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Josef Kohout (1915–1994)

Josef Kohout, ein schwuler Mann aus Wien, überlebte während der Nazi-Zeit sechs Jahre im Konzentrationslager. Grund für seine Inhaftierung war seine Homosexualität. Seine Erlebnisse im KZ wurden später im Buch Die Männer mit dem rosa Winkel von Hanns Neumann unter dem Pseudonym Heinz Heger nacherzählt und veröffentlicht. Details dazu später. Das Buch ist übrigens in der Buchhandlung Löwenherz erhältlich. Der Name Josef Kohout ist auch eng mit den Bemühungen um Entschädigung und Rehabilitierung im Nachkriegs-Österreich verbunden.

Die HOSI Wien hatte erstmals 1985 Kontakt zu Josef Kohout. Im Editorial der LAMBDA-Nachrichten-Ausgabe 3/1985 (S. 3) hieß es: Für die Nummer 4/1985 planen wir den Schwerpunkt „40 Jahre Zweite Republik“. (…) Wir hoffen, in der nächsten Ausgabe dazu ein Interview mit jenem Rosa-Winkel-Häftling bringen zu können, dessen Geschichte Heinz Heger im Buch „Die Männer mit dem rosa Winkel“ (Merlin-Verlag, Hamburg 1972) erzählt hat. Diesen Mann, der heute in Wien lebt, hat der HOSI-Obmann zufällig kennengelernt. Aber er ist öffentlichkeitsscheu, dennoch hoffen wir, zumindest ein anonymes Interview von ihm für unsere Herbstnummer zu bekommen.

Aus diesem Interview sollte indes nichts werden. Ziemlich enttäuscht teilte die Redaktion in ihrem Editorial in den LN 4/1985 (S. 4) mit: Das in der Nr. 3/1985 angekündigte Interview mit jenem Rosa-Winkel-Häftling, dessen Schicksal als Vorlage zum Buch „Die Männer mit dem rosa Winkel“ von Heinz Heger (übrigens ein Pseudonym) diente, kam bedauerlicherweise nicht zustande. Der Betreffende lebt nach wie vor in Wien, hält aber nicht viel von der Schwulen- und Lesbenbewegung im allgemeinen und von der HOSI und den LN im besonderen. Schade für unsere Leser.

Josef Kohout, ca. 1950

Heinz Heger: „Die Männer mit dem rosa Winkel. Der Bericht eines Homosexuellen über seine KZ-Haft von 1939–1945“. Mit einem Nachwort von Kurt Krickler. Merlin-Verlag, 5. Auflage, Gifkendorf 2011.

Der damalige Vereinsobmann Reinhardt Brandstätter hatte nach der zufälligen Begegnung mit Josef Kohout einen Gesprächstermin mit ihm (an dem vermutlich auch andere HOSI-Wien-Mitarbeiter teilnahmen), um Möglichkeiten von Entschädigungsanträgen zu erörtern. Reinhardt war damals mein Lebensgefährte, das Treffen mit Kohout fand in unserer gemeinsamen Wohnung statt, und zwar am 14. Mai 1985 – wenn der Eintrag in Reinhardts Terminkalender korrekt ist (wovon ich ausgehe; ich habe Reinhardts Terminkalender bis heute aufgehoben).

Ich selbst war bei diesem Gespräch nicht dabei. Reinhardt und ich haben sicherlich über die Sache gesprochen. Allerdings habe ich absolut keine Erinnerung mehr an irgendwelche Einzelheiten, warum Kohout von der HOSI Wien und den LN nicht viel „gehalten“ hat. Ich vermute, er war in dieser Hinsicht einfach konservativ und hatte mit militanten und lauten Aktivisten nicht viel am Hut.

 

