe der ILGA, einen eindrucksvollen Bericht über die Tätigkeit in den letzten zwei Jahren gab.

 

Tolles Rahmenprogramm

Die engagierten AktivistInnen der lglf Köln hatten nicht nur für eine vorbildlich organisierte Tagung gesorgt – wobei sie einige Rückschläge hinnehmen mußten, eines Nachts etwa wurden ihnen die Computer aus dem Büroraum der Jugendherberge samt wichtiger Daten geklaut –, sie stellten auch ein imposantes Rahmenprogramm auf die Beine. Zur Eröffnung der Tagung sprachen u. a. Schirmherr Axel Horstmann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales von Nordrhein-Westfalen, die grüne Europaabgeordnete Claudia Roth und der offen schwule Bundestagsabgeordnete VOLKER BECK, ebenfalls von den Grünen. Eine ILGA-Delegation wurde auch von Ante Vollmer, der (grünen) Vizepräsidentin des Bundestags im Bonner Bundeshaus empfangen. Die gesamte Tagung wurde von Bürgermeisterin Renate Canisius (entspricht in Wien wohl einer amtsführenden Stadträtin) ins Kölner Rathaus geladen.

An einem Abend arrangierte das von der lglf geführte Lesben- und Schwulenzentrum SCHULZ eine Party für die TeilnehmerInnen, an einem anderen schipperte die Tagung auf einem Boot auf dem Rhein auf und ab, für Unterhaltung sorgte dabei der Kölner Schwulenchor. Höhepunkt der Abendveranstaltungen war jedoch die große Eröffnungsgala zum CSD, die im Hotel Maritim unter dem Ehrenschutz der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth stattfand. Bei der u. a. von Hella von Sinnen moderierten mehrstündigen Gala gab es eine Reihe von Ansprachen, die Verleihung der Jean-Claude-Letist-Preise und jede Menge Gesangsdarbietungen, u. a. von Rainer Bielfeldt, Cora Frost und Margot Werner [1937–2012]. JEAN-CLAUDE LETIST (* 1946) war – für alle, die’s nicht wissen – langjähriger lglf-Aktivist und ab 1986 erster ILGA-Generalsekretär. Er starb 1990 an den Folgen von AIDS. Die Gala war Auftakt zu einem zweitägigen CSD-Straßenfest in der Kölner Innenstadt und natürlich zur großen Parade am Sonntag, 6. Juli, die nach Polizeiangaben eine halbe Million Menschen in die Straßen Kölns trieb.

Die Kölner ILGA-Tagung war sicherlich durch ihr reibungsloses Funktionieren und die gute Stimmung ein Motivationsschub für viele TeilnehmerInnen. Viele „neue“ müssen jedoch erst lernen, nicht zu fragen, was kann die ILGA für unsere Gruppe und unseren Kampf tun, sondern daß die Frage lauten muß: Was können wir für die ILGA und den gemeinsamen internationalen Kampf für unsere Menschenrechte als Lesben und Schwule tun? Wenn man das erst einmal verstanden hat, dann halten sich Frustrationen über die zweifellos bestehenden Unzulänglichkeiten der ILGA in Grenzen.