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Pierre Seel (1923–2005)

Pierre Seel, 1923 im später von den Deutschen besetzten Elsass geboren, wurde im Mai 1941 wegen seiner Homosexualität verhaftet und in ein KZ deportiert. Nach einem halben Jahr wurde er entlassen, musste aber danach in den Reichsarbeitsdienst einrücken.

In den frühen 1980er Jahren brach Seel schließlich sein fast 40 Jahre dauerndes Schweigen und begann, über seine schrecklichen Erlebnisse im KZ und während des Krieges zu erzählen. 1994 erschien seine Biografie, die er in Zusammenarbeit mit dem französischen Journalisten und Schwulenaktivisten Jean Le Bitoux (1948–2010) verfasste: Moi, Jean Pierre, déporté homosexuel.

Im deutschsprachigen Raum wurde Seel durch die 1996 erschienene deutsche Übersetzung seiner Biografie und vor allem durch den US-Dokumentarfilm Paragraph 175 aus 2000 (vgl. LN 2/2000, S. 43) einem größeren Publikum bekannt. Das Buch ist übrigens in der Buchhandlung Löwenherz erhältlich.

 

Peer Seel in Österreich

Schon früh hatten ich und die HOSI Wien das Privileg, Pierre Seel kennenzulernen, denn seine erste Reise nach dem Krieg in ein Land, in dem Deutsch gesprochen wurde, führte ihn im Juni 1996 nach Österreich. Seel wollte unbedingt den Gedenkstein für die homosexuellen NS-Opfer im ehemaligen KZ Mauthausen und, als er erfuhr, dass Josef Kohout (1915–1994) auf einem Friedhof in Wien begraben liegt, Kohouts Grab besuchen. Bei dieser Gelegenheit lernte Seel auch Kohouts Lebensgefährten Willi Kröpfl (1924–2012) kennen. Damals organisierte die HOSI Wien zudem ein Zeitzeugengespräch für Interessierte im HOSI-Zentrum, wo Seel auch sein Buch signierte. Ich verfasste danach einen ausführlichen Beitrag über Seel und seine Lebensgeschichte in den LN 4/1996 (S. 59 ff).

Fünf Jahre später nahm Seel die Strapazen der langen Zugreise von Toulouse nach Wien abermals auf sich, um auf einer Podiumsdiskussion in der Wiener Secession zu sprechen, denn beim identities-Queer-Filmfestival im Rahmen von EuroPride 2001 hatte Paragraph 175 seine Österreich-Premiere (vgl. LN 3/2001, S. 14 f).

Nachdem ihn die Strapazen dieser zweiten Wien-Reise sehr erschöpft hatten, war ihm klar, dass er seine Vortragstätigkeit in Hinkunft einschränken musste und daher viele Einladungen nicht mehr annehmen konnte.

Am 21. September 2001 ereilte ihn ein weiteres Unglück: In Toulouse flog die Chemiefabrik AZF in die Luft, was Frankreichs größte Industriekatastrophe nach 1945 auslöste: 30 Tote und über 2500 Verletzte waren zu beklagen. Bei mehr als 15.000 Wohnungen in der Stadt waren die Fenster durch die Explosion zerstört worden. Auch Seel zählte monatelang zu den „sans-fenêtres“, den „Fensterlosen“, wie sie bald im Volksmund in Anlehnung an die „sans-abri“, die Obdachlosen, genannt wurden, und konnte nur einen Teil seiner kleinen Gemeindewohnung bewohnen.

Anfang 2005 musste sich Seel einer Krebsoperation unterziehen, von der er sich nicht mehr wirklich erholte. In der Nacht vom 24. auf den 25. November entschlief Pierre sanft und friedlich, ohne Schmerzen zu leiden, wie sein langjähriger Gefährte Éric Feliu berichtete, der sich all die Jahre um Pierre gekümmert und ihn liebevoll betreut und gepflegt hatte.

Am 28. November wurde Pierre auf dem Dorffriedhof von Bram in der Nähe von Carcassonne zur letzten Ruhe gebettet.

Für die LN verfasste ich einen Nachruf auf Pierre Seel in der Ausgabe 1/2006 (S. 26 f).

Am 23. Februar 2008 wurde in Toulouse schließlich eine Straße nach Pierre Seel benannt (vgl. LN 2/2008, S. 26).

 

Ausstellung in Berlin zur Geschichte der Homosexualität

Vom 26. Juni bis 1. Dezember 2015 zeigte das Deutsche historische Museum im Zeughaus Berlin die vielbeachtete Ausstellung „Homosexualität_en“. Ein eigener Ausstellungsraum war der Geschichte der NS-Verfolgung Homosexueller sowie der Gedenkkultur gewidmet, darunter zwei Ausstellungswände den homosexuellen NS-Opfern Josef Kohout und Pierre Seel. Dies griff ich prominent in meinem LN-Beitrag über die Ausstellung (4/2015, S. 27 ff) auf, den ich mit bis dahin unveröffentlichten Fotos illustrierte (auf dieser Website habe ich meinen ersten Beitrag über Seel um diese Fotos nun ergänzt, denn dort gehören sie ja eigentlich thematisch hin. Bei der Erstveröffentlichung 1996 hatten die LN aus Rücksicht auf Willi Kröpfl die beiden Fotos nicht abgedruckt).

Was die Präsentation in der Ausstellung so besonders berührend machte, war der Umstand, dass Kohout und Seel einander zugeneigt Seite an Seite vorgestellt werden, denn immerhin verband sie in der Tat einiges persönlich, wiewohl sie einander nie begegnet waren, wie ich bereits in meinem ersten Beitrag über Pierre Seel in den LN 4/1996 betonte:

Josef Kohout ist bekanntlich jener Mann, dessen Erlebnisse in verschiedenen KZ-Lagern von seinem Bekannten Hanns Neumann niedergeschrieben und unter dem Pseudonym Heinz Heger und dem Titel Die Männer mit dem rosa Winkel 1972 veröffentlicht wurden. Seel hatte seine KZ-Haft jahrzehntelang verdrängt – bis er 1981 in seiner Heimatstadt Toulouse eine Diskussion über die Deportation und Verfolgung Homosexueller durch die Nazi besuchte. Dabei wurden auch Passagen aus Hegers Buch vorgelesen, das gerade in französischer Übersetzung erschienen war. Seel realisierte, dass hier auch über seine eigene Geschichte berichtet wurde.

Dies war der Anstoß für ihn, für seine Anerkennung als wegen Homosexualität Deportierter durch den französischen Staat zu kämpfen – und schließlich seine eigenen Erinnerungen zu Papier zu bringen.

 

Pierre Seel

„Moi, Pierre Seel, déporté homosexuel“. Récit écrit en collaboration avec Jean Le Bitoux. Verlag Calmann-Lévy, Paris 1994

Pierre Seel: „Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen“. Aus dem Französischen übertragen von Miriam Magall. Jackwerth-Verlag, Köln 1996

Pierre Seel im Juni 2001 bei einer Podiumsdiskussion in der Wiener Secession anlässlich der Österreich-Premiere von „Paragraph 175“

Pierre Seels letzte Ruhestätte auf dem Dorffriedhof von Bram in der Nähe von Carcassonne (Südfrankreich)

2008 wurde in Toulouse schließlich eine Straße nach Pierre Seel benannt.

Josef Kohout und Pierre Seel Seite an Seite in der Ausstellung „Homosexualität_en" im Zeughaus Berlin (2015)