Kampf um Entschädigung

Kohout stellte dann im Juli 1986 ohne direkte Hilfe und Unterstützung durch die HOSI Wien einen Antrag an die Pensionsversicherungsanstalt, ihm seine Zeit in KZ-Haft als Ersatzbeitragszeiten für die Berechnung seiner Pension anzurechnen. Diesem Antrag wurde sechs (!) Jahre später im Herbst 1992 stattgegeben, wie ich in einem Bericht in den LN 1/1993 unter dem Titel „Wiedergutmachung: Erster Erfolg“ berichtete (S. 8 f). Auf politischer Ebene hatte die HOSI Wien ja parallel dazu all die Jahre weiterhin intensives Lobbying betrieben. Diese Aktivitäten (bis zum Juni 2001) habe ich ausführlich und detailliert in einem Beitrag für die Begleitpublikation zur Ausstellung „Aus dem Leben“ geschildert (über die Zeit danach siehe Kapitel „Rehabilitierung & Entschädigung“ auf dieser Website). Es wäre auf jeden Fall für ihre Arbeit zweckdienlicher gewesen, hätte die HOSI Wien von Kohouts Antrag gewusst – erst im Mai 1992 hatte sie bei einem Gesprächstermin mit der damaligen Volksanwältin Evelyn Messner erfahren, dass eine solche Pensionssache anhängig war, und erst noch später, dass es sich dabei um Kohouts Antrag handelte (vgl. LN 2/1994, S. 12 ff).

Kohout ist der einzige österreichische Rosa-Winkel-Häftling, dem seine KZ-Haft als Ersatzzeit auf die Pension angerechnet wurde.

Als die HOSI Wien von dieser positiven Entscheidung in der Pensionsangelegenheit erfuhr, kontaktierte ich Josef Kohout und seinen langjährigen Lebensgefährten Wilhelm Kröpfl (1924–2012). Ich besuchte die beiden zu Hause in Kröpfls Wohnung in der Klagbaumgasse in Wien-Wieden am 3. März 1993 (auch meine Terminkalender der letzten 40 Jahre habe ich bis heute aufbewahrt) – es war übrigens meine erste und einzige Begegnung mit Josef Kohout. Ich wollte ihn u. a. dazu überreden, jetzt doch auch um Entschädigung nach dem Opferfürsorgegesetz (OFG) anzusuchen. Auch diesen Antrag sollte Kohout später dann im Alleingang stellen – ohne die HOSI Wien darüber zu informieren. Er sollte die Erledigung des Antrags indes nicht mehr erleben.

Kohout starb, ohne von der Republik Österreich für seine sechsjährige KZ-Haft entschädigt worden zu sein.

In den LN 2/1994 (S. 12 ff) berichtete ich über Kohouts Tod und den Umstand, dass keine Wiedergutmachung für „Heinz Heger“ erfolgte. Ich gehe in diesem Artikel im Detail auf Kohouts Bemühungen um Entschädigung ein.

 

Holocaust Memorial Museum

1994 vermittelte ich Klaus Müller, der u. a. als internationaler Konsulent für Museen und Kultureinrichtungen tätig ist, den Kontakt zu Willi Kröpfl. Josef Kohout war erst zwei Monate zuvor verstorben. In seinem Aufsatz Totgeschlagen, totgeschwiegen? – Das autobiographische Zeugnis homosexueller Überlebender beschreibt Müller sein Zusammentreffen mit Kröpfl (in: Burkhard Jellonnek/Rüdiger Lautmann (Hg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002, S. 407 ff). Der Text steht auch online auf Müllers Website.

Noch ausführlicher und sehr berührend erzählt er über diese Begegnung in einem Video, das auf der Website des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) anzusehen ist: Kröpfl holte zwei Schuhschachteln hervor, um Müller den Inhalt zu zeigen: Briefe und Dokumente aus der Zeit der KZ-Haft Kohouts – und dessen rosa Winkel. Kohout hatte das Stoffstück von seiner Häftlingskleidung all die Jahre aufbewahrt. Kröpfl überließ die Materialien dem USHMM für dessen permanente Sammlung. Es waren die ersten Exponate, die das Museum von einem Rosa-Winkel-Häftling erhalten hat. Kohouts rosa Winkel ist vermutlich der einzige, der erhalten geblieben ist, auf jeden Fall der einzige, der irgendwo auf der Welt in einem Museum ausgestellt ist. Ich berichtete über die Übergabe dieser Materialien ans USHMM in den LN 3/1995 (S. 16) im Rahmen eines ausführlichen Berichts über neue Entwicklungen in Sachen Wiedergutmachung. In dem Beitrag haben die LN auch erstmals Kohouts Original-Rosa-Winkel abgebildet.

Klaus Müller und das Holocaust Museum informierten ebenfalls über diese sensationellen Neuerwerbungen, und so erschien am 26. Juni 1995 sogar ein Artikel darüber auf der Titelseite der New York Times, in dem Kohouts Name vollständig genannt wurde. Dieser war ab nun somit der interessierten Öffentlichkeit – zumindest im angelsächsischen Raum – bekannt. Ich sollte mich indes noch weitere 15 Jahre an meine Willi Kröpfl gegebene Zusage halten, Kohouts vollen Nachnamen nicht öffentlich zu erwähnen (siehe später).

