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Beitrag im deutschen Schwulenmagazin GAY-JOURNAL (Heidelberg) Nr. 1/1985

Mauthausen: Erinnerungstafel an KZ-Mauer enthüllt

Veröffentlicht am 1. Januar 1985
1984 wurde das weltweit erste Denkmal für die homosexuellen NS-Opfer eingeweiht, und zwar in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Im Heidelberger GAY-Journal berichtete ich in der Jänner-Ausgabe 1985 über die feierliche Enthüllung am 9. Dezember. In den LN erschienen dazu ausführliche Berichte von DIETER SCHMUTZER (vgl. LN 1/1985, S. 6 ff).

Gedenkfeier in Mauthausen: DIETER SCHMUTZER trägt den Kranz der HOSI Wien; Vertreter des VSG München und von ARCI GAY/NOVE aus Venedig haben ebenfalls Kränze mitgebracht.

Gedenkstein in Mauthausen – mit den Kränzen nach seiner feierlichen Enthüllung

Von den Homosexuellen Initiativen Österreichs ist am 9. Dezember 1984 im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen (bei Linz) eine Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus enthüllt worden. 150 Frauen und Männer nahmen an der Feier teil. Neben Vertretern aller österreichischen Schwulen- und Lesbengruppen waren auch Gäste aus dem benachbarten Ausland gekommen; die Vertreter des VSG München und von ARCI GAY/NOVE (nucleo omosessuale veneto) aus Venedig brachten sogar eigene Blumengebinde mit. 24 Organisationen aus aller Welt sandten Grußadressen, die bei der Feier vom Obmann der HOSI Linz auszugsweise verlesen wurden. Nachdem eine Vertreterin [Gudrun Hauer] und ein Vertreter [Reinhardt Brandstätter] der HOSI Wien Gedenkansprachen gehalten hatten, wurde der Stein enthüllt.

Die Anbringung des Steins an der Lagermauer von Mauthausen war auf unbürokratische Weise von der zuständigen Abteilung im Wiener Innenministerium genehmigt worden. Das Ministerium hat jedoch nicht, wie in der letzten Ausgabe des GAY-Journals irrtümlich berichtet wurde, 40.000 Schilling zu den Kosten für den Gedenkstein beigesteuert; die gesamten Kosten (rund DM 6.000,–/öS 42.000,–) wurden durch Privatspenden und Mittel der Homosexuellen Initiativen Österreichs aufgebracht.

Das offizielle Österreich nahm sich die Inschrift des Steins („Totgeschlagen – totgeschwiegen“) offenbar zum Motto für seine Reaktion auf die Einladung zur Feier. Vom Bundespräsidenten abwärts über die Bundesregierung bis hin zu den Landesregierungen zog man es vor, auf die Einladungen überhaupt nicht zu reagieren. Positive Umgangsformen zeigte man erst auf lokaler Ebene: Der Bezirkshauptmann von Perg und der Bürgermeister von Mauthausen entschuldigten sich wenigstens brieflich, daß sie „verhindert“ wären, an dieser Homo-Gedenkfeier teilzunehmen. Der einzige „offizielle“ Vertreter – und er kam mehr oder weniger privat nach Mauthausen – war ein Beamter der für diese Gedenkstätte zuständigen Abteilung des Innenministeriums. Er hielt anschließend an die Enthüllung der Gedenktafel eine Führung durch das KZ-Museum für die 150 Teilnehmer ab – und dankte den HOSIs für den Gedenkstein.

Auch der Großteil der österreichischen Medien handelte nach dem Motto „Totschweigen!“.

 

Anmerkung: Weitere Fotos von der feierlichen Enthüllung des Gedenksteins finden sich hier.

 

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