Das USHMM hat Kohouts Original-Rosa-Winkel übrigens für einschlägige Ausstellungen bereits mehrfach als Leihgabe zur Verfügung gestellt, etwas für geheimsache:leben in Wien 2005 (vgl. LN 6/2005, S. 7 f) oder die Berliner Ausstellung „Homosexualität_en“ 2015 (vgl. dazu meinen Beitrag über Pierre Seel). 

Buchbeitrag über Kohout

Für das von Joachim Müller und Andreas Sternweiler herausgegebene Buch Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen (Verlag rosa Winkel, Berlin 2000) verfasste ich einen Beitrag über Josef Kohout, der ja ebenfalls Häftling in Sachsenhausen war. Darin schildere ich die Entstehungsgeschichte von Heinz Hegers Buch – wie sie mir von Kohout und Kröpfl erzählt worden war – und Kohouts langjährige Bemühungen um Entschädigung sowohl in Sachen Pension als auch nach dem OFG, wobei ich hierfür zum Großteil meine früheren diesbezüglichen Texte aus den LAMBDA-Nachrichten rezykliert habe, speziell aus den Ausgaben 3/1992 (S. 26 f – gemeinsam mit GUDRUN HAUER verfasst), 1/1993 (S. 8 f) sowie insbesondere 2/1994 (S. 12 ff).

Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen war die Begleitpublikation zu zwei Ausstellungen über die „Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933–45“, die vom März bis Juli 2000 im Schwulen Museum Berlin bzw. in der Gedenkstätte Sachsenhausen zu sehen waren. 2015 wurde das Buch vom Männerschwarm-Verlag in Hamburg nachgedruckt.

Mein Buchbeitrag wurde „parallel“ dazu auch in den LN 2/2000 abgedruckt, im Juni 2001 zudem im LN-Sonderheft zur Ausstellung „Aus dem Leben“ – als PDF hier zum Herunterladen – und 2011 als Nachwort in der 5. Auflage von Heinz Hegers Die Männer mit dem rosa Winkel, wobei ich den letzten Absatz des Textes (über Kohouts hinterbliebenen Partner) jeweils aktualisiert habe.

In die 2013 erschienene schwedische Neuübersetzung wurde mein Nachwort ebenfalls aufgenommen, allerdings ergänzte ich dieses um für schwedische LeserInnen relevante Informationen (siehe dazu später).

 

Anmerkungen zu meinem Text über Kohout

Zu diesem Beitrag gibt es einige Anmerkungen bzw. Korrekturen zu machen.

Im ersten Absatz schreibe ich, das Buch Die Männer mit dem rosa Winkel sei der erste Bericht eines Homosexuellen über seine KZ-Haft gewesen. Das trifft nicht ganz zu. 1946 war bereits Zebra. Ein Tatsachenbericht aus dem Konzentrationslager Flossenbürg des Oberösterreichers Hugo Walleitner (1909–1982) im Selbstverlag erschienen (auch er fand keinen Verlag, der diese Geschichte veröffentlichen wollte) – wobei Walleitner den Grund seiner KZ-Haft, seine Homosexualität, verschwieg. Insofern stimmt meine Aussage dann doch irgendwie auch wieder.

Walleitners Buch hat jedenfalls nie auch nur annähernd die Verbreitung oder den Bekanntheitsgrad von Heinz Hegers Buch erreicht. Mir ist es in frühen Jugendjahren zufällig in die Hände gefallen. Walleitner schreibt in seinem Buch übrigens über eine Person, bei der es sich wohl um Josef Kohout handelt (ohne ihn natürlich beim Namen zu nennen), wie ich bereits in meinem oben angeführten Artikel in den LN 1/1993 (S. 8 f) erwähnt habe. Was eine Entschädigung betrifft, erlitt Walleitner dasselbe Schicksal wie Kohout – auch Walleitners entsprechender Antrag wurde von den zuständigen Behörden abgewiesen.

Josef Kohouts rosa Winkel ist der einzige noch erhalten gebliebene. Er befindet sich heute im Holocaust Memorial Museum in Washington, D. C.

Joachim Müller/Andreas Sternweiler: „Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen“. Herausgegeben vom Schwulen Museum Berlin im Verlag rosa Winkel, Berlin 2000. Ein Nachdruck erschien 2015 im Männerschwarm-Verlag, Hamburg.

Hugo Walleitner: „Zebra. Ein Tatsachenbericht aus dem Konzentrationslager Flossenbürg“. Eigenverlag Bad Ischl (ohne Jahresangabe, höchstwahrscheinlich 1946 oder 1947). Dieses Buch ist antiquarisch in der Buchhandlung Löwenherz erhältlich.

Man kann Walleitners Bericht durchaus für authentischer halten als jenen Heinz Hegers bzw. Hanns Neumanns über Josef Kohout, da Walleitner seinen „Tatsachenbericht“ unmittelbar nach der Befreiung, als die Erlebnisse noch in frischer Erinnerung waren, auch selbst niedergeschrieben hat. Auch dieses Buch ist – antiquarisch – in der Buchhandlung Löwenherz erhältlich!

Zwei Ungenauigkeiten sind mir bei der Person hinter dem Pseudonym Heinz Heger unterlaufen: Hanns Neumann (1914–1978). Ich habe ihn erstmals in den LN 2/1994 erwähnt und in all den Beiträgen danach seinen Vornamen „Hans“ geschrieben und sein Todesjahr mit 1979 angegeben. Die Schreibweise des Vornamens „Hanns“ war erst dem Nachwort in der 6. Auflage seines Buches zu entnehmen (2014), beim falschen Todesjahr handelte es sich wohl um einen Tippfehler, der mir nie aufgefallen ist (und auf den mich niemand aufmerksam gemacht hat) und der sich daher immer weiter tradiert hat. In den betreffenden Texten auf dieser Website habe ich diese Fehler übrigens nachträglich korrigiert, um Unklarheiten zu vermeiden.

 

Anonymität wahren

Da weder Kohout noch Kröpfl aus Rücksicht auf ihre Familien an die Öffentlichkeit gehen wollten, habe ich bis 2011 ihre vollen Namen in meinen Artikeln selbstverständlich nie erwähnt.

Es war daher nötig, in meinen Texten die Identität Kohouts zu umschreiben, ihn z. B. als jenen Mann zu bezeichnen, dessen KZ-Erlebnisse von Heinz Heger aufgeschrieben wurden. Mitunter setzte ich zwecks Vereinfachung „Heinz Heger“ bloß unter Anführungszeichen, aber niemals, ohne an anderer Stelle im Text den Umstand zu betonen, dass Heinz Heger nicht seine eigene Geschichte aufgeschrieben hat (und darüber hinaus ein Pseudonym ist). 2011 wurde ich für diese „Verkürzungen“ von Frank Gassner in einer Polemik heftig kritisiert (mehr dazu weiter unten).

Im Jahr 2000 – mit meinem Beitrag für das oben genannte Buch Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen – habe ich dann begonnen, die Form „Josef K.“ zu verwenden. Ich habe diese bis 2011 beibehalten, darunter noch im Nachwort der 5. Auflage von Heinz Hegers Buch, die im selben Jahr erschienen ist.

Denn ich fühlte mich Willi Kröpfl in all den Jahren im Wort, den vollen Namen Josef Kohout nicht öffentlich zu nennen, wiewohl er seit dem erwähnten Artikel in der New York Times im Juni 1995 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt war und Kohouts voller Name immer öfter in Publikationen genannt wurde. In den LN etwa haben PHILIPP KAINZ, GUDRUN HAUER und PETRA M. SPRINGER ebenfalls Kohouts vollen Nachnamen in ihren Berichten über die erwähnte Ausstellung geheimsache:leben bzw. in ihrer Rezension des Ausstellungskatalogs genannt (vgl. LN 6/2005, S. 7 ff, sowie LN 1/2006, S. 28 f).

 

Heinz-Heger-Park – unrichtiger Text

Noch im November 2009, als der Heinz-Heger-Park im 9. Bezirk eingeweiht wurde, wurde Kohouts Nachname – auf Wunsch bzw. mit Rücksicht auf seine Familie – auf der entsprechenden Informationstafel bloß abgekürzt – ich finde ja, der Park hätte eigentlich Josef-Kohout-Park benannt werden müssen, aber das wollte Willi Kröpfl wohl nicht. In meinem Bericht über die Einweihung des Parks – in Anwesenheit von Willi Kröpfl – in den LN 6/2009 (S. 32) kürzte ich ebenfalls beide Nachnamen ab. Kröpfl trat bei dieser Gelegenheit das erste (und eigentlich auch das einzige) Mal in dieser Sache in der Öffentlichkeit in Erscheinung.

Kohout hatte bis zu seinem Tod im Jahr 1994 im Haus Zimmermannplatz Nr. 1 eine Wohnung gemietet. Der offen schwule Allgemeinmediziner HORST SCHALK, der im selben Haus gemeinsam mit Karl Heinz Pichler eine Arztpraxis führt, hatte ursprünglich die Idee, den Zimmermannplatz umzubenennen, was allerdings nicht möglich war. Schalks Initiative wurde indes insofern aufgegriffen (und von der SPÖ-Sektion Andersrum und der Bezirksvorstehung des 9. Bezirks unterstützt), als schließlich immerhin die Grün- und Freifläche am Zimmermannplatz nach Heinz Heger benannt wurde.

Bei der feierlichen Enthüllung der Informationstafel wurde von einigen TeilnehmerInnen spontan kritisiert, dass jeder Hinweis darauf fehlte, weswegen „Josef K.“ im KZ war. Der Text auf der Info-Tafel wurde später zwar geändert, allerdings ist die neue Version komplett falsch: Benannt nach Josef K. (…), der unter dem Pseudonym Heinz Heger in seinem Buch „Die Männer mit dem rosa Winkel“ die Geschichte der von den Nazis verfolgten und ermordeten homosexuellen Männer aufschrieb.

Es ist schon ziemlich traurig zu sehen, mit welchem Dilettantismus und mit welcher Lieblosigkeit derartige Dinge durchgeführt werden. Es wäre doch überhaupt nicht schwer gewesen, sich über die Zusammenhänge kundig zu machen. Der Text gehört in der Tat schleunigst ausgetauscht.

 

Offener Bücherschrank

Eineinhalb Jahre später, am 31. März 2011, wurde im Heinz-Heger-Park ein offener Bücherschrank aufgestellt – bzw. eigentlich drei. Die Initiative dazu ging von Frank Gassner aus, der teilweise auch die Kosten für die Herstellung der Schränke übernahm, die eine Besonderheit aufweisen: Während zwei Bauelemente dem üblichen Bücheraustausch gewidmet sind, wurde im dritten Schrank ursprünglich Heinz Hegers Buch zur freien Entnahme eingestellt. Für die regelmäßige Befüllung sorgten die MitarbeiterInnen der Arztpraxis Horst Schalks. Damit für diese Aktion ausreichend Exemplare des Buches zur Verfügung standen, ließ der Merlin-Verlag eine Neuauflage drucken. Der Ankauf der Bücher wurde aus Mitteln des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus mitfinanziert. Für diese 5. Auflage des Buches habe ich das vorhin erwähnte Nachwort über Kohout verfasst.

Eröffnung des Heinz-Heger-Parks am Zimmermannplatz am 30. November 2009 – v.l.n.r.: WOLFGANG WILHELM von der SPÖ-Sektion Andersrum, der damals 86-jährige Willi Kröpfl, 48 Jahre lang Kohouts Lebensgefährte, Initiator HORST SCHALK und Bezirksvorsteherin Martina Malyar (SPÖ)

Der Text auf der Info-Tafel am Heinz-Heger-Park ist absolut nicht korrekt.

Offene Bücherschränke im Heinz-Heger-Park

In meinen Bericht in den LN 2/2011 (S. 17) über die Aufstellung der offenen Bücherschränke habe ich übrigens erstmals Kohouts Nachnamen voll ausgeschrieben. Mittlerweile war er ohnehin quasi Allgemeingut in der interessierten Öffentlichkeit geworden. In meinem Nachwort für die schwedische Neuübersetzung (2013) schrieb ich den Namen Josef Kohout dann ebenfalls aus.

 

Merkwürdige Polemik

Offenbar wütend und enttäuscht über den faktisch falschen Text auf der Info-Tafel im Heinz-Heger-Park, hat Frank Gassner 2011 eine Polemik („Wer war Heinz Heger?“) verfasst, in der er mir die Hauptschuld an der angeblich auch in der Fachwelt herrschenden Verwirrung darüber gibt, wer Heinz Heger nun sei. Er behauptet: Es ist festzustellen, dass die falsche Identifizierung von Heinz Heger maßgeblich auf Kurt Krickler zurückgeführt werden kann. (S. 13)

Das ist kompletter Unsinn. Und Gassner widerlegt seine Vorwürfe in seinem teilweise abstrusen Beitrag ja selbst, denn er zitiert genau die Textstellen aus meinen Artikeln und Beiträgen, in denen ich die Fakten darlege, und sogar meine (private und nicht von vornherein automatisch zur späteren Veröffentlichung gedachte) E-Mail an ihn, in der ich ihm den Sachverhalt nochmals schildere (Fußnote 31 bei Gassner)!

2011 hat niemand inner- oder außerhalb der Fachwelt die ebenso einfachen wie banalen Fakten angezweifelt: Hanns Neumann hat unter dem Pseudonym Heinz Heger die Geschichte Josef Kohouts aufgezeichnet. So einfach und kurz kann man diese Fakten zusammenfassen, die seit 1995 ohnehin quasi Allgemeingut gewesen sind.

Gassner hingegen baut in seiner 16-seitigen Polemik einen teilweise pseudo-akademischen Popanz auf und liefert Antworten auf Fragen, die längst niemand mehr gestellt hat. Besonders skurril mutet es jedenfalls an, wenn er, wie erwähnt, seine Vorwürfe gegen mich durch Zitate aus meinen Artikeln widerlegt, aber gleichzeitig seine Unterstellungen damit zu untermauern versucht.

 

Zusammenfassung

Es sei daher noch einmal zusammengefasst:

Seit 1985 kannte ich den Namen der Person, über deren KZ-Erlebnisse in dem Buch berichtet werden. Und ich habe bereits in den LN 4/1985 geschrieben, dass Heger ein Pseudonym ist.

In den LN 2/1994 habe ich Hegers Pseudonym gelüftet: Hanns Neumann.

Dass Heger/Neumann nicht seine eigene Geschichte, sondern die eines anderen erzählt, hat er im Vorwort seines Buches selbst betont. Daran hat es daher nie Zweifel gegeben.

Wenn Gassner meint (S. 9), der Umstand, dass etwa in der englischen Ausgabe (1980) dieses Vorwort des Verfassers fehlt, habe verständlicherweise im angloamerikanischen Raum zu dem Glauben führen müssen, dass Heinz Heger seine eigene Geschichte erzählt habe, so mag das sicherlich für die ersten fünfzehn Jahre der Buchrezeption zutreffen. Seit jedoch Josef Kohouts voller Name (und eben auch über die Rolle Heinz Hegers) im Juni 1995 auf der Titelseite der New York Times zu lesen war und die Informationen und Dokumente aus dem Nachlass Kohouts im Holocaust Memorial Museum ausgestellt und online verfügbar sind, ist diese „Verwechslungsgefahr“ wohl ein für alle Mal gebannt worden. Abgesehen davon, dass man mich wohl nicht für das Weglassen des Vorworts in der englischen Ausgabe verantwortlich machen kann.

 

Verwirrung auf schwedisch

Dabei hätte die ganze Sache durchaus das Potential für Verwirrung gehabt, wäre die schwedische Übersetzung von Heinz Hegers Buch aus dem Jahr 1984 über Schweden hinaus rezipiert worden. Doch das ist Gott sei Dank nicht geschehen. 1984 hatte der schwedische Aktivist und Autor Fredrik Silverstolpe (1947–2001) seine Übersetzung von Hegers Buch gemeinsam mit seiner eigenen 170-seitigen wissenschaftlichen Abhandlung über „Homosexualität im Dritten Reich“, die er tiefstapelnd als „einen historischen Kommentar“ betitelte, herausgebracht.

Seine Recherchen führten Silverstolpe 1983 für ein paar Tage auch nach Wien. Er wohnte bei dieser Gelegenheit bei mir (Stichwort: Pension Krickler) und erzählte mir, dass er gehört habe, dass der Lebensgefährte Heinz Hegers in der „Kofferzentrale“ auf der Mariahilfer Straße arbeite. Er wolle ihn ausfindig machen. Und es sollte ihm in der Tat gelingen. Dieser Lebensgefährte – Helmut Musatits (1942–2013) – hatte ihm offenkundig berichtet, dass sein (1978) verstorbener Freund Hanns Neumann die Person hinter dem Pseudonym Heinz Heger gewesen sei und seine eigenen Erlebnisse aufgeschrieben habe. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt dazu überhaupt nichts sagen, da ich ja erst zwei Jahre später von der Existenz Josef Kohouts erfahren sollte.

Silverstolpe ignorierte Heinz Hegers Vorwort ebenfalls und übernahm es nicht in seine Übersetzung, sondern verfasste sein eigenes Vorwort, in dem er Neumann als jenen 22-jährigen Studenten präsentierte, der 1939 von der Gestapo in Wien verhaftet worden war.

Als 2013 eine schwedische Neuübersetzung vorbereitet wurde, hatte ich Gelegenheit, mein in der 5. deutschen Auflage erschienenes Nachwort zu ergänzen, um Silverstolpes Irrtum aufzuklären und ausführliche zusätzliche Hintergrundinformationen über die Situation von Schwulen und Lesben während der Nazi-Zeit zu geben. Ich habe die schwedische Fassung zur Abrundung dieser „Geschichte“ nochmals abgetippt und in der Sektion „Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern“ auf dieser Website online gestellt.

Warum Musatits der Auffassung war, seinem Lebensgefährten Neumann sei all das widerfahren, was dieser als Heinz Heger in seinem Buch berichtet hat, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Ich selber habe Jahre später (da waren Kohouts Dokumente längst im USHMM öffentlich zugänglich) einmal mit Musatits telefoniert, und auch mir gegenüber hat er gemeint, Neumann habe seine eigene Geschichte aufgezeichnet. Ehrlich gesagt war ich in dem Moment so überrascht und perplex, dass ich nicht wirklich wusste, wie ich mit dieser Aussage und Situation umgehen sollte, und habe das Gespräch dann relativ rasch beendet.

Heinz Heger: „Fångarna med rosa triangel“ / Fredrik Silverstolpe: „Homosexualitet i Tredje riket. En historisk kommentar“. Författarförlaget, Stockholm 1984.

Heinz Heger: „Männen med rosa triangel“. Med ett förord av Jonas Gardell och ett efterord av Kurt Krickler. Übersetzung ins Schwedische durch Anna Lindberg. Bokförlaget Atlas, Stockholm 2013.

In der aktuellen (7.) Auflage (2019) von Heinz Hegers Buch, in die mein Nachwort aus der 5. Auflage übrigens nicht mehr übernommen wurde, wird im nunmehrigen Nachwort bestätigt, was ohnehin zu vermuten war und der Merlin-Verlag in seiner Verlagsinformation wie folgt formuliert: Selbst homosexuell, entschied sich Neumann 1971 aus Furcht vor eigener sozialer Ausgrenzung und beruflichen Repressalien, die ihm berichteten Erlebnisse eines homosexuellen KZ-Überlebenden nicht unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen.

 

Fazit

All diese Umstände werfen ein Schlaglicht auf die Situation homosexueller Menschen in der Nachkriegszeit – und quasi bis heute. Sie legen beredtes Zeugnis über die sicher berechtigten Ängste homosexueller Menschen ab, die dazu führten, dass NS-Opfer bis über ihren Tod hinaus lieber anonym bleiben wollten – ebenso wie Autoren, die über die Verbrechen an diesen Menschen und ihr Leid berichtet haben.

Dass diese Auswirkungen auf die Betroffenen und die Bedingungen, unter denen sie nach Ende des Krieges in Österreich weiterleben mussten, auf großes Interesse speziell im Ausland stoßen, beweisen die Reaktionen auf die schwedische Neuausgabe des Buches. Die schwedischen RezensentInnen haben in ihren Buchbesprechungen häufig auch mein Nachwort und die darin beschriebene Kontinuität der Verfolgung und die Nichtanerkennung der homosexuellen NS-Opfer durch das offizielle Österreich – zum Teil sehr ausführlich – erwähnt. Hier eine Auswahl:

 

Litteraturmagazinet vom 29. Juli 2013

Website des schwedischen Rundfunks Sveriges Radio (SR) vom 31. Juli 2013

Helsingborgs Dagblad vom 2. August 2013

Sundsvalls Tidning vom 10. August 2013

Expressen/GT vom 24. August 2013

Website des schwedischsprachigen Programms des finnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks Yleisradio (YLE) vom 10. September 2013

Dagensbok.com vom 29. September 2013

Kulturdelen vom 10. Oktober 